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People | 02.12.2021

Mit der Vergangenheit brechen

In einer Sekte aufzuwachsen und sich den Weg in ein freies Leben als Erwachsene zu erkämpfen, ist für Anna Hatschepsut Huss Nebensache. Die Kunst fließt aus all ihren Poren. Das Porträt einer Ausnahme-Künstlerin.

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© Vanessa Hartmann

Sie wurde sozusagen in die Kunst hineingeboren. Ihren Namen änderte sie vor wenigen Monaten, weil es ihr zu mühsam war, ihn ständig buchstabieren und erklären zu müssen. Hatschepsut Huss wurde nach der legendären Herrscherin des alten Ägyptens benannt. Heute lebt die 35-Jährige als Anna Hatschepsut Huss in Wien. Aufgewachsen ist sie jedoch am Friedrichshof auf der Parndorfer Heide, in der Kommune von Otto Muehl (siehe Info-Kasten), dessen Werdegang und Geschichte bis heute mit Anna verbunden ist, von deren Wertevermittlung sie sich jedoch strikt distanziert. Bei einem sehr emotionalen Gespräch in ihrer Wohnung in Wien erzählt uns die Künstlerin über ihre Vergangenheit, warum sie sich damit nicht mehr identifiziert und wie sie ihren individuellen Weg als Malerin und Kunstschaffende geht – abseits der Kunstblase, mit ganz viel Authentizität.

 

BURGENLÄNDERIN: Früher warst du sehr viel auf Vernissagen unterwegs und in der Kunstszene umtriebig. Heute lebst du eher zurückgezogen. Warum?

Anna Hatschepsut Huss: Meine wilde Zeit habe ich hinter mir, ich habe mich früher wirklich ausgelebt (lacht). Ich trinke keinen Alkohol mehr, mache fünf Mal die Woche Sport und mit meinem Job als Kunstlehrerin und meiner Leidenschaft als Künstlerin ist mein Alltag gut ausgefüllt. Mich für Leute zu verbiegen, mochte ich noch nie. Das kommt wahrscheinlich durch meine Kindheit. In der Kommune wollten alle nur Otto Muehl gefallen, es wurde ständig alles und jeder bewertet. Das einzige Ziel bei jeder Handlung war sein Lob. Vielleicht ist es mir deswegen so verhasst, mich anzubiedern. Als Künstlerin ist das vielleicht nicht gerade hilfreich, aber so bleibe ich ich selbst.

Du warst vier Jahre alt, als Otto Muehl u. a. wegen Kindesmissbrauch zu sieben Jahren Haft verurteilt wurde. Die Kommune zerbrach, aber du hast bis zu deinem 17. Lebensjahr weiterhin am Friedrichshof gewohnt. Wie hast du deine Kindheit in Erinnerung?

Nach dem Zerfall der Kommune hatte ich eine schöne Kindheit am Friedrichshof. Es waren immer viele Leute und Kinder um mich, wir lebten sehr naturnah. Nachdem die Kommune zerbrach, gingen die meisten Kommunarden weg, vor allem die Männer. Die Frauen und die Kinder blieben, sie konnten ja auch nirgends anders hin. Viele hatten nicht mal einen Führerschein, haben ihre Ausbildungen abgebrochen und alles aufgegeben, um in die Kommune zu gehen. Der finanzielle Anteil, den sie in die Kommune einbringen mussten, war auch verloren. Sie hatten keine Perspektive, dachten ja, das würde für immer halten. Als Jugendliche wollte ich dort nur noch weg. Die Umstellung von einer kleinen behüteten Gemeinschaft mitten im Nirgendwo zu der Großstadt Wien war zwar schwer, aber ich wollte es so – eigenständig und alleine sein. Das bin ich auch heute noch gerne.

Als du älter wurdest und begriffen hast, wo und mit welchen Werten du aufgewachsen bist, warst du schockiert?

Ich habe das im Nachhinein mitbekommen. Als Kinder wurde uns ja gesagt, dass das die richtige Art und Weise zu leben ist: freie Liebe, systematischer Sex, das ständige Bewerten und Bemaßregeln von Erwachsenen und Kindern. Je älter ich wurde, umso mehr lernte ich Alternativen kennen. Dann war es ein Schock, ich empfand Abscheu gegenüber den damaligen Zuständen in der Kommune. Ich kann mich heute damit überhaupt nicht mehr identifizieren und hatte lange Zeit Angst, dafür abgestempelt zu werden.

Aufgrund deiner Herkunft und deines Namens bist du oft damit konfrontiert, über deine Vergangenheit zu sprechen. Wie gehst du damit um?

Ich habe sehr viel Abstand zu dieser Zeit. Natürlich war meine Herkunft in der Kunstszene für alle immer sehr interessant. Aber Otto Muehl war ein Mensch, der andere sowohl physisch als auch psychisch gequält und schlimme Sachen gemacht hat. Ich habe ihn als einschüchternde Person in Erinnerung. Er war der Star, seine Kunst wurde gefeiert – alle wollten ihm immer nacheifern, wurden jedoch meist nur belächelt. Ich habe mich mit seiner Kunst nie auseinandergesetzt und sie interessiert mich bis heute nicht. Ich möchte mich mit diesem Teil meiner Vergangenheit nicht mehr so stark befassen, ihm keinen großen Raum in meinem Leben geben. Ich will nicht über meine Herkunft aus der Kommune definiert werden.

 

 



Impressionen ihrer Bilder
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„Traumnovelle 1“

(80 x 120 cm, Tusche auf Karton) – wer erkennt das organische Herz?

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„Traumnovelle 2“

(100 x 150 cm, Buntstift und Tusche auf Karton) – zweideutige Blüten

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„Universum“

(100 x 150 cm, Tusche auf Karton)

Wie bist du als Mensch, wie würdest du dich beschreiben?

Ich bin sehr sozial und kann gut mit Leuten umgehen, bin offen und nicht voreingenommen. Ich behandle jeden mit der gleichen Herzlichkeit, wenn dahingehend nichts zurückkommt, bin ich nicht ungut, sondern meide die Person einfach. Ich brauche viel Zeit für mich alleine und für meinen Sport – ich mache fünf Mal die Woche Crossfit. Wenn ich einen Partner habe, ist mir Treue extrem wichtig. Da bin ich genau das Gegenteil davon, was in der Kommune damals propagiert wurde. Freie Liebe, Polyamorie etc. sind mein kühnster Albtraum. Ich bin ein sehr monogamer Mensch.

Du bist Künstlerin, seit du denken kannst, unterrichtest jetzt auch Kunst an einer Schule in Wien. Woher holst du dir die Inspiration für deine Arbeiten?

Um mich künstlerisch ausleben zu können, brauche ich Freiheit. In Lockdown-Zeiten war das sehr schwierig für mich, ich hatte schlimme melancholische Phasen. Wenn ich keine Freiheit habe, fehlt die Inspiration, ich fühle mich leer. Stark inspiriert werde ich von meinen Gefühlen: Leben, Tod, zwischenmenschliche Ereignisse. Ich brauche ziemlich lang für meine Arbeiten, weil sie sehr detailliert sind. Wenn ich vier bis fünf Stunden am Tag male, mit ab und zu ein paar Tagen Pause, brauche ich rund einen Monat für ein Werk. Wenn ich Ausstellungen habe, arbeite ich an mehreren Bildern parallel. Es ist nicht leicht, Künstlerin zu sein. Du musst mit vielen Niederlagen leben, mit Frustration umgehen. Es gab schon Phasen, da dachte ich, ich lass es. Aber dann kommt wieder Interesse von außen oder der Drang in mir, etwas zu machen, und dann wird das Feuer wieder entfacht. Ich werde es wohl nie ganz lassen können. Die Kunst ist ein Teil von mir, der immer wieder raus will.

Die Galeristin Esther Mlenek beschreibt deine Arbeiten so: „Fleisch, Vulva und Penis sind immer wiederkehrende Motive. Die Gruppierungen eng verschlungener Pflanzen und intimer Körperteile ergänzt Huss mit der Darstellung von Haaren und Frisuren.“ Wie kam es dazu?

Bereits in meiner Ausbildung an der Kunsthochschule habe ich mich viel mit sexuellen Aspekten in den Bildern beschäftigt. Ich habe vier Jahre lang Aktzeichnen an einer Architekturuniversität in Innsbruck unterrichtet. Das Sexuelle bedeutet für mich einfach Leben. Und Haare haben in der Geschichte eine sehr sexuelle Bedeutung. Bei den religiösen jüdischen Frauen zum Beispiel ist es so, dass diese ihre Haare verdecken müssen, wenn sie verheiratet sind. Sie tragen oft Perücke oder Turban, um ihr Echthaar zu verstecken. Ich habe mich viel mit diesem Thema beschäftigt und meine Schattierungstechnik hat sich stark in diese Richtung entwickelt. Meine Bilder enthalten oft Zweideutiges. Ich male mit einer Mischung aus hochwertiger Tusche auf Acrylbasis mit feinen Pinseln und Buntstiften.

Wie hat sich die Kunstszene und der Verkauf der Werke seit Corona verändert?

Ausstellungen sind hier ein wesentlicher Aspekt, sie sind für eine Künstlerin/einen Künstler essenziell. Das ist seit Corona natürlich schwierig. Mein großes Ziel ist es, eine fixe Galerie zu haben. Das ist ein bisschen wie eine Lotterie, du musst zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort mit den richtigen Leuten sein. Ich wünsche mir eine Galerie, die mich vertritt, mich pusht, sodass es für beide Seiten eine Win-win-Situation ist.

 

Fotografin Vanessa Hartmann und Chefredakteurin Nicole Schlaffer mit Anna Hatschepsut Huss. © Vanessa Hartmann


INFO

Otto Muehl/Friedrichshof-Kommune

Der 1925 im Südburgenland geborene Otto Muehl war ein österreichischer Aktionskünstler und wie Günter Brus und Hermann Nitsch ein Vertreter des Wiener Aktionismus. In den 1960ern war ­Muehl federführend bei aktionsähnlichen Veranstaltungen wie der „Uniferkelei“ oder der „Pissaktion“. Proteste und gerichtliche Auseinandersetzungen waren Usus. Ab 1970 machte er durch die Gründung einer Kommune von sich reden, der Aktionsanalytischen Organisation (AAO), in der Zweierbeziehungen und Kleinfamilien abgeschafft wurden. Was in der Wiener Praterstraße begann, fand ihren Höhepunkt am burgenländischen Friedrichshof, einer Kommune einsam in der Parndorfer Platte gelegen, wo bis zu 240 Personen lebten, und die in ganz Europa Ableger hatte (Mitte der 1980er-­Jahre waren es rund 600 Mitglieder insgesamt). Otto Muehl wurde 1991 wegen Sittlichkeitsdelikten, Unzucht mit Minderjährigen bis hin zur Vergewaltigung, Verstößen gegen das Suchtgiftgesetz und Zeugenbeeinflussung zu sieben Jahren Haft verurteilt. Nach seiner Freilassung zog er nach Portugal um, wo er ebenfalls eine Kommune führte, bis er 2013 verstarb.


Anna Hatschepsut Huss

© Vanessa Hartmann

„Entlang der Parameter von Begehren und Verzicht zeigt die Künstlerin ihre doppel­bödigen Kompositionen auf Papier. Hier zerfließen die Grenzen zwischen den Geschlechtern, überblenden sich innere mit äußeren Wirklichkeiten, begegnet Sexualität vorder­gründiger Naivität“, so beschreibt Galeristin Esther Mlenek die Kunst von Huss.

• Geboren am 4. November 1986

• Aufgewachsen am Friedrichshof im Nordburgenland, wo sie bis zu ihrem 17. Lebensjahr lebte, seitdem wohnhaft in Wien

• Ausbildung: Universität für Angewandte Kunst

• Beruflicher Werdegang: Freischaffende Künstlerin, Kunstvermittlung/Pädagogik

• Hobbys: Crossfit

• Lebenseinstellung: Bleib stark!

• Instagram: hatschepsuthuss, www.hatschepsuthuss.com