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People | 15.02.2022

Meta-Mädel räumt auf

Sie ist unheilbar krank, der Krebs streut in ihrem gesamten Körper. Und doch gibt sie nicht auf. Sonja Maras aus Sieggraben engagiert sich für andere Betroffene und will Bewusstsein schaffen.

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Sonja Maras © Ines Thomsen

Als sie die Diagnose im April 2016 erhielt, war sie 42.

„Mein Mann hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass sich meine Brust anders anfühlt. Es war kein Knoten zu spüren, aber die Brust war ungewöhnlich hart“, erinnert sich Sonja Maras. Sowohl beim Ultraschall als auch bei der Mammografie war kein Tumor ersichtlich. Doch es war entzündliches Gewebe zu sehen, daher gingen die Ärzt*innen von einer Brustentzündung aus. Es folgte eine Behandlung mit Antibiotika, als nach zehn Tagen keine relevante Änderung eintrat, wurde die Dosis erhöht, weitere fünf Tage später war die Situation unverändert. Zwei Tage da­rauf wurden vier Stanzproben aus der Brust entnommen. „Die darauffolgenden zehn Tage waren nicht so schlimm. Ich habe absolut nicht damit gerechnet, dass es Brustkrebs ist. Ich dachte mir nur: Wann wird endlich das passende Antibiotikum gefunden?“ In Sonjas Familie gibt es keine bekannten erblichen Vorbelastungen. Umso mehr erschütterte sie die Diagnose: alle vier entnommenen Proben enthielten Krebszellen. Es handelte sich um einen Brustkrebs, der sich in den Milchdrüsen bildet und sich wie ein Spinnennetz in der Brust ausbreitet, auch drei Lymphknoten waren betroffen. „Im ersten Moment habe ich es nicht realisiert. Ich dachte: He, ich bin doch diejenige mit der Brustentzündung und den Antibiotika. Dann wurde plötzlich von Perücken und Chemotherapien gesprochen, davon, dass ich die Brust verlieren werde, weil der Krebs multizentrisch sei. Ich hab meinen Mann angeschaut und gesagt: ‚Du musst jetzt weiterreden, ich kann nicht mehr.‘ Mein einziger Gedanke war: Wie sage ich es den Kindern, dass sie sich keine allzu großen Sorgen machen?“ Ihre Kinder waren damals 12 und 16 und am Boden zerstört, als sie die Nachricht erfuhren. „‚Mama, wirst du sterben?‘, war ihre erste Frage. Doch damals war ich der Überzeugung, es sei klassischer Schulbuch-Krebs, den wir jetzt behandeln, und dann wird es gut sein. Die Kinder baten mich nur um eins: Immer ehrlich zu ihnen zu sein. Und das habe ich ihnen versprochen.“


Rückschlag

Im Mai 2016 startete Sonja mit ihrer ersten von acht Chemotherapien. Als sie danach heimfuhr, ging es ihr gut – doch drei Tage später schlugen die Nebenwirkungen zu: Gelenksschmerzen, schwerer grippaler Infekt, Müdigkeit mit Schlaflosigkeit kombiniert. Drei Wochen später folgte die nächste Chemotherapie und die Nebenwirkungen wurden von Mal zu Mal schlimmer. Dann kam auch noch eine schwere doppelseitige Lungenentzündung hinzu. Nach den acht Zyklen Chemotherapie wurde die betroffene Brust entfernt. Bei der darauf­folgenden Befundbesprechung kam der nächste Rückschlag: Der Tumor habe leider nicht auf die Chemotherapie reagiert. Es folgte eine Bestrahlungstherapie. Als 2017 immer wieder auftretende starke Rückenschmerzen Sonja zu schaffen machten, wurde eine Biopsie und ein Ganzkörper-CT durchgeführt. Die niederschmetternde Diagnose: Metastasen im Lendenwirbel und in der Leber. Der Krebs hatte also gestreut, ab da galt Sonja als unheilbar krank. „Der Onkologe hat mich gefragt, ob ich wissen möchte, wie hoch meine Lebenserwartung sei. Ja, ich wollte wissen, wie lange ich noch Zeit habe, alles zu regeln. Seine Antwort war: im Durchschnitt sechs Jahre.“

 

Sonja beim feelagain-Shooting von © Birgit Machtinger



Meta-Mädels

Darauf folgte eine sehr schwere Zeit, begleitet von Depressionen. „Ich hatte nicht mal die Energie und den Willen, in der Früh aufzustehen. Ich konnte meinen Kindern nicht mehr in die Augen schauen, sie nicht umarmen. Nachts bin ich in ihr Zimmer geschlichen und hab sie beim Schlafen beobachtet. Da wusste ich: Alleine komme ich aus dieser Scheiße nicht mehr heraus.“ Sonja wandte sich an die burgenländische Krebshilfe und die gesamte Familie bekam psychologische Unterstützung, sie vernetzte sich mit anderen Betroffenen und entwickelte wieder neuen Lebenswillen. Sie trat einer österreichweiten Gruppe bei, die sich „Meta-Mädels“ nennt, an der ausschließlich Frauen mit metastasiertem Krebs teilhaben. „Die Gruppe gab mir irrsinnig viel Kraft. Ich habe gesehen, ich bin nicht allein. Der Rückhalt der Familie ist toll, aber verstehen tut dich nur jemand, der in der gleichen Situation ist wie du.“ Kurz darauf beanspruchte Sonja eine schwierige und riskante Operation für sich. Sie wollte sich die Metastasen in der Leber operativ entfernen lassen, entgegen den Empfehlungen der Ärzte und im Bewusstsein, dass das Rückfallrisiko 100 Prozent sein würde, nur der Zeitpunkt sei ungewiss. Nach der achtstündigen OP im Juli 2018 folgte ein sehr langer Genesungsprozess. Doch Sonja war bis Dezember 2020 frei von Metastasen. Danach begann der Krebs wieder zu streuen und im November 2021 wurden Metastasen im Zwerchfell, in der Lunge, in der Leber, im Bauchfell und in den Knochen entdeckt.

 

Shooting mit den „Meta-FRIENDS“. Der Krebs machte sie zu Freundinnen: Christa Bleyer, Sonja Maras, Claudia Altmann-Pospischek und Andrea Gromes.  © Ines Thomsen

 

Ziel: Neuseeland

Die Chemotherapie bekommt Sonja mittlerweile intravenös über ein Implantat. Eine weitere OP sieht sie als unmöglich. „Es wäre einfach zu viel. Du kannst lange versuchen, den Krebs in Schach zu halten, aber wenn er explodiert, kommst du nicht mehr nach mit den Therapien.“ Nun macht Sonja eine sogenannte Palliativ-­Therapie mit dem Ziel: so viel Lebensqualität wie möglich zu erhalten. „Wenn ich sagen würde, ich beschäftige mich nicht mehr mit meiner Lebenserwartung, würde ich lügen. Aber es ist jetzt weiter weggerückt von mir. Zwischen den Therapien versuche ich so zu leben, als hätte ich keinen Krebs.“ Ihre Lebensfreiheit ist insofern eingeschränkt, als dass sämtliche Tätigkeiten für sie viel anstrengender sind als für andere. Laufen ist nicht mehr möglich, maximal langsames Spazierengehen. Sonjas großes Ziel ist es, ihre Tochter 2023 nach deren Auslandsaufenthalt aus Neuseeland abzuholen. „Ich möchte unbedingt, dass sie dieses Auslandssemester macht und sich nicht durch meine Krankheit davon abhalten lässt. Meine Kinder sollen trotz allem ihren Weg gehen können.“ Die Beziehung zu ihrem Mann ist seit der Krebs­erkrankung eine andere, aber viel gefestigtere. Vor allem in der Anfangszeit, während ihrer ersten Chemotherapie, sei sie sehr streitlustig gewesen, erinnert sich Sonja. „Ich hatte so viel Zorn in mir. Er war überfordert mit der Gesamtsituation, mit dem Haushalt, mit den Kindern, mit mir. Einmal habe ich zu ihm gesagt: ‚Bitte geh. Ich will nicht, dass du das mit mir durchmachst. Ich liebe dich zu sehr, um dir das anzutun.‘ Er nahm mich in den Arm und sagte: ‚Du kannst mich noch so oft wegstoßen, aber ich lass dich nicht alleine.‘“

 

Erster Familienurlaub in Griechenland nach dem schrecklichen Therapiejahr 2017 (damals noch nicht metastasiert)  © privat

 

Bewusster leben

Sowohl für die Partnerschaft als auch für sich selbst sei es wichtig, sich krebsfreie Auszeiten zu nehmen. Alleine und mit dem Partner. In denen bewusst nicht über die Krankheit gesprochen wird. Bewusstsein ist überhaupt etwas, das für Sonja heute eine ganz andere Bedeutung hat. „Es sind so viele Dinge so viel wichtiger geworden und andere hingegen so unwichtig. Wenn früher jemand gesagt hat: ‚Schau, wie schön blau der Himmel ist‘, hätte mich das nicht mal einen Gedanken gekostet. Heute sehe ich das ganz anders. Ich genieße so viele Kleinigkeiten und freue mich, dass ich sie erleben darf. Ich bin auch viel gelassener, im Gegensatz zu früher.“ Natürlich gebe es auch Tage, da versinke man in Selbstmitleid, das dürfe auch sein, aber danach geht es weiter.

 

Er lässt sie nicht allein. Ihr Mann Markus war und ist Sonja eine große Stütze.  © Ines Thomsen

 

Appell

Diesen Appell möchte Sonja an alle Betroffenen weitergeben: „Vernetzt euch, sucht euch Hilfe. Es gibt so viel Angebot, man muss es nur wahrnehmen, den ersten Schritt machen. Ich habe selbst in Wr. Neustadt einen Krebsclub gegründet, möchte etwas von meiner Erfahrung weitergeben. Ich hätte damals viel früher jemanden gebraucht, der weiß, was ich durchmache. Weiters würde ich mir wünschen, dass es mehr Breast Care Nurses (Anm: Fachexpertinnen für Brusterkrankungen) in den Spitälern gibt, nicht ausschließlich auf den Brustambulanzen. Ich wünsche mir, dass Menschen mich ansprechen, wie es mir geht. Für viele ist das schwierig, weil sie Angst haben, das Falsche zu sagen. Aber man muss auch akzeptieren, wenn die Betroffenen nicht darüber reden wollen.“ Ob sie an Schicksal glaubt? „Ich glaube, dass man bestimmte Dinge in seinem Leben zu erledigen hat und Aufgaben auch in ein nächstes Leben mitnimmt. Und ich glaube, dass du Menschen, die für dich wichtig sind, im nächsten Leben in irgendeiner Form wieder an deiner Seite hast.“ Angst vor dem Sterben hat sie nicht, eher vorm Verabschieden. Den Schritt zur erlaubten aktiven Sterbehilfe befürwortet sie daher sehr. Ein weiterer Wunsch wäre ein Hospiz für junge unheilbar kranke Menschen. Mit ihrem Engagement und ihrer Aufklärung möchte Sonja einen Fußabdruck hinterlassen, anderen helfen und sie miteinander vernetzen. „Das Vernetzen hat mir gezeigt, ich bin nicht allein. Krebs zerstört, aber Krebs verbindet auch. Ich habe so viele tolle Menschen kennengelernt, die ich sonst nie kennengelernt hätte, so viele schöne Erlebnisse erlebt, die ich sonst nie erlebt hätte. Das gibt mir die Kraft, in der Früh aufzustehen und weiterzumachen. Obwohl ich weiß, dass meine Zeit hier nicht mehr lange dauern wird.“