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People | 10.12.2021

"Ich bin dort, wo ich hingehöre“

Als kühne Pannonierin wuchs sie in der Greißlerei und am Bauernhof der Großeltern auf, auch heute macht Melanie Balaskovics nichts nervös. Sorgen hat die Caritas-Direktorin aber schon.

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"Angst habe ich vor gar nix. Aber mein größtes Sorgenkind ist der Pflegebereich.", Melanie Balaskovics, Caritas-Direktorin © Vanessa Hartmann

„Derf i gschert reden?“, fragt sie – und legt nach dem Ja mit einer Wortgewandtheit los, dass man sich in wenigen Augenblicken im Kinofilm ihrer Kindheit wiederfindet. No na, sie war mehr als 20 Jahre lang beim ORF, das war Teil ihres Berufs, könnte man jetzt denken. Doch die Antworten der neuen Caritas-Direktorin Melanie Balaskovics – sie kannte die Fragen zuvor auch nicht – sind nicht zurechtgezimmert. Viele kommen schnurstracks aus dem Bauch heraus …

Wie sind Sie aufgewachsen?

Supergut! In Dürnbach im Burgenland, in der Dorfgreißlerei von der Oma, weil meine Eltern viel gearbeitet haben, und in Schachendorf, wo die anderen Großeltern einen Bauernhof hatten. Das ist auch der Grund, warum ich so bin, wie ich bin: offen, ich will jeden kennen und verstehen und kann mit alten Leuten gut umgehen. Ich war immer überall in der ersten Reihe: im Kindertheater, in der Kirche – und auch als ich später beim Fernsehen gearbeitet habe, war ich nie nervös. Fokussiert schon, aber gefürchtet habe ich mich vor nix.

Sind Sie zweisprachig aufgewachsen?

Ja! Daheim reden wir auch heute Kroatisch. Ich war ein Kind des Dorfes, da hab ich das Draufgängerische gelernt. Für die Schule habe ich mich nicht anstrengen müssen, war mit den Aufgaben schnell fertig und hab’ mit dem Radl die Leute versorgt, wenn sie was aus der Greißlerei gebraucht haben. Ich hab’ immer woanders Jause gegessen, hab’ Kartenspielen und Korbflechten gelernt und bin erst heim, wenn es finster war. Am Bauernhof hat der Opa gekocht; bis heute liebe ich Gulaschsuppe, Pörkölt und alles, was papriziert ist. Er und die Oma haben Ungarisch geredet, nur mit mir leider nicht, das war damals so. Wie genial wäre es gewesen, wenn ich dreisprachig aufgewachsen wäre?! Durch und durch Burgenländerin. Pannonierin!

Sie waren auch viel unterwegs …

Ich bin schon mit drei Jahren das erste Mal allein nach Amerika und Kanada zur Verwandtschaft geflogen und dann während der Schulzeit immer wieder, das war großartig! Mit sechs Jahren war ich dann das erste Mal auf Sprachkurs in Kroatien und von da an jedes Jahr, bis der Krieg ausgebrochen ist. Später habe ich sogar ein Dreivierteljahr in Zagreb gearbeitet, das war ein Praktikum für die FH; es herrschte gerade totale Aufbruchsstimmung, aus ganz Europa kamen die Investoren, die Stadt hatte so viel Energie, ich bin bis heute in Zagreb verliebt.

Wieso beschlossen Sie, an der Fachhochschule zu studieren?

Ich gar nicht. (lacht) Darf ich das jetzt sagen? Meine Mutter wird schimpfen. – Ich wollte Medizin studieren.


Warum Medizin?

Ich war als Kind eine Sportskanone: Ich hab’ Leichtathletik und Geräteturnen gemacht, hab’ Handball und Fußball gespielt – und schließlich übertrieben. Mit 17 habe ich massive Probleme mit den Knien bekommen. Wir waren bei so vielen Ärzten, irgendwann haben mich die Untersuchungen fasziniert. Aber damals war die FH ganz neu, alle Medien waren voll davon und meine Eltern meinten, wenn ich dort internationale Betriebswirtschaft studiere, komme ich nachher ins Geschäft (Top Moden Balaskovics, Anm.). Jedenfalls hat’s da einen festen Wickel zu Hause gegeben. Ich hab’ mir dann fürs Aufnahmegespräch extra nix angeschaut, wollte dort richtig dumm sein. Dann bin ich hingefahren und hab’ viel geredet, das tue ich ja gern – und wenig später war der Brief da, dass sie mich aufnehmen. Ich hab’ so geweint in der Küche! Also haben wir uns auf einen Kompromiss geeinigt: Wenn es mir gar nicht gefällt, sollte ich nach einem Jahr Medizin studieren dürfen. Wie es halt so ist: Ich bin nach Eisenstadt, hab’ viele Leute kennengelernt und Freundschaften geschlossen – und bin geblieben.

Der Plan Ihrer Eltern ging dennoch nicht auf.

Das war für sie gleich die nächste Krise. Der damalige ORF-Chefredakteur hat an der FH eine Übung für Medienarbeit gehalten – und mich zum Assessment Center eingeladen. Ich war 21 und dachte mir: Was kostet die Welt? Dort waren 70, 80 Leute, aber mir hat das alles gleich Spaß gemacht, auch vor der Kamera; bis zum Nachmittag wurde ausgesiebt – am Schluss waren es noch drei Leute, ich war dabei. Ich hab’ mich dann 23 Jahre lang wirklich in allen Bereichen beim ORF ausgelebt – bis ich gespürt habe, dass es Zeit ist zu gehen.

Zunächst sind Sie aber mit Ihrem Vater den Jakobsweg gegangen.

Er hat sich das zum 70er gewünscht – und ich hab’ sofort Ja gesagt. Danach hab’ ich mir gedacht: Um Gottes willen! Was hast du da zugesagt?! 300 Kilometer hatschen – das schaffst du nie. Aber wir sind 2018 den Jakobsweg gegangen. Das war meine größte Lebenserfahrung. Da waren Verzweiflung, Traurigkeit, Wut, Euphorie, Weinen und Lachen – einfach alle Gefühle. Ich habe mir drei Wochen Urlaub genommen und wir sind den portugiesischen Weg gegangen. Ich hätte es sonst nicht geschafft, aber das Wasser, die Wellen, der Wind – all das hat mich getragen. Ich hab’ eine schlechte, dünne Haut an den Füßen, ich hatte Blasen über Blasen, die höllisch wehtaten. Aber schließlich sind wir glücklich in Santiago angekommen.

Mit welchem Resümee?

Ich habe viel über mich gelernt und viel über Lebensdinge nachgedacht. Was mir sehr lang sehr weh getan hat, war, dass ich aufgrund einer Autoimmun­erkrankung keine Kinder kriegen kann. Ich hab’ immer davon geträumt, dass ich mal so eine richtige Mama werde, die in der Kuchl steht mit einer Schar von Kindern rundherum. Wenn du weißt, das spielt’s nicht, dann ist das eine große Lebenskrise. Auf dem Jakobsweg habe ich damit meinen Frieden geschlossen. Ich habe eingesehen, dass es auch andere Wege und Tätigkeiten gibt, um etwas weiterzugeben, um zu wirken – wie beispielsweise jetzt bei der Caritas.

Das ist sehr persönlich, darf ich das schreiben?

Ich überlege es mir noch (sie gab später ihr Einverständnis, Anm.). – Ich lebe mich jetzt außerdem als coole Tante aus! Die Kinder meiner Schwester sind sieben und neun Jahre alt – die dürfen bei mir alles. Wir fahren in den Familypark, ich liebe Hochschaubahnen und all das, es kann für mich gar nicht wild genug sein.

Melanie Balaskovics
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Interview im Eisenstädter FreuRaum. Nach 23 Jahren
im ORF Landesstudio ist Melanie Balaskovics neue Caritas-Direktorin. Eine Herzensaufgabe voll schwieriger Herausforderungen.

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Promi-Selfie. Mit dem Papst

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Unbezahlbar. 2018 ging Melanie Balaskovics mit ihrem Papa den Jakobsweg.

© Vanessa Hartmann

 

Welche Bedeutung hat es für Sie, dass Sie nun im kirchlichen Dienst arbeiten?

Die Frage stellt sich für mich nicht, die Kirche ist Teil meines Lebens. Ich bin kroatisch und katholisch aufgewachsen, war jeden Tag mit der Oma in der Kirche. Sie war Vorbeterin und Vorsängerin, ich hab’ das alles von ihr gelernt. Wenn keiner singt, ich singe fix (lacht).

Als Sie im Sommer Caritas-Direktorin wurden, waren Sie – ebenso wie Ihre Vorgängerin Edith Pinter – österreichweit die einzige Frau in der Position …

2022 werden es schon drei sein.

Das Geschlechterthema scheint Sie nicht zu begeistern …

Weil es Wichtigeres gibt.

Welche sind für Sie aktuell die größten Herausforderungen?

Es gibt viele. Das größte Sorgenkind ist der Pflegebereich. Das Land arbeitet gerade neue Modelle aus, wir wissen nicht, was auf uns zukommt, aber wir haben aktuell schon einen Mangel an Pflegekräften. Das beschäftigt mich, ich träume davon. Ich will den Ausbau der Mutter-­Kind-Häuser vorantreiben und den Ausbau in der Sozialberatung. Die Pandemie wirkt wie ein Brandbeschleuniger, es wird immer schlimmer. Da sind Leute mittlerweile armutsgefährdet oder stehen vor der Delogierung, die sich nie hätten träumen lassen, dass sie plötzlich einen Lebensmittelgutschein brauchen. Zwei junge Leute, frisch verheiratet, Kredit aufgenommen, Haus gebaut, beide super Jobs – und jetzt sind beide durch Corona arbeitslos … Ich bin ins kalte Wasser gesprungen und schwimme in einem Teich voller Probleme. Ich schwimme gut, weil ich super Leute habe. Das ist ein eigener Schlag von Menschen, die sind motiviert, haben das Herz am rechten Fleck, kombinieren und arbeiten übergreifend – das gibt mir Kraft und motiviert mich.

Ein Gedanke für Weihnachten?

Klug schenken: Mit dem Caritas-Projekt „Schenken mit Sinn“ kann man Alleinerziehenden in Österreich eine Übernachtung in einem Mutter-Kind-Haus schenken oder einem Obdachlosen in einer Notschlafstelle oder einer Familie in Burundi eine Ziege kaufen …