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People | 08.11.2021

Was, Sie arbeiten schon?

Ist Ihnen das schon aufgefallen: Frauen kriegen andere Fragen. Dann sollten einmal Männer darauf antworten, wie sie Kind und Job unter einen Hut kriegen, fand Mari Lang und bat Promis ans Mikro.

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© Martina Lang, Leykam, privat

Es war keine geplante Mission. Es war zunächst das, was ein kluger Mensch im Idealfall intuitiv tut, wenn ihn etwas kränkt: Fragen stellen und reden. Und dann wurde daraus mehr. Viel mehr. Die Pandemie war ausgebrochen, Mari Lang, erfolgreiche ORF-Journalistin und zweifache Mutter, war plötzlich in Kurzarbeit und hatte das eine oder das andere Mal sogar Freude daran, einen Kuchen zu backen. Doch mit Fortschreiten der Zeit stieg Wut hoch: Wieso schließen Männer selbstverständlich ihre Homeoffice-Türen, während Frauen mehrere Bälle jonglieren? Wieso hängt die ganze Care-Arbeit zumeist an den Frauen? Warum müssen sich Mütter rechtfertigen, wenn sie (womöglich auch noch gerne) arbeiten gehen? Und wieso zum Teufel müssen sich Männer nicht mit all den Gesellschafts- (und den banalen, aufs Äußere reduzierenden) Fragen auseinandersetzen? Die Idee für einen Podcast war geboren, Mari Lang drehte den Spieß um: „Frauenfragen: Männer antworten“. Prominente Herren von Armin Assinger über Klaus Eberhartinger bis hin zu Manuel Rubey folgten ihrer Einladung, um auf Fragen zu antworten, die ihnen bislang nicht gestellt wurden. Es kam dabei zu humorvollen Situationen und zu ganz vielen, in denen die Protagonist*innen – die Erfinderin mit eingeschlossen – mit neuen Perspektiven konfrontiert waren. Nach zwei erfolgreichen Staffeln folgt eine analoge Krönung: das Buch „Frauenfragen“.

Wie schaffst du es, Kind und Karriere unter einen Hut zu bringen? Hast du Angst vor dem Alter? Welchen Designer trägst du? – Nerven dich nun die „Frauenfragen“, die du am Buchcover zitierst, oder bist du eher dafür, dass sie Männern genauso gestellt werden müssen?

Wenn Fragen darauf abzielen, Frauen auf ihr Äußeres zu reduzieren und von ihrer Leistung abzulenken, sind sie durchaus verzichtbar. Wenn es aber darum geht, nach der Vereinbarkeit von Kind und Job zu fragen, plädiere ich dafür, dass das auch mit Männern besprochen wird. Denn das ist ein gesellschaftspolitisch gesehen so wichtiges Thema, das noch dazu in so viele Lebensbereiche hineinspielt.


Wie hast du deine Interviewpartner ausgewählt?

Die Männer sollten möglichst bekannt sein und in ihrer Karriere schon viele Interviews gegeben haben. Denn nur so können sie merken, dass mit meinen Fragen etwas nicht stimmt, dass sie diese „Frauenfragen“ eben nie gestellt bekommen. Außerdem wollte ich über die Bekanntheit der Männer auch ein neues Publikum ansprechen. Eines, das beim Thema „Feminismus und Gleichberechtigung“ normalerweise nicht hinhört. Das Bild, dass eine Feministin eine Art Monster mit kurzen Haaren ist, das Männer hasst, ist ja leider immer noch weit verbreitet (lacht). Wenn nun aber jemand Fan von Armin Assinger oder Dirk Stermann ist, hört er oder sie sich das Gespräch vielleicht doch an und kommt zu neuen, wertvollen Erkenntnissen.


Warum ist Feminismus ein so gefürchtetes Wort?

Das liegt zum einen sicher an der Geschichte: Frauen, die den Feminismus vorangetrieben haben, mussten laut und unangenehm sein, um sich Gehör zu verschaffen. Aber dafür ist in Sachen Frauenrechte auch einiges weitergegangen. Deshalb kann ich beim besten Willen nicht verstehen, wie vor allem junge Frauen heute sagen können, sie seien keine Feministin.Zum anderen wird gegen den Feminismus sicher auch gewettert, weil wir Menschen generell eher konfliktscheu sind und Angst vor Veränderung haben. Man muss sich ja nur mal anschauen, wie viele in Jobs oder Beziehungen festsitzen, die ihnen nicht guttun.


Du bist zweifache Mama. Ehrlich, ich stelle Vätern auch diese Frage: Wie hast du Podcast und Buch zeitlich gemanagt?

Das war ein enormer Kraftakt und wäre ohne die Unterstützung meines Mannes und meiner Familie nicht möglich gewesen. Ich habe viel in der Nacht und an den Wochenenden gearbeitet. Karriere zu machen und Kinder zu haben, geht aber nur, wenn man ganz große Abstriche macht – zumindest als Frau. Meine Kinder etwa signalisieren mir gerade, dass sie in den vergangenen Monaten zu kurz gekommen sind, und auch mein Körper zeigt mir auf, dass nicht alles auf einmal geht. Und das schlechte Gewissen ist sowieso mein ständiger Begleiter. Ich glaube, dass wir Karriere und Arbeit generell neu denken sollten: Ist eine 40-­Stunden-Woche wirklich sinnvoll? Muss man als Führungskraft unbedingt vollzeitbeschäftigt sein? Auch dass wir immer darüber reden, dass es mehr Kinderbetreuungsplätze braucht, um Frauen zu entlasten, ist mir zu kurz gedacht. Was, wenn wir einfach von vornherein verlangen, dass Väter ihre Pflichten viel stärker wahrnehmen und die Care-Arbeit nicht selbstverständlich als Frauenarbeit sehen?  

 

 

Buchtipp

Ihren erfolgreichen Podcast destillierte Mari Lang zum ehrlichen, tiefgründigen und pointierten Buch „Frauenfragen“. Darin beschreibt sie die Begegnungen mit Promis wie Armin Assinger, Richard Lugner und Manuel Rubey (Leykam).

 



Zu deinen Interviewpartnern zählen auch Promis, die – von außen betrachtet – sehr „klassisch männliche“ Attribute haben. Wie hast du den Austausch erlebt?

Ich fand es schön, dass sich die meisten Männer sehr auf das „Frauenfragen“-Gespräch eingelassen haben und offen geantwortet haben. Erschütternd fand ich, dass manche noch nie zuvor über das Thema Gleichberechtigung nachgedacht hatten und nicht merken, dass Frauen nach wie vor in so vielen Belangen benachteiligt sind. Das zeigt, dass das Patriarchat, in dem wir leben, es Männern oft doch sehr bequem macht.  


Wer hat dich überrascht?

Andreas Goldberger. Ich hätte nicht gedacht, dass er in Wahrheit ein „geheimer Feminist“ ist. Er ist ja ehemaliger Spitzensportler und lebt in einer ländlichen Region, deshalb hätte ich ihn als eher konservativ eingeschätzt. Doch er hat ganz selbstverständlich erzählt, dass er seine Kinder in den Kindergarten bringt, ihnen die Windeln wechselt und auch kocht. Das Schöne an den „Frauenfragen“-Gesprächen ist, dass wir alle, auch ich, mit unseren Vorurteilen und Geschlechterstereotypen konfrontiert werden und so die Möglichkeit haben, sie zu hinterfragen.


Du hast deine „Frauenfragen“ auch mit renommierten Expertinnen analysiert. Ein Aha-Effekt daraus?

Von der Verhaltensbiologin Elisabeth Oberzaucher etwa habe ich gelernt, dass Frauen vielleicht deshalb empathischer und kommunikativer sind, weil sie, als sie früher verheiratet wurden, sich schnell auf eine komplett neue Umgebung einstellen mussten und diese Eigenschaften dann quasi lebensnotwendig waren.


Start-up-Gründer Ali Mahlodji sagt: „Dieses Männerbild, das wir haben, ist Schwachsinn.“ Was meint er damit?

Dass Männer immer stark sein müssen, keine Gefühle zeigen, ein schnelles Auto und eine junge Freundin haben. Dieses eine Männerbild gibt es aber doch gar nicht und mit diesem Stereotyp tun sich auch Männer schwer.


Wie kann Veränderung gelingen?

Im Grunde nur über das eigene Erleben. Männer müssen die Lebensrealitäten von Frauen mehr spüren und mehr in dieser zu tun haben – als Hausmänner, als Väter, als Pfleger. In den vergangenen Jahrzehnten sind Frauen ja sukzessiv in klassisch männliche Bereiche vorgedrungen. Umgekehrt muss das aber auch endlich passieren! Doch dafür müssten wir als Gesellschaft mal erkennen, dass klassisch weibliche Tätigkeiten wie Care-Arbeit viel Wert sind, dass sie unsere Welt überhaupt erst am Laufen halten. Von Geburt bis zum Tod sind wir von anderen abhängig und trotzdem tun wir so, als könnten wir durch reine Selbstoptimierung völlig unabhängig voneinander leben.


Welche Zukunft wünschst du dir für deine Töchter?

Eine, in der sie alles sein können, was sie sein wollen, völlig unabhängig von ihrem Geschlecht.

Interviewpartner
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Der Feminist. Im Gespräch mit Manuel Rubey

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Die Überraschung. Andreas Goldberger war fortschrittlicher, als Mari Lang gedacht hatte

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Der Visionär. Mit Kinderbuchautor Thomas Brezina


"Ein guter Weg: weibliche Werte aufwerten.", Mari Lang

 

Kurzbio

Mari Lang wurde 1980 in Eisenstadt geboren und ist langjährige ORF-Journalistin und Moderatorin. Wir mochten sehr ihr „Mein Leben – Die Reportage mit Mari Lang“; für die TV-Porträtreihe verbrachte sie jeweils drei Tage mit Menschen, die für eine Sache besonders brennen, von der Jagd auf Geister bis hin zum Tierschutz. Die Mutter zweier Töchter, fünf und acht Jahre, und studierte Kommunikationswissenschaftlerin startete 2020 ihren Podcast „Frauenfragen“, in dem sie bekannte Männer mit Fragen konfrontiert, die für gewöhnlich Frauen gestellt werden. Heuer wurde er zum besten feministischen Podcast Österreichs gewählt.

www.marilang.at