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People | 17.09.2021

Die Macherin

Den Unternehmerinnen Award 2021 in der Kategorie Export hat sie „in der Tasche“. Stilleinlagen wörtlich meist ebenfalls. Christina Polster leitet erfolgreich ein elektrotechnisches Unternehmen im Südburgenland und spricht mit uns über Klischees und Durchsetzungskraft.

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Christina Polster übernahm vor sechs Jahren als 25-Jährige das Unternehmen ihres Vaters. © Andi Bruckner

Der Unternehmerinnen Award fand heuer zum 7. Mal statt. 165 Unternehmerinnen haben dieses Mal für die begehrte Auszeichnung eingereicht. Der Preis in der Kategorie Export geht ins Burgenland an die Firma PIK-As Austria GmbH in Mariasdorf bzw. an deren Chefin: Christina Polster. Die Firma wurde 1982 von ihrem Vater, Franz Polster, als Einzelunternehmen gegründet. Die heute 32-Jährige übernahm 2015 die Leitung. Das Unternehmen produziert und vertreibt elektromechanische Komponenten wie Leistungsrelais, Leistungssteckverbinder, Spezialschalter sowie LED-Innenbeleuchtung für den Spezialfahrzeugbereich. Ein Bereich, der nicht gerade als frauentypisch gilt. Und genau das solle aber nicht immer erwähnt werden – und doch brauche es Role-Models. Wenn es nach Christina Polster geht, wäre es selbstverständlich, dass jeder alles machen kann, solange er Talent dafür besitzt und Spaß daran hat. Eigens erfundene Aktionen, um Mädchen mehr für die Technik zu begeistern, findet sie nur bedingt sinnvoll – ihr Zugang ist praktischerer Natur. Wir sprechen mit ihr über ihren Alltag als Working Mum, als Firmenchefin und als Frau, die Wert darauf legt, dass ihren Kindern einmal alle Türen offen stehen, ohne Geschlechterklischees.

 

Seit über sechs Jahren führen Sie das Unternehmen, das Ihr Vater aufgebaut hat. Wie war für Sie die Übergabe bzw. wie sah Ihr Werdegang davor aus?

Ich habe das BG/BRG Oberschützen absolviert und danach Industriewirtschaft an der FH Kapfenberg studiert. Bereits begleitend zum Studienabschluss habe ich in einem Konzern in Wien als technische Einkäuferin gearbeitet, ehe ich 2012 in unseren Betrieb eingestiegen bin. Knapp drei Jahre habe ich mit meinem Vater parallel gearbeitet, bis ich 2015 den Betrieb übernommen habe. Durch meine Ausbildung und aber auch vor allem die ständige Praxis erhielt ich ein gutes Rüstzeug für die Übernahme des Betriebs. Und ich habe in jedem Bereich der Firma gearbeitet. Ich kann also alle Schritte in allen Bereichen – sowohl in der Produktion als auch in der Verwaltung – theoretisch selbst durchführen. Das war mir immer das größte Anliegen, denn nur so weiß ich als Chefin, wovon ich rede.

 

© Nicole Stessl Photography

"Ich würde eher fragen, was wir jahrzehntelang getan haben, um Mädchen davon abzuhalten, sich für Technik zu interessieren."

Christina Polster, Unternehmerin


 
Wie sieht ein durchschnittlicher Arbeitstag bei Ihnen aus?

In der Früh werden zunächst meine beiden Kinder (4 ½ und ½ Jahr) versorgt und startklar für den Tag gemacht. Danach starten die Termine im Büro. Das sind Abstimmungsgespräche mit meinen Mitarbeiter*innen, Entwicklungsagenden, Kundenbesprechungen oder Webkonferenzen. Je nach derzeitiger Situation stehen auch wieder Kundenbesuche oder Messen im In- und Ausland an. Derzeit begleitet mich dabei meine kleine Tochter, sowohl im Büro als auch auf Dienstreisen. Dass ich zwischendurch oder während der Meetings stille bzw. die Kleine bei mir trage, sind meine Mitarbeiter*innen gewohnt, aber auch bei Besprechungen mit firmenfremden Personen war das noch nie ein Pro­blem. Es ist normal für mich und da die Leute sehen, wie selbstverständlich ich damit umgehe, akzeptieren sie es.

Sie arbeiten in einem sehr technik­lastigen Sektor. Interessierten Sie sich immer schon für den technischen Bereich oder kam das durch die Familie bzw. durch Ihren Beruf?

Mein Interesse für Technik und Handwerk wurde schon früh geweckt. Wir Kinder (ich habe zwei Schwestern) durften bei unseren Eltern oder auch Großeltern viel ausprobieren und auch mithelfen, sodass wir viele Einblicke in verschiedenste Bereiche erhielten.


Wie stehen Sie zu Initiativen, die mehr Mädchen für Technik begeistern sollen?

Ehrlich gesagt, frage ich mich oft, warum solche Kampagnen heutzutage noch notwendig sind. Wenn wir Mädchen und Jungs nicht von klein auf Klischees zuordnen würden, dann hätten wir das Problem nicht. Es soll jeder andere Interessen haben, aber es geht um die Rahmenbedingungen, die müssen stimmen. Früher im Gymnasium wurden wir nicht gefragt, ob wir in textiles oder in technisches Werken gehen wollen. Die Einteilung erfolgte automatisch nach Geschlecht. Ich kann mich noch gut erinnern, als ich damals mit meinen zehn Jahren ganz am Anfang der neuen Schule zum Professor sagte, dass ich lieber beim technischen Werken mitmachen wolle. Er sagte: „Aber du bist ein Mädchen!“ Und ich sagte: „Aber ich kann das besser als stricken.“ Ich habe nicht locker gelassen und auch wenn man mich anfangs belächelt hat, haben sowohl die Professoren als auch die Klassenkameraden gemerkt, dass mich das wirklich interessiert und ich Talent dafür habe.


Also mehr Aufklärung statt Aktionen?

Die Aktionen sind besser als nichts. Das Ziel, dass sich mehr Mädchen für Technik interessieren, ist gut, aber ich muss das nicht immer so auspeitschen und es als etwas ganz Besonderes hinstellen. Es sollte normal sein, dass Mädchen das auch interessiert. Ich würde eher fragen: Was haben wir jahrzehntelang getan, um Mädchen davon abzuhalten, sich für Technik zu interessieren? Im Ausland begegnen mir viel mehr Technikerinnen – in Tschechien, der Slowakei, Ungarn, in den Arabischen Emiraten, wo Frauenrechte in der Gesellschaft nicht gerade hochgehalten werden, haben die dort aber Technikerinnen mit Top-Ausbildungen. Sie tragen zwar ihr Kopftuch und werden im Alltagsleben oft kleingehalten, aber im Berufsleben sind sie viel besser etabliert als Frauen in der Technik bei uns.

 

© Nicole Stessl Photography

Christina Polster plädiert dafür, beim Thema „Mädchen in die Technik“ nicht zu polarisieren, sondern es als „normal“ zu verstehen.




Haben Sie einen konkreten Vorschlag, wie wir es hinbekommen können, dass sich die Geschlechterklischees nicht so sehr auf die Berufswahl auswirken?

Schon ab der Volksschule, aber auf jeden Fall ab der Mittelstufe, sollten die Schuklassen ein Mal im Monat einen Ausflug in einen Betrieb in der Nähe machen. Friseur, Schlosser, Tischler, Krankenhaus etc. Ich kenne keinen Betrieb, der das ablehnen würde. Kinder sollen unabhängig vom Geschlecht erfahren, was man in diesen Berufen macht. Nur in der Theorie zu wissen, dass sie alles machen können, hilft den 10-Jährigen nicht weiter. Sie müssen es sehen und erleben können.


Sie haben heuer den Unternehmerinnen Award 21 in der Kategorie Export erhalten. Worauf führen Sie Ihren Erfolg zurück? Was bedeutet er für Sie?

Es freut und ehrt mich sehr, dass ich dieses Jahr den Unternehmerinnen Award gewonnen habe. Das ist eine schöne Auszeichnung und Anerkennung für die Leistung, die man täglich erbringt. Ich denke, dass der Erfolg eine Summe aus Fleiß, Ehrgeiz, Mut, Hartnäckigkeit und hoher Leistungsbereitschaft ist. Ich bin bereit, viel zu leisten und ständig Neues umzusetzen.

 
Export ist ein wichtiger Aspekt Ihres Unternehmens – welche Länder und Regionen sind hier besonders wichtig für Sie und warum?

Grundsätzlich beliefern wir Kunden weltweit. Die meisten befinden sich im europäischen Raum, aber der arabische Raum gewinnt immer mehr an Bedeutung. Daher sind wir auch im Team sehr international aufgestellt. Mir ist es wichtig, dass wir die für uns wichtigsten Märkte muttersprachlich betreuen können, das ist einer unserer größten Services. Als Produzent und Verkaufsorganisation von elektromechanischen Produkten wie Leistungsrelais, Leistungssteckverbinder, LED-Innenbeleuchtung für Spezialfahrzeuge sind wir in einer Nische tätig und wir sind da­rauf spezialisiert, auch Kunden in Ländern zu betreuen, die eine andere Kultur pflegen. Aufgrund unserer Produkte müssen wir exportorientiert bleiben, da der heimische Markt sehr überschaubar ist, unsere Exportquote schwankt zwischen 65 und 70 Prozent.

 

"Es ist ein Fehler, wenn die Firmenführung die internen Abläufe und die Arbeiten in den einzelnen Bereichen nicht genau kennt."

Christina Polster


 
Der Firmenname bringt einen nun nicht sofort auf elektromechanische Produkte – woher kommt er?

PIK-AS steht für Pannonische Industrie-Komponenten, Anlagen- und Spezialerzeugnisse. Bei der Wahl des Firmennamens wollte mein Vater etwas finden, das eben nicht alltäglich ist. Als er Anfang der 80er-Jahre das Unternehmen gegründet hat, war er meist auf osteuropäischen Messen, wo ein Firmenname dem anderen recht ähnlich war. Alle hatten Technik oder Elektrik als Bezeichnung. Da waren das PIK-AS-Logo und der Name schon ein Eyecatcher und weckten das Interesse und die Neugierde der Besucher.
 

Welchen Tipp haben Sie für Gründer oder für Familienbetriebe, die an die nächste Generation übergeben möchten?

Das Wichtigste ist auf jeden Fall, dass die Person, die den Betrieb weiterführt, das auch wirklich will. Auch bei mir war das nie ein Muss, sondern immer ein Kann. Ist einmal die Entscheidung gefallen, müssen Bereiche und Aufgabengebiete klar definiert sein. ­Jeder muss seinen Verantwortungs­bereich haben, den der andere auch respektiert. Richtungsweisende Entscheidungen müssen gut miteinander abgestimmt und gemeinsam an die Mitarbeiter kommuniziert werden. Nach erfolgter Übergabe sollte der Übergeber auch in der Lage sein, sich zurückzuziehen und der nächsten Generation das Ruder zu überlassen. Selbstverständlich sind Ratschläge immer willkommen, aber letztendlich muss die Entscheidung beim neuen Inhaber liegen. Ein sehr wichtiger Aspekt aus meiner Sicht ist auch, dass die Junior-Generation alle Bereiche des Unternehmens kennt und kann. Für einen Fehler halte ich, wenn die Firmenführung die internen Abläufe nicht kennt oder nicht selbst in der Lage wäre, die Tätigkeit auszuführen. Auch wenn es später einmal nicht mehr die primäre Aufgabe ist, so hat die Führungskraft dennoch Mitsprachekompetenz erlangt, sodass in weiterer Folge auch die Mitarbeiterakzeptanz erhöht wird.