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People | 28.09.2021

Schwups, alles weg?!

Nicht Magie, sondern ein komplexes System steckt hinter der Abwasserentsorgung. Seit 30 Jahren arbeitet Bobby Henecker auf der Kläranlage in Wulkaprodersdorf. Eine Sperrstunde gibt es dort nicht.

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Keine Angst vor engen Räumen und Ratten. Kanalfacharbeiter Bobby Henecker. © #viewitlikejenni

Begegnungen mit Ratten sind nicht alltäglich, kommen aber vor. „Vor Kurzem ist mir eine über die Hax’n hochgelaufen“, erzählt Robert Henecker, den eigentlich alle nur als „Bobby“ kennen. Und dann? „Na, ich hab’ sie abgeschüttelt, was sonst?!“, lacht er. Anfangs irritierten ihn die kleinen Nagetiere mehr, mittlerweile akzeptiert er sie als eine kleine Facette seines Jobs. 30 Jahre ist dieser Anfang her. Bobby – übrigens viele Jahre auch erfolgreicher Torwart – war gerade auf Jobsuche, als auf der Kläranlage in Wulkaprodersdorf der Elektriker plötzlich starb. Er übernahm seine schon damals recht vielfältige Position und musste sich sozusagen als Autodidakt durchschlagen. „Damals war aber alles viel einfacher, die Anlage war kleiner. Seither hat sich einiges verändert“, beschreibt der 57-Jährige und deutet auf die Computer-Überwachungsbilder an seinem Schreibtisch.



Die Fakten

Der Wasserverband Wulkatal, wie sein Arbeitgeber heute heißt, vergrößerte sich seither erheblich und wird laufend modernisiert. Alles wird elektronisch überwacht, überall sind Sonden und Co. angebracht. Das Abwasser von 24 umliegenden Gemeinden wird heute nach Wulkaprodersdorf geleitet; das gereinigte und laufend streng kontrollierte Wasser fließt dann in den Neusiedler See. An einem gewöhnlichen Tag rauschen etwa 120 bis 150 Liter pro Sekunde durch, bei starkem Regen kann sich das schlagartig ändern. „Da können es bis zu 1.400 Liter pro Sekunde werden, das ist das Maximum“, beschreibt Geschäftsführer Otmar Illedits.
In Wulkaprodersdorf steht nicht nur die derzeit größte Kläranlage des Landes, sie gilt in vielerlei Hinsicht auch als ein Vorzeigebetrieb. Ein Beispiel: Der eingedickte Schlamm kommt in die Faulbehälter, mit dem dort entstehenden Gas werden vor Ort Blockheizkraftwerke betrieben, die Wärme und Strom erzeugen. Rund die Hälfte des Energiebedarfs der Kläranlage kann auf diese Weise abgedeckt werden.
Doch zurück zu Bobby, dessen lauschiges Büroplätzchen freilich nur einen Ausschnitt seiner Tätigkeiten abbildet. Der Siglesser entschied sich schon vor Langem für die Spezialisierung als Kanalfacharbeiter und absolviert(e) entsprechende Aus- und Fortbildungen. Was ihm an seinem Job gefällt? „Ich mag die Abwechslung, es gibt ständig neue Herausforderungen und das Arbeitsklima war von Anfang an gut“, zählt er auf. „Sogar meine Frau hab’ ich hier kennengelernt, sie arbeitet im Büro. Mittlerweile sind wir seit zehn Jahren verheiratet“, strahlt er.

 

© #viewitlikejenni

"Steht das Wasser, riecht es nicht so angenehm. Aber wir sind ja keine Parfümerie."

Robert „Bobby“ Henecker, Kanalfacharbeiter



Skurrile Funde

Wie aber nun sieht sein Alltag aus? „Wir beginnen jeden Tag mit einer Dienstbesprechung; da erfahre ich, ob ich auf der Anlage arbeite oder raus zu den Pumpstationen fahre“, schildert er. Diese gleichen in den Gemeinden die Höhenunterschiede aus und befördern das Wasser in Richtung Kläranlage. Alle Anlagen müssen regelmäßig inspiziert und gewartet werden, täglich werden Zulauf- und Ablaufproben genommen, die durch die Gewässer­aufsicht des Landes akribisch analysiert und kontrolliert werden. Liegt irgendwo eine Störung vor, kann es mitunter abenteuerlich werden. Die 2019 initiierte Kampagne „Das WC ist kein Mistkübel“ kommt nicht von ungefähr. „Neben Ablagerungen wie Holzstücke entfernen wir laufend Fetzen und Damenhygienartikel, aber das größte Problem machen uns die feuchten Toilettentücher. Die zersetzen sich nicht und wickeln sich oft um die Pumpe“, erklärt der Fachmann. „Aber mein bisher skurrilster Fund war eine Kegelkugel“, lacht er. Auch wenn es für vieles schon entsprechende Gerätschaften gibt, der Abstieg in den Kanal gehört dazu. Manchmal bis zu zwölf Meter tief. Darauf kann dann ein Marsch von zig Metern in gebückter Haltung folgen. Und die Geruchsbelästigung? „Solange das Wasser fließt, ist das kein Thema, wenn es steht, ist es natürlich nicht so angenehm. Aber ich arbeite auch nicht in einer Parfümerie“, lacht der gut gelaunte Bobby abermals. Der Job birgt freilich auch Gefahren, vor denen die Mitarbeiter möglichst gut geschützt werden sollen. Eine Reihe von Impfungen sind Vorschrift, es gibt streng getrennte Garderoben für Zivil- und Arbeitskleidung. Letztere muss im Betrieb verbleiben und wird laufend speziell gereinigt. Der Abstieg in den Kanal erfolgt ausschließlich mit Gasmessgeräten und Sicherheitsgeschirr; die Mitarbeiter sind stets mit einem Seil gesichert.



Handy am Nachtkästchen

Eine Sperrstunde gibt es auf der Kläranlage selbstverständlich keine. „Bei uns läuft alles 24/7 und 365 Tage im Jahr“, betont Geschäftsführer Illedits. Das bedeutet, dass es auch Bereitschafsdienste gibt. „Da liegt dann das Handy auf meinem Nachtkastl“, sagt Bobby Henecker. Wird eine Störung gemeldet, kann er aber zunächst seinen Laptop hochfahren und sie mit ein bisschen Glück auch von zu Hause beheben. Wenn nicht, packt er sich zusammen und fährt los – vielleicht auch mal zur Geisterstunde, weil jemand denkt, es sei lustig, mit einer Kegelkugel jenes System zu sabotieren, das für Zig­tausende Menschen in der Region die Abwasserentsorgung managt.

 

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