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People | 20.12.2021

„Weck mich nicht!“

Nur mit Topfengolatsche und Kaffee konnte Ruth ihren Mann Erwin Moser wachkriegen, wenn er wieder einmal bis vier Uhr morgens zeichnete und schrieb. Die große Liebes- hinter der Erfolgsgeschichte.

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Unermüdlich. Der Abschied schmerzt, aber Ruth Moser hat noch sehr viel mit dem Œuvre ihres Mannes vor. © Vanessa Hartmann

Sie spricht nicht immer in der Vergangenheit, wenn sie von ihm erzählt. „Er liebt Dahlien“, zeigt sie auf ein Bild. Erwin ist noch da. Überall. Auch wenn sie ihn freundlich bat, nicht in einer anderen Form „zurückzukehren“, schließlich müsse sie den Schmerz verarbeiten und irgendwie weitermachen. Aber wie könnte er ganz weg sein, wenn seine schönen, mit feinen Strichen geschaffenen Fantasiewelten sie aus allen Winkeln ihrer Lebensräume anlächeln? Nicht nur im Golser Museum. Nicht nur in den mehr als 100 Büchern und Kalendern, die die Welt von Erwin Moser kennt. Nicht nur an den Wänden in der Wiener Wohnung, „ich finde überall Bilder und Manuskripte, zuletzt sogar Ölbilder unter einem Bett“, schmunzelt Ruth Moser. Sie müsse Stück für Stück die Kraft finden, seinen Nachlass aufzuarbeiten. „Sein Tod ist vier Jahre her, aber es bewegt mich sehr, wenn ich nur darüber spreche.“ Ruth Moser zog sich aber keineswegs in ein schützendes Schneckenhaus zurück, als ihr Mann, der Kinder- und Jugendbuchautor, 2017 starb. Mit einer scheinbar unbändigen Energie eröffnet sie vergangenen Herbst in der frisch renovierten Janisch-Mühle in Winden weitere Räume, um bislang kaum bekannte Seiten seines Œuvre zu zeigen; im Golser Museum läuft anlässlich des Landesjubiläums die Jahresausstellung „Das fantastische Burgenland des Erwin Moser“. Ruth Moser ist die Triebfeder für zig Neuauflagen in den vergangenen Jahren, sie organisiert Lesungen, pandemiebedingt notfalls via Social Media.

 

 

"Erwin hatte nur 20 Jahre für seine Kunst und es gibt noch so viel von ihm zu zeigen.", Ruth Moser, Erwin Mosers Witwe


Bei einem Glas Milch

Die Erfolgsgeschichte von Erwin Moser ist auch eine bewegende Liebesgeschichte. Es war fünf Tage vor Ruths 17. Geburtstag, als sie „den Mann mit dem Vollbart und den schönen Augen“ im Wiener Café Museum das erste Mal sah. Ihre Blicke trafen sich, während sie an einem benachbarten Tisch an ihrem taschengeldfreundlichen Getränk nippte. „Ich war Schülerin, das Billigste war ein Glas Milch um acht Schilling“, lacht sie. Dann geht Erwin Moser und lässt die junge Wienerin für einen Augenblick enttäuscht zurück, um wenig später erneut durch die Schwingtür zu marschieren und sie nach einem nächsten Treffen zu fragen. Drei Jahre später heirateten die Modeschulabsolventin und der gelernte Schriftsetzer. „Er wollte Maler werden, hat von seinen Plänen für Bilder und Ausstellungen erzählt. Ich kriege jetzt noch Gänsehaut, wenn ich an seine leuchtenden Augen denke. In sie habe ich mich verliebt“, erinnert sie sich. Schon als sie die ersten Arbeiten sieht, glaubt sie an sein Potenzial und wird jung Geschäftsführerin in einem Konfektionsbetrieb, „um uns zuerst zu erhalten“. Es sollte allerdings nicht lange dauern, bis der Mann, der ihr täglich aus seinen Geschichten vorliest, zum Starautor avanciert.
Ende der 1970er erhält Erwin Moser nahe Düsseldorf einen Illustrationsauftrag; mit seinem VW Käfer „mit Fetzendach“ fährt er hin, um einer Sage aus der dortigen Region mit Bildern neues Leben einzuhauchen. Wochenlang arbeitet er daran, abends schmökert er in der benachbarten Buchhandlung. Dort entdeckt er Werke des bekannten Cartoonisten Friedrich Karl Waechter – einer seiner namhaften Titel: „Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein“.„Telefoniert haben wir in der Zeit kaum, das kostete viel. Aber er hat mir Briefe geschrieben, die ich heute noch habe. Darin steht: ,Das könnte ich probieren, das könnte mir liegen‘“, erinnert sich Ruth Moser. Am Heimweg beschließt er, die Geschichte seiner Jugend zu Papier zu bringen. Das fein säuberliche Originalmanuskript von „Jenseits der großen Sümpfe“ hat einen Ehrenplatz in der Vitrine im Erwin Moser Museum, das im Weinkulturhaus, im ältesten Haus von Gols, untergebracht ist.
„Erwin hat immer mit Eintauch­feder in Schulhefte geschrieben. Er hatte ein wunderbares Schriftbild“, fasst seine Frau in Worte, was auf den ersten Blick erstaunt: Seiten über Seiten fein säuberliche Zeilen, manchmal ist dort nicht ein Gedanke durchgestrichen. Die Geschichten hatte Erwin Moser stets fertig im Kopf. „Während ich im Restaurant bestellt habe, war er mit den Gedanken schon bei seinen Figuren“, lacht Ruth Moser.

 

"Wo wir auch waren, Erwin fielen immer und überall neue Geschichten ein."

Ruth Moser, Erwin Mosers Ehefrau

 


Rasanter Durchbruch

Im Jänner 1979 beginnt er seinen ersten Roman, der ein Jahr darauf veröffentlicht wird. Das nächste Buch, „Großvaters Geschichten“, kommt sofort auf die Auswahlliste zum Deutschen Jugendbuchpreis, erzählt sie. Es geht steil bergauf; hierzu trägt auch das Verhandlungsgeschick ihres Mannes bei, ist sie überzeugt. Doch vor allem wächst die Fangemeinde rasant. Seine Bücher starten mit Auflagen von 30.000 Stück, später erhöht man sie sogleich auf 100.000; heute lesen seine Geschichten drei Generationen.Zu den Lieblingen zählen die Abenteuer des hinreißenden Elefantenjungen „Winzig“, dessen Erfolgsstory mit einer amüsanten Making-of-Anekdote beginnt. „Erwin hatte den ersten von vier Bänden mit der Post zum Verleger nach Deutschland geschickt“, schildert seine Frau. Als dieser verzweifelt anruft, „Winzig“ sei nicht angekommen, sagt Erwin Moser unbeirrt: „Macht nichts, dann mache ich’s noch einmal.“ So weit muss es nicht kommen, die Papierrolle taucht glücklicherweise auf. Die Episode zeugt aber von seiner unermüdlichen Schöpfungskraft. Bis vier Uhr morgens habe er oft  gearbeitet  und seiner Frau dann Brieferl wie „Bitte weck mich nicht!“ in der Wohnung hingelegt. Nur mit Topfengolatsche und Kaffee konnte man ihn bestechen, verrät sie. Parallel zu seiner Laufbahn wird Ruth Moser Modedesignerin, eröffnet in Wien ein eigenes Atelier. „Wir hatten unsere Karrieren und entschieden uns: Wir gründen keine Familie, sondern widmen uns der Kunst“, sagt sie und wird nachdenklich. „Manche verstehen das nicht“, ergänzt sie. „Wir waren uns aber einig und heute bin ich froh, dass seine furchtbare Krankheit kein Kind miterleben musste.“

 

Zu kurzes Liebesglück. Ruth und Erwin Moser bei der Weinlese 1983

 


Die letzte Geschichte

Erwin Moser ist 46 Jahre jung, als sein rechtes Bein plötzlich nicht mehr seinen Anweisungen folgt. Die Symptome häufen sich, seine Sprache wird verwaschener, immer wieder stürzt er in der Wohnung, so, dass sie ihn bald nicht allein lassen kann. Es dauert Jahre und braucht viele Untersuchungen, bis die schlimme Diagnose Gewissheit ist: ALS. Amyotrophe Lateralsklerose. Durch den Untergang von Nervenzellen in Gehirn und Rückenmark kommt es zu einer fortschreitenden Lähmung der Muskulatur; die Krankheit gilt bis heute als unheilbar (Quelle: www.gesundheit.gv.at). Statt der von Ärzten prognostizierten Lebenserwartung von drei lebt Erwin Moser noch 16 Jahre, die letzten zehn mit Sprachverlust. Seine Frau weicht ihm nicht von der Seite; sie gibt die Mode auf, wird zu seinem Sprachrohr. Das letzte Buch, „Billi, die Baummaus“, schreiben sie gemeinsam. „Ein Freund hat ihm eine Buchstabentabelle gemacht. Ich habe geschaut, wo er hinschaut, und habe so die Texte von den Augen abgelesen“, schildert sie. 2017 stirbt Erwin Moser. Sein Ehrengrab in Gols schmücken Blumen und Kerzen der Fans. Selbst aus asiatischen Ländern erreichen Ruth Moser Nachrichten und Souvenirs.
Der Verlust schmerzt, gleichsam lässt sie sich nicht in ihren Vorhaben bremsen. Eine namhafte Filmemacherin hat Großes mit einem seiner Bücher vor; zu seinem 70er, also 2024, will Ruth Moser eine große Biografie herausgeben. 

Impressionen
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Schönes Schriftbild.

Das Originalmanuskript vom ersten Buch „Jenseits der großen Sümpfe“ aus dem Jahr 1979 im Erwin Moser Museum, im ältesten Haus von Gols.

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Schönes Schriftbild.

Das Originalmanuskript vom ersten Buch „Jenseits der großen Sümpfe“ aus dem Jahr 1979 im Erwin Moser Museum, im ältesten Haus von Gols.

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Alles analog.

 Erwin Moser skizzierte seine fantastisch detailreichen Bilder vor, zeichnete sie dann mit der Feder und aquarellierte sie zum Schluss akribisch.

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Alles analog.

 Erwin Moser skizzierte seine fantastisch detailreichen Bilder vor, zeichnete sie dann mit der Feder und aquarellierte sie zum Schluss akribisch.

Kurzbio Erwin Moser

Erwin Moser wurde 1954 geboren und wuchs in Gols auf. Er macht in Wien eine Ausbildung zum Schriftsetzer, 1980 erscheint sein erstes, teilweise autobiografisches Buch „Jenseits der Sümpfe“. Er veröffentlicht mehr als 100 Bücher, die in mehr als 20 Sprachen übersetzt werden. Herausragend sind sein schreiberisches und sein zeichnerisches Können. Seine Werke werden vielfach und international ausgezeichnet, zu bekannten Titeln zählen etwa „Großvaters Geschichten oder das Bett mit den fliegenden Bäumen“, „Der Rabe Alfons“ oder die Reihe „Winzig, der Elefant“. 2002 erkrankt Erwin Moser an ALS, das Arbeiten wird bald unmöglich. Zum 60er widmet ihm seine Heimatgemeinde Gols das „Erwin Moser Museum“, 2017 stirbt der Künstler.

www.erwinmoser.at

 

© Hans Wetzelsdorfer, Vanessa Hartmann, Edition Nilpferd

 

 

Bücher
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Neuauflagen

„Eisbär, Erdbär und Mausbär“ und „Was für ein Bärenspaß“ von Erwin Moser, Edition Nilpferd

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Neuauflagen

„Eisbär, Erdbär und Mausbär“ und „Was für ein Bärenspaß“ von Erwin Moser, Edition Nilpferd