Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 12.10.2021

Einfach so passiert

Er liebt Autos und Motorräder, die Filmszene war ihm fremd. Dann wird Alex Srtschin zu einem Casting überredet und entdeckt. Gerade dreht er den dritten Kinofilm, wir besuchten ihn in Schützen am Gebirge.

Themen:
Bild H_2110_B_ME_ASrtschin1.jpg
Alex Srtschin © Vanessa Hartmann

Geht es nach Alexander Srtschin, ist seine bemerkenswerte filmische Karriere schnell zusammengefasst. In der sechsten Minute des Interviews sagt der 23-Jährige: „Meine Mentorin Martina Poel hat mir David Clay Diaz vorgestellt, wir haben uns unterhalten, irgendwie kam es zu ,Agonie‘, dann zu ,Me, We‘ und dazwischen hab’ ich bei ,Der Pass‘ mitgemacht.“ Komplimente für sein Talent machen ihn fast ein bisschen verlegen. Er zündet sich innerhalb kurzer Zeit die x-te Zigarette an und wechselt lieber zum Lieblingsthema Autos und Motorräder. Es sollte aber nicht unerwähnt bleiben, dass David Clay Diaz’ „Agonie“ 2016 beim Festival Berlinale als „Bester Erstlingsfilm“ nominiert war. „Fast unglaublich ist, dass Srtschin für ,Agonie‘ das erste Mal vor der Kamera stand“, feierte die Süddeutsche Zeitung den Nordburgenländer. Die Sky-Serie „Der Pass“ war besetzt mit Größen wie Nicholas Ofczarek und Julia Jentsch, im viel gelobten, tiefgründigen Kinofilm „Me, We“ spielt Alex Srtschin neben Verena Altenberger und Lukas Miko eine Hauptrolle. Uns waren sechs Minuten zu wenig, wir hatten noch ein paar Fragen.

 
BURGENLÄNDERIN: Wie bist du zum Schauspielen gekommen?

Alexander Srtschin: Nicht freiwillig. Ich hab’ eine Freundin zum Casting begleitet und wurde dort überredet, mitzumachen. Ich hab’ gedacht: wurscht, wird eh nix. Dann wurde ich aber angerufen. Ziemlich oft, weil ich die Nummer von Schauspielerin und Casterin Martina Poel damals noch nicht gekannt und nicht abgehoben hab’ (lacht); heute ist sie quasi meine Set-Mama.


In „Me, We“ verkörperst du einen jungen Typen, der zunächst rassistisch scheint, darunter liegt viel mehr. Du bist dabei total vielschichtig, faszinierend.

Das glaubt man nicht von mir, stimmt’s?! Das höre ich oft.


Wie bist du aufgewachsen?

Mit drei Geschwistern, in Schützen am Gebirge. Ich hab’ eigentlich nix anderes gemacht als Fußball gespielt. Dann hab’ ich einen Unfall gehabt.


Was für einen Unfall?

Ich bin beim Match in der Drehung gestanden, rechtes Mittelfeld, und wollte flanken, dann ist mir einer in den Oberschenkel reingehüpft. Zack, danke, auf Wiederschauen. Ich hatte Schmerzen, hab’ das Match aber noch fertiggespielt. Am nächsten Tag konnte ich nicht mehr hatschen. Jetzt habe ich das zweite künstliche Hüftgelenk – top, oder?!


Wäre das ursprünglich dein Weg gewesen: das Fußballspielen?

Sicher! Ich wollte in die Fußbal­l­akademie. In der Reha haben sie mich gefragt, warum ich so viel trainiere und mir keine Auszeit nehme. Weil ich spielen wollte! Dann haben sie mir gesagt: Du kannst nie wieder Fußball spielen. Erklär das einmal einem Pubertierenden, der sein Leben lang nichts anderes gemacht hat. Ich hab’ nicht geraucht, nicht getrunken, ich wollte nur spielen. Ich habe lang gebraucht, bis ich das verstanden habe. Das war ein Desaster. Heute habe ich eine Beinlängendifferenz von knapp einem Zentimeter und trage eine Geleinlage. Aber mich hält nichts auf, Sport mache ich trotzdem.


Eine Kämpfernatur?

Ja. Später wollte ich zum Bundesheer. Was war? Ging nicht wegen meiner Prothese. Der Arzt hat reingeschrieben, dass bei einem Sprung aus größerer Höhe ein Risiko bestehen würde.


… also eine weitere Enttäuschung. Was hast du schließlich gelernt?

Ich habe ein Praktikum als Koch begonnen … Respekt an die Küchenchefin und den -chef, das ist überhaupt nicht meines. Gebt mir einen Schraubenschlüssel, da komme ich mit Stress klar. Dabei habe ich Mechaniker nie gelernt; alles, was ich gemacht habe, war immer Learning by Doing. Da ist es schon auch vorgekommen, dass ich die Schaltseile verdreht habe und wenn du den ersten Gang reingegeben hast, war der fünfte drinnen (lacht). Gelernt habe ich schließlich Karosseriebautechniker, also Spengler, und Lackierer.


Impressionen
Bild 2110_B_ME_ASrtschin9.jpg

"Das alles war nicht geplant, aber ich spüre, dass ich was kann, und bin auch stolz darauf."

Alexander Srtschin, Schauspiel-Entdeckung

 

© Filmladen

Bild 2110_B_ME_ASrtschin2.jpg

Auto-Enthusiast.

Alex musste bei der Redakteurin viel Aufklärungsarbeit leisten.

Bild 2110_B_ME_ASrtschin10.jpg

PACKEND.

David Clay Diaz’ „Me, We“ beleuchtet die Migrationsthematik aus unterschiedlichen Perspektiven, mit überraschenden Wendungen.

Infos: www.filmladen.at/mewe

 

© Filmladen

Du liebst Autos, Motorräder – und Downhillfahren. Das kennen vielleicht nicht alle, erzähl mal.

Da fetzt du mit einem Rad mit dicken Reifen und Motocross-Ausrüstung den Berg hinunter, dazwischen machst ein paar Hupfer.


Klingt gefährlich.

Wenn du ruhig bleibst und das Gleichgewicht halten kannst, haut’s dich nicht auf. Und du hast Helm, Handschuhe, überall Protektoren.


Trotzdem: Völlig angstfrei nach deinen Operationen?

Ich glaub’, das war der Auslöser. Irgendwann hab’ ich mir gedacht, jetzt ist es schon wurscht. Aber: Wenn ich drehe, fahre ich nicht, das steht sogar teilweise in meinen Verträgen.


Wie erlebst du Dreharbeiten?

Noch immer komisch. Ich bin jeden Tag nervös, weil da so viele Leute zuschauen am Set. Ich denke mir oft: Eine Kamera tät doch reichen (lacht).


Wann war der Punkt, an dem du dir gedacht hast, das ist nicht nur nebenbei?

Sehr bald, ich hänge mich da jetzt schon rein. Auch wenn mir die Schrauberei vollgas abgeht. Manchmal wünschte ich, mein Vater kommt heim und irgendwas an seiner Maschine ist hin, damit wir reparieren können.


Wie stellst du dich auf deine Rollen ein?

Ich lese mich ein und versuche, die Figur mit so viel Persönlichem von mir wie möglich zu präsentieren. Das heißt: Ich passe meine Lebenserfahrungen an die Szenen an, damit ich mich in die jeweilige Gefühlslage bringen kann.


In „Me, We“ kommt es einmal auch zu einer heftigen Rauferei, schwierig?

Die Szene war hart, wir mussten sie lang üben. Ich musste dabei zum Schluss kerzengerade nach hinten in eine Matte fallen, als wär’s ein Knock-out. Ein schirches Gefühl und etwas schmerzhaft.


Bekamst du Unterricht oder passierte das alles direkt am Set?

David (Clay Diaz, Regisseur, Anm.) und ich sind gute Freunde geworden; wir haben davor geprobt, aber uns alles am Set ausgemacht.


Wie geht es dir damit, wenn du als Naturtalent bezeichnet wirst?

Da bin ich eher ein gschamiger Typ. Das alles, auch dieses Interview jetzt, ist schon cool, aber noch Neuland für mich.


Was kannst du über den nächsten Film verraten?

Wenn man beim Heer war, kennt man den Namen „Eismayer“, von ihm handelt der Film. Er war ein arger Ausbildner, aber ich finde, ein cooler Typ: einer, der die Leute über ihre Grenzen brachte. Später outete er sich als Homosexueller.


Wie fühlst du dich heute in deiner Haut?

Das alles war nicht geplant, aber ich kriege gutes Feed­back, spüre, dass ich was kann, und bin jetzt schon stolz darauf. Ich finde es wichtig, dass man irgendwann halbwegs zufrieden mit sich ist, sonst kannst du dich nicht auf eine Ebene mit jemandem stellen, den du gernhast. Ich habe lange auf mein Leben einen Grant gehabt und leider auch genug Scheiße gemacht. Ich büße heute noch dafür. Manchmal bin ich zum Beispiel richtig deppert gefahren mit dem Motorrad. Aber ich bin noch da, das wird einen Grund haben.


Gut, dass du noch da bist. Wie erlebst du die Filmszene?

Manche mögen meine Leidenschaft für spritfressende Autos vermutlich nicht. Ich respektiere jede Meinung, aber ich kann mich nicht in einen anderen verwandeln. Mir wird das nicht zu Kopf steigen, ich komm’ auch weiter mit meinem Dorfdialekt daher und sage am Set: Des warat kommod, wenn ma heit no auf a Bier gehn (lacht).


Was halten die Autotuning-Leute von deiner Filmkarriere?

Die Szenen berühren sich nicht, dort ist das wurscht. Ab und zu plaudern wir darüber, wer sich das mit den Autos wie finanziert. Ich sage dann, dass ich wie alle anderen viel in der Werkstatt dafür arbeite und auch Schauspieler bin. Da kommt dann: „Hey, leiwand“ – und fertig.


Wie soll’s für dich weitergehen?

Man sagt: Sprich es aus, glaub daran, dann wirst du es erreichen. Ich möchte gerne weiter vor der Kamera stehen und mich nebenbei selbstständig machen: Autos herrichten und verkaufen und als eine Art Lifestyle-Blogger YouTube-Videos machen. Es macht Sinn, sich zusätzlich was aufzubauen. Aber ich hoffe sehr, dass es mit dem Schauspielen weiter bergauf geht.


WORDRAP

mit Alex Srtschin

 

© Vanessa Hartmann

 

Das mag ich an mir …

Meine Zielstrebigkeit. Wenn ich mir was in den Schädel setze, kann jeder dagegenreden, ich mache es trotzdem. Alle haben gesagt, dass ich mit meiner Hüfte nie Downhill fahren werde, aber ich bin so lange ins Fitnessstudio gegangen, bis es geklappt hat.


Das mag ich nicht an mir …

Manchmal gebe ich zu leicht nach.Ein Widerspruch zur vorigen Antwort? – Ja, das ist ein Kampf mit mir.


Was regt dich auf?

Leute, die blöd daherreden und immer alles besser wissen.


Ein perfekter Tag …

Gestern. Ich war mit einem sehr besonderen Menschen wandern.


Davor habe ich Angst …

Von jemandem, der mir sehr nahe steht, verletzt zu werden.


Das gibt mir Kraft …

Meine kämpferische Art. Für das, was ich liebe, bin ich bereit, alles zu tun.