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People | 07.10.2021

„Ich gehe reich beschenkt“

Nach 30 international erfolgreichen Bühnenjahren beendet Elisabeth Kulman ihre klassische Gesangskarriere. Sie gibt derBURGENLÄNDERIN eines ihrer seltenen persönlichen Interviews.

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Elisabeth Kulman © Vanessa Hartmann

Ein bisschen mehr als 16 Kilogramm wiegt ihr Koffer gerade. Sie besitzt kein Auto, das Fahrrad, das ihr in Wien gestohlen wurde, ersetzte sie zunächst einmal nicht. An ihrer Schulter baumelt ein winziges Täschchen, leichten, federnden Schrittes geht Elisabeth Kulman vor, um uns den Weg zu zeigen, wo sie gerne das Gespräch führen möchte: auf einer Parkbank unter mächtigen Bäumen, die Postleitzahl spielt für die gebürtige Burgenländerin schon lange keine Rolle mehr. Sie begann 2014, sich von aller Last zu befreien, die ihr nicht guttat. Sie verabschiedete sich von den Opernbühnen, reduzierte ihr Hab und Gut und war fortan mit einem Koffer unterwegs. Demnächst erreicht die Lebensreise der international erfolgreichen Sängerin eine bemerkenswerte Destination …


BURGENLÄNDERIN: Als wir uns 2017 zum Interview trafen, war Ihre Multi-Genre-Musikshow „La femme c’est moi“ neu, sofort erfolgreich, und das ist sie noch. Trotzdem wollen Sie aufhören und die Bühne sogar verlassen?

Elisabeth Kulman: Mein Anspruch war: Ich mache nur noch Sachen, bei denen alles passt. Das war ein solches Projekt. Es hat alles funktioniert, aber ich spüre: Die Zeit ist vorbei, es will was Neues kommen. Etwas, das gesättigt ist, festhalten zu wollen, ist ein Fehler. Ein genialer Gedanke, der mich lange begleitet, ist: kreieren und loslassen. Es ist viel passiert in den letzten Jahren.

Den Beginn eines neuen Lebens­kapitels markiert das Jahr 2014 …

Genau, mein Burn-out. Ich habe 20 Jahre oder mehr scheuklappenmäßig meinen Beruf verfolgt und war sehr erfolgreich. 2013 habe ich begonnen, mich gegen Missstände im internationalen Kulturbetrieb zu äußern (sie war Mit­initiatorin von „art but fair“, Anm.) und war damit viel in der Öffentlichkeit. Gleichzeitig habe ich meinen Beruf voll ausgeübt und zwei CDs herausgebracht. Irgendwann wurde es zu viel.


Wie haben Sie das gespürt?

Ich war eine, die vorne gestanden ist, ich hab’ mich getraut, etwas zu sagen, und immer mehr Leute kamen, um mir etwas einzuflüstern. Ich hab’ mir eingebildet, dass ich die Opernwelt retten muss. Auf der Bühne habe ich noch einen ruhigen Atem verströmt, aber in den Pausen meiner letzten Konzerte war ich nur noch außer Atem. Ich konnte kaum mehr in den Supermarkt gehen, weil ich das Gefühl hatte, jeder will was von mir. Ich habe dann wieder lernen müssen oder vielmehr dürfen, meine eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen, für mich gut zu sorgen. Ich musste schauen, dass ich wieder gesund und fit werde; ich hatte sogar mein Lächeln verloren. Es hat Jahre gedauert, bis ich wieder auf Menschen zugehen konnte, ohne mich bedroht zu fühlen. Ein bisschen ist davon geblieben; ich bin bis heute zögerlich, wenn Interviewanfragen kommen.


Wir sind sehr, sehr dankbar für das Gespräch. – Wie gelang Ihr Neubeginn?

Mir wurde klar: Ich bin nicht auf der Welt, um so früh zu sterben. Dass mir als Sängerin der Atem ausging, sagt alles. Plötzlich wusste ich genau, was ich tun muss: Ich habe meine Ernährung umgestellt (sie lebt vegan, Anm.) und mich komplett umprogrammiert. Traurig ist nur, dass der Mensch eine Stopptafel vorm Gesicht braucht, damit er endlich in andere Richtungen sieht.


Der radikale Schritt bestand darin, auch vieles zu verschenken, sich komplett zu reduzieren …

Ich will weiterhin kein Auto und kein Haus, ich will diese Freiheit behalten. Es ist ein herrliches Gefühl, das Nötigste in einem Koffer mit 16,5 Kilo zu haben; etwas zum Anziehen und zum Waschen, mehr braucht der Mensch nicht.


Sie haben Thailand mit dem Rucksack erkundet und sind auch sonst zwischen Ihren Konzerten viel auf Reisen gewesen. 2020 kam dann die Pandemie …

Ich wechsle gerne den Ort, weil es mich daran hindert, eingerostet zu werden. Wenn es im Außen Veränderung gibt, muss man ständig neu reflektieren. Reisen ist immer ein automatischer Tritt in den Hintern; Corona hat auch mich eingebremst. Dafür war ich viel mit meiner Mutter im Burgenland unterwegs und habe da viel Schönes entdeckt.Ich habe auch lernen dürfen, dass das Verreisen nicht immer wichtig ist. Ich war so oft am Meer, ich muss heute nur die Augen zumachen und stelle mir vor, wie ich die Füße in den warmen Sand stecke und ins Wasser gehe. Ich kann mich genauso in den Wald hineinträumen, auch in einer kleinen Wohnung. Das ist keine Lösung für immer, kann aber für den Moment ein Lebensretter sein.


Elisabeth Kulman
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"Ich habe im klassischen Bereich alles gesagt, was ich sagen wollte."

Elisabeth Kulman, Sängerin

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"Wie es sich anfühlt, wenn wirklich nichts mehr ist, weiß ich natürlich noch nicht."

Elisabeth Kulman, Opernsängerin

Und aktuell?

Ich wohne ausnahmsweise in meiner Wohnung in Wien, weil die gerade nicht vermietet ist. Ich werde aber weiter und wieder reisen, auch wenn das ab 2022 nicht mehr beruflich sein wird.

Sind Sie glücklich und darf man wissen, ob Sie in einer Beziehung leben?

Nein, das darf man nicht (lacht). Aber ich bin sehr glücklich, das darf man wissen. Wenn man man bei Google meinen Namen eingibt, kommt dort als Vorschlag „Elisabeth Kulman Ehemann“ – diese Frage stellen sich offensichtlich viele (lacht). Ich bin ein glücklicher Mensch geworden, weil ich mich zu einem solchen gemacht habe. Aber gerade wenn es nicht so rund läuft, triggert es viele, wenn jemand so happy daherkommt. Ich bin vorsichtig geworden damit, was ich an Privatem hinaustrage.


Sie sind eine Stimme von „#Voice it!“, sozusagen der österreichischen Antwort auf die #MeToo-Bewegung. Wie sehen Sie den Status quo?

Wenn gerade das Verhalten eines namhaften Medienmenschen in Österreich öffentlich diskutiert wird, kann man sagen, dass sich viel getan hat. Es wurde viel Bewusstsein für das komplexe Thema geschaffen. Trotzdem: Wir haben Jahrtausende Patriarchat hinter uns, bis zu einer Kommunikation auf Augenhöhe ist es ein weiter Weg. Den wollen immer mehr Männer mitgehen.


Wie sieht nun Ihre Lebensreise aus?

Ich bin 30 Jahre auf der Bühne gestanden, ich fühle mich dort wie ein Fisch im Wasser. Es hat mich schon was gekostet, diesen Schritt zu tun. Aber ich hab’ mir alle Träume erfüllt, mit den besten Menschen zusammengearbeitet und eine Weltkarriere erreicht. Mehr geht nicht, das ist die eine Seite. Die andere ist, dass ich – so wie es im klassischen Musikbetrieb läuft – meinen Beruf nicht mehr ausüben kann (seufzt tief). Das ist ungesund, es gibt noch immer viele Missstände, gegen die ich mich weiter für meine Kolleg*innen engagieren möchte.Deswegen betreibe ich weiterhin den YouTube-Kanal „What’s Opera Doc?“


Wie blicken Sie in die Zukunft?

Ich forciere und plane nichts. Da ist so ein Vertrauen, dass das Richtige zu mir kommt. Das ist jetzt auch die große Lernkurve für das Kollektiv. Es bricht gerade viel weg, das betrifft unter anderem die Jobs oder die Umwelt. Die Menschen lernen, dass jede Sicherheit nur eine Illusion ist. Wichtig ist das Vertrauen, dass wir kreative Wesen sind und aus nichts etwas erschaffen können.


… und Ihre letzten Auftritte?

Highlights sind noch einmal „Le femme c’es moi“ in Graz und zwei Liederabende: einer im Liszt-Zentrum Raiding und einer im Wiener Musikverein. Diese Konzerte möchte ich zelebrieren.


Spüren Sie einen Trennungsschmerz?

Nein, die Abnabelung hat schon stattgefunden. Ich will noch ein bisschen ins Studio gehen, weil ich seit dem Burn-out keine eigenproduzierte CD mehr herausgebracht habe. Danach schaue ich, was kommt. Ob meine Stimme noch irgendetwas sprechen will. Ich möchte sehen, was passiert, wenn wirklich alles weg ist. Wie sich das dann anfühlt, weiß ich natürlich noch nicht (lacht).


***

Im Auftrittskalender auf ihrer Website notierte die charismatische Sängerin für den 31. Dezember: „Mit Ende des Jahres 2021 beende ich meine klassische Gesangskarriere. (…) Ich gehe reich beschenkt und dankbar und möchte Sie ebenso zurücklassen …“

Gerne in der Natur. Elisabeth Kulman mit Viktória Kery-Erdélyi

Kurz notiert:

Elisabeth Kulman wurde 1973 geboren und wuchs in einer burgenländisch-ungarischen Familie in Oberpullendorf auf. Sie studierte an der Wiener Musikuniversität Operngesang und debütierte 2001 an der Volksoper. Nach einer rund 20-jährigen schillernden Karriere als Opernsängerin (Mezzosopran/Alt) setzt sie ab 2015 ihren Fokus auf Lieder- bzw. Soloabende. Ihre grenzenlose Liebe zur Musik und ihr Mut, auf Schubladen zu pfeifen, gipfelt unter anderem in der mit Tscho Theissing arrangierten Show „Le femme c’est moi“; sie verknüpft dabei mit viel Feingefühl und Humor Klassik-, Pop- und Musicalnummern und erntet dafür seit 2017 viel Applaus von Wien bis Tokyo.


Auszug aus Elisabeth Kulmans finalem Konzertkalender:

  • 14. Oktober, Graz (Stefaniensaal): „Le femme c’est moi“
  • 22. Oktober, Raiding (Liszt-Zentrum, Franz-Liszt-Konzertsaal): Farewell-­Liederabend „Happy birthday, Franz Liszt!“ mit Eduard Kutrowatz
  • 27. Oktober, Wien (Musikverein, Brahmssaal): Abschiedsliederabend mit Eduard Kutrowatz

www.elisabethkulman.com