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People | 29.09.2021

Leben retten im Keller

Mehr als Aufschneider*innen: Im Seziersaal ist heute nicht viel los, das Berufsbild der Patholog*innen veränderte sich enorm. Erstaunliche Erkenntnisse im Untergeschoß des Oberwarter Spitals.

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Große Verantwortung. Zigtausende Befunde für die Krankenhäuser Kittsee, Oberpullendorf, Oberwart und Güssing werden jährlich am Oberwarter Institut für Klinische Pathologie und Mikrobiologie erstellt. Im Bild: Oberärztin Margit Deutsch-Höfler © #viewitlikejenni

Die Aufschneider“ taten Patholog*innen einen Gefallen, aber nicht nur. Der köstlich böse Film rückte die Fachärzt*innen, die zumeist im Untergeschoß arbeiten, zwar in den Vordergrund. Er nährt aber auch Klischees. „Das ist eine Satire“, lacht Oberärztin Margit Deutsch-Höfler. Was Schauspieler Josef Hader darf – er war für Recherchezwecke tatsächlich auf der Pathologie Oberwart –, gilt nicht für die Burgenländerin. Dass hier ein realistisches Bild beschrieben werden soll, darüber freut man sich nicht ohne Grund. „Es ist frustrierend, dass teilweise Kollegen nicht gescheit wissen, was wir machen“, sagt Evelyn Gräf, Vorstand des Institutes für Klinische Pathologie und Mikrobiologie, wie es korrekt heißt.
Ein hartnäckiger Irrglaube ist, dass Patholog*innen ständig obduzieren. Das Berufsbild hat sich enorm gewandelt, zuletzt rasant. „Wir machen heute 95 Prozent der Befunde für Lebende.“ Sogar während einer Operation. Gräf schildert ein Szenario: „Die Patientin hat Brustkrebs, liegt in der Narkose, der Kliniker markiert den Wächterlymphknoten und wir schauen das in einem Schnellschnitt an. In 20 Minuten können wir sagen, ob er befallen ist, damit der operierende Arzt weiß, was entfernt werden sollte.“

© #viewitlikejenni

"Wir obduzieren heute wenig, 95 Prozent der Befunde machen wir für Lebende."

Evelyn Gräf, Vorstand des Institutes für Klinische Pathologie und Mikrobiologie Oberwart

 


Als Oberärztin Deutsch-Höfler 2004 am Institut zu arbeiten begann, „haben wir allein in Oberwart 150 Obduktionen im Jahr gehabt“. Ungefähr so viele sind es heute in allen KRAGES-Spitälern im Land. „Ein Bronchialkarzinom ist heute klinisch so abgeklärt und biopsiert, da brauchen wir nicht mehr obduzieren.“ Das Institut im Landessüden ist für die Krankenhäuser Kittsee, Oberpullendorf, Oberwart und Güssing zuständig. Eine Besonderheit: „Wir sind sechs Ärztinnen und haben ausschließlich Biomedizinische Analytikerinnen. Ich kenne sonst keine rein weibliche Pathologie in Österreich“, strahlt Evelyn Gräf, die 2021 die Leitung übernahm.

 

Mikrobiologie. (Kunstvoll) Gezüchtete Keime dienen etwa der Antibiotika-Suche.


Vier Aufgabengebiete werden abgedeckt: Obduktion, Histologie (Gewebs­untersuchungen), Mikrobiologie und Zytologie (Untersuchung von Zellen). „Wir erstellen pro Jahr allein 30.000 histologische Befunde für burgenländische Patient*innen“, sagt Gräf. Die Gewebsproben werden entwässert, in Wachs gegossen, in hauchdünne Schnitten geschnitten, gefärbt und kommen zum Befunden unter dem Mikroskop zu den Ärztinnen. Die Plättchen sind klein und schmal, die Archive der Pathologie dennoch üppig gefüllt: Sie werden 30 Jahre aufbewahrt. Der wertvolle Fundus kann auch später Leben retten. „Wenn eine Frau vor 15 Jahren Brustkrebs hatte, kann ich erneut Marker machen, das ist entscheidend für die Therapie.“
Ein weiteres großes Gebiet ist die Mikrobiologie; hier werden pro Jahr fast 60.000 Befunde erstellt. Dabei wird mit lebenden Keimen – beispielsweise aus Blut-, Harn- oder Stuhlproben – gearbeitet, sie werden auf kleinen Plättchen gezüchtet. Ziel ist nicht nur ihre Definition, sondern auch zu sehen, auf welches Antibiotikum sie wie reagieren. Mikrobiologisch untersucht werden aber auch etwa Ejakulate – Stichwort Fruchtbarkeit – oder die Cervix bei Schwangeren. „Es heißt noch immer: Die Pathologen wissen alles, aber zu spät. Das stimmt nicht! Ein Kliniker erfährt von uns, welchen Keim er mit welchen Antibiotika behandeln kann, und hinter einer lapidaren Blinddarmentzündung kann sich ein bösartiges Geschehen verstecken, das wir aufdecken“, erklärt Gräf.

 

Hightech. Die Gewebsproben werden für eine exakte Analyse hauchdünn geschnitten.


Sie selbst wollte zunächst Allgemeinmedizinerin werden, als sie aber auf der Pathologie famulierte, faszinierte sie sofort die Vielfalt des Fachgebietes. Nur den direkten Kontakt zu den Patient*innen vermisste sie zu Beginn. „Das gleicht für mich der gute Austausch mit den Kliniker*innen aus und die Zusammenarbeit im interdisziplinären Tumorboard, im Rahmen dessen wir Krebspatient*innen über Jahre begleiten.“ Margit Deutsch-Höfler brachte der Zufall ans Institut, „aber mir hat es auch sofort gefallen, das Team ist super und die Arbeitszeiten – zumeist zwischen 8 und 16 Uhr – sind auch ein Vorteil, wenn man Familie hat“. Dass sich falsche Bilder über ihr Fachgebiet halten, hat weitreichende Folgen. „Wir haben Nachwuchsprobleme und seit zwei Jahren eine Facharzt-Stelle ausgeschrieben“, sagt Evelyn Gräf.

„Ein Klischee stimmt“, gibt Deutsch-­Höfler mit einem Augenzwinkern zu. Die Obduktionen bei ungeklärter Todesursache in den Leichenhallen der Gemeinden seien oft abenteuerlich. Nicht nur im Hinblick auf die teils „museale“ Ausstattung. „Die Leute ,verwechseln‘ die Tür mit dem Klo oder müssen dringend Blumen gießen, um zu sehen, wer obduziert wird“, schildert Gräf. (Ein Hinweis für „Hobbydetektive“: Bei Fremdverschulden ist stets der Gerichtsmediziner zuständig.) Weltweit retten übrigens die Lehren aus den Obduktionen von Corona-­Infizierten Leben. Deutsch-Höfler beschreibt ein Beispiel: „So konnte festgestellt werden, dass es durch Covid zur Blutgerinnung in den kleinen Gefäßen kommt und wie man hier mit einer Therapie entgegenwirken kann.“

 

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