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People | 21.02.2022

Streiten lernen für den Frieden

Tut’s nicht streiten! – Trägt der Satz je Früchte? Zu Recht nicht, weiß Ursula Gamauf-Eberhardt. Wenn Kinder lernen, gewaltfrei Konflikte zu lösen, ist das die beste Investition in die Zukunft, sagt sie. Text Viktória Kery-Erdélyi Fotos Jennifer Vass/viewitlikejenni.com

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Vis-à-vis aufgewachsen. Als Kind kraxelte Ursula Gamauf-Eberhardt durch die damals löchrigen Mauern, heute ist die Stadtschlainingerin Friedenspädagogin aus Überzeugung. © Jennifer Vass/viewitlikejenni.com

Kriege in Syrien, Afghanistan, Ukraine, Sudan, Irak … Klingt alles weit weg? In Österreich werden im Schnitt monatlich zwei bis drei Frauen ermordet. Selbst das Gesundheitspersonal, das während der Pandemie teilweise bis zur Erschöpfung arbeitet, war zuletzt verbalen Attacken und körperlichen Angriffen ausgesetzt. Politisch gesehen leben wir in Frieden, gewaltvolle Konflikte passieren auch vor unserer Tür. Ursula Gamauf-Eberhardt ist Friedenspädagogin. Sie setzt dort an, wo die Zukunft beginnt: bei Kindern. Aus tiefer Überzeugung, basierend auf einer jahrelangen, im In- und Ausland erworbenen Expertise und an einem Ort, der die Energie friedlicher Verhandlungen internationaler Konflikte in sich trägt: auf Burg Schlaining. Wenn die zweifache Mutter sagt, sie ist dort zu Hause, meint sie das wörtlich: Ihr Elternhaus befindet sich gegenüber der Burg.


BURGENLÄNDERIN: Du bist nach dem Studium in Wien an eben diesen Ort zurückgekehrt. Wieso?

Ursula Gamauf-Eberhardt: Für ein Post-Graduate-­Studium an der European Peace University (die EPU gibt es heute nicht mehr, Anm.). Dieses Studienjahr wurde das prägendste meines Lebens. Wir waren 46 Studienkolleg*innen aus 40 Nationen, mit unterschiedlichen Backgrounds. Maria, bis heute eine meiner besten Freundinnen, kam aus Mexico City. Sie war es gewohnt, mit der Handtasche am Schoß bei Rot über die Ampel zu fahren und zu hoffen, dass ihr nichts passiert, wenn sie stehen bleiben muss. Sie konnte kaum glauben, dass sie bei uns nachts spazieren gehen konnte. Wir haben nicht nur von den Professor*innen, sondern viel voneinander gelernt. Es galt: Du bist gut, so wie du bist. Wir haben afrikanisch gekocht, Halloween gefeiert und ich ließ Nikolo und Krampus kommen (lacht). Die Welt wurde klein, Vorurteile wurden genommen und ich war fasziniert vom Engagement der Leute für den Frieden; viele kamen aus Krisengebieten. Ein Beispiel: Ein Kollege wuchs in Südafrika auf, hatte Erfahrung mit der Apartheid und vermittelte beim Nordirlandkonflikt.


Auch dich führte gleich die erste Aufgabe ins Ausland …

Ich beschäftigte mich in meiner Masterthese mit Menschensrechtserziehung und Friedensbildung in Schulen – und durfte im Anschluss ein Bildungstraining  für die UNESCO koordinieren. Wir waren in mehreren europäischen Städten und erarbeiteten mit Pädagog*innen an die Region angepasste Methoden, damit sie mit Kindern Konflikte transformieren konnten (die Um- und Neugestaltung der Konfliktparameter – wie etwa ein bestimmtes Verhalten – dient der gewaltfreien Lösung, Anm.).


Wie geht Engagement für Frieden?

Der wichtigste Gedanke ist: Frieden ist nicht gleich Harmonie. Es geht darum, sich auf eine friedliche, konstruktive Art und mit viel Kreativität mit Problemen auseinanderzusetzen. Ein Konflikt sagt uns, dass etwas nicht passt, im zwischenmenschlichen Bereich ebenso wie in einem Staat. Die Augen davor zu verschließen und zu warten, bis es weggeht, funktioniert nicht; auch nicht, mit Gewalt drüberzufahren, wenngleich das leider bis heute passiert. Frieden braucht eine gewaltfreie, wertschätzende Kommunikation, die Auseinandersetzung mit Ängsten, ein Offensein für Neues und ein Verständnis dafür, dass das andere eine Bereicherung sein kann – nicht muss, ich muss nicht alles lieben, aber ich kann es annehmen.


Wie transformiert man Konflikte?

Unsere Methoden basieren darauf, zunächst alle Seiten zu hören. Oftmals rührt der Konflikt nur aus unterschiedlichen Wahrnehmungen, ohne böse Absicht. Wir arbeiten mit den Schüler*innen mit einer Friedenstreppe aus Schachteln, mit deren Hilfe sie lernen, eigenständig Konflikte zu lösen; Kinder sind dabei sehr kreativ. Die erste Stufe ist: Das hat mich geärgert oder verletzt. Die zweite: Ich wünsche mir, dass du das nicht mehr machst. Die nächste: Was ist unsere Vision, wie können wir miteinander umgehen? Das kann sein: Wir versuchen miteinander zu reden, aber ebenso auch, einander lieber aus dem Weg zu gehen. Zum Schluss reicht man einander die Hand – mit der Zusage, sich daran zu halten, was vereinbart wurde. Der Prozess ist vergleichbar mit dem in der internationalen Konfliktvermittlung.

 

"Konflikte gewaltfrei zu lösen ist keine Hexerei, es ist ein Handwerk.", Ursula Gamauf-Eberhardt, Friedenspädagogin  © Jennifer Vass/viewitlikejenni.com

 

Die von Beginn an auf der Burg auch passierte …

Der Friedenszentrum-Gründer Gerald Mader war ein großer Visionär (Politiker, Jurist, starb 2019, Anm.); er schuf einen Ort – damals am Eisernen Vorhang –, wo Ost und West einander ungestört, von der Öffentlichkeit abgeschirmt treffen konnten. Es passierte schon beim Jugoslawien-Krieg viel von Fachleuten angeleitete Konfliktvermittlung. Auch gingen anerkannte Friedensforscher*innen wie Johan Galtung ein und aus.


Du hast viele Jahre die Trainings für die UNO-Mitarbeiter*innen organisiert. Kannst du eine von sicher vielen unvergesslichen Erfahrungen schildern?

2006 waren wir in New York, um Kurse für die Kinderschutzbeauftragten der UNO zu entwickeln; großes Thema waren und sind leider immer noch Kindersoldaten in Afrika und Südamerika. Als wir danach mit einem Kurs auf der Burg starteten, war einer der Teilnehmer tatsächlich selbst ein früherer Kindersoldat. Ricky war ein ganz lieber, richtig großer Mann, der immer gesagt hat, bei uns gäbe es nix Gescheites zu essen, er brauche etwas mit Knochen (lacht). Was er machen musste, als man ihn rekrutierte, erzählte er nicht; Kindersoldaten werden psychisch gebrochen, indem sie etwas Schlimmes machen müssen und unter Drogen gesetzt werden, sieben-, achtjährig bekommen sie dann Kalaschnikows in die Hand gedrückt. Ricky konnte von der UNO befreit werden und war psychisch so stark, dass er sogar eine NGO für betroffene Kinder gründete. Wenig später hatten wir Darfur-Rebellen für Verhandlungen in Schlaining. Vor dem nahen Hintergrund war es umso bewegender, erleben zu dürfen, wie ein „Memorandum of Understanding“ zustande kam. Das wurde dann von der UNO gemonitort, die Rebellenführer hielten sich auch daran: Sie setzten keine Kindersoldaten mehr ein. Tatsache ist: Nimmst du einer Gesellschaft die Kinder, nimmst du ihr die Zukunft.

 

© Jennifer Vass/viewitlikejenni.com

 


… und in eben diese investierst du heute auf mehreren Ebenen.

Vor gut 15 Jahren wandte sich Kinder- und Jugendanwalt Christian Reumann mit der Idee an uns, etwas Neues an unseren Schulen initiieren zu wollen. Ein zusätzlicher Auslöser war ein reißerischer Artikel, der uns keine Ruhe ließ. Darin hieß es, die Kinder werden immer gewaltbereiter, wir hätten mit „solchen“ jungen Menschen keine Zukunft. Das wollten wir so nicht stehen lassen und packten es an: Unser Ziel war es, Schüler*innen Werkzeuge mitzugeben, damit Konflikte gewaltfrei gelöst werden können. Wir riefen die Friedenswochen (vergleichbar mit Projektwochen, Anm.) ins Leben, an denen bis heute 16.000 Schüler*innen teilgenommen haben.


Diese Erfolgsgeschichte wurde immer weiter ausgebaut …

Wir haben die Pädagogische Hochschule (PH) ins Boot geholt und sogar einen eigenen „Global Peace Education“-­Hochschullehrgang gestartet. Unser jüngstes Projekt ist Jutta Treibers Friedensmärchen „Frieda & Friedo“ für Kindergarten und Volksschule. Die Geschichte wird in einem Buch in allen Landessprachen erzählt, für die Pädagog*in­nen gibt es ein Arbeitsbuch.


Bist du durch dein Wissen bei Konflikten deiner Kinder im Vorteil?

Es hilft, aber ich habe auch emotionale Seiten, fühle mich ebenso mal überfordert (lacht).


Eine gute Strategie, wenn es zu eskalieren droht?

Raus aus der Situation, an einen neutralen Ort und am besten spazieren gehen; Bewegung an der frischen Luft hilft immer, runterzukommen.


Wenn Kinder daheim streiten …

… finden sie meist selbst eine Lösung, wenn es zu wild wird und man dazwischen muss, dann bitte nicht mit dem Satz: Tut’s nicht streiten. Das ist kein guter Rat. Lieber fragen: Was ist das Problem? Wenn man nur den Deckel draufgibt, geht der irgendwann hoch.


© Jennifer Vass/viewitlikejenni.com

 

Von Konflikten und Kranichen auf der Burg

Das Österreichische Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung auf Burg Schlaining wurde 1982 gegründet, ist Träger des von den UN verliehenen Titels „Peace Messenger“ und erhielt von der UNESCO den „Preis für Friedenserziehung“. Die Kernbereiche sind Wissenschaft, Bildung und Konfliktbearbeitung. Die Organisation ist auf der Burg und weltweit in Krisenregionen tätig. Wahrzeichen ist ein Kranich: Das Mädchen Sadako wurde 1945 Opfer der Atombombe in Hiroshima und faltete – inspiriert durch eine Legende – 1.000 Origami-Vögel, um gesund zu werden. Sie starb mit zwölf an Leukämie, ihre Kraniche wurden zum Friedenssymbol; einen der letzten fünf brachte ihr Bruder 2009 nach Stadtschlaining.

www.aspr.ac.at

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Inspiration. Aus berühmter Feder © Jennifer Vass/viewitlikejenni.com