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People | 24.02.2022

Angstfrei grenzenlos

Laut Geburtsurkunde wird Christian Kolonovits im Februar 70. Wenn er Musik macht, ist er ein begeisterter 13-Jähriger auf Entdeckungsreise, finden „Seiler und Speer“.

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"Sobald es Respekt füreinander gibt, weicht jegliche Angst, dass man etwas falsch machen könnte.", Christian Kolonovits, Komponist, Dirigent, Arrangeur, Produzent © Vanessa Hartmann

Wir verabschieden uns und während wir vom ersten Stock in das Erdgeschoß gehen, hört man ihn schon am Klavier. Nahtlos switcht Christian Kolonovits vom Gespräch zum Komponieren. Die Musik pulsiert in ihm wie ein eigenes Organ, von dem er mit fünf Jahren mit Ehrfurcht und voller Leidenschaft Notiz nahm. Nichts anderes wollte er werden. Niemals.


BURGENLÄNDERIN: Wieso war es für dich so klar, dass du Musiker wirst?

Christian Kolonovits: Meine Mutter hat mir ungarische Lieder beigebracht, mein Vater hat mir Noten von Opernarien und Operetten zum Klavier gelegt, als ich acht war, damit er singen konnte und ich ihn begleite; der Krieg nahm ihm die Chance, den Traum vom Opernsänger zu verwirklichen. Wenn ich Radio gehört habe, habe ich zugehört und mich ans Klavier gesetzt und selbst probiert. Mich hat immer nur Musik interessiert und fasziniert.


Du bekamst mit fünf Klavierunterricht von deinem Onkel – im Vatikan, weil du wegen einer Lungenerkrankung nach Rom geschickt wurdest. Wie hast du das erlebt?

Das war ein Riesenabenteuer! Heimweh? Nada! (lacht) Ich war schon damals ein Luftikus, der hinaus in die Welt wollte. Ich habe dort große musikalische Inszenierungen in der Kirche erlebt, mein Onkel war noch dazu Chorleiter und ich durfte wunderschöne Mönchs-Chöre hören. Abends hat er mir Klavierunterricht gegeben, das war purer Luxus für mich und ich habe unglaublich schnell gelernt.

Einen Plan B gab es nie?

Nie. Aber einmal – da war ich 14 – wollte ich ein Ferialpraktikum im Installationsbetrieb meines Vaters machen. Ich muss mich so deppert angestellt haben, dass man mir bald gesagt hat, ich soll mich wieder ans Klavier setzen (lacht).


Hat der runde Geburtstag eine besondere Bedeutung für dich?

Gar keine. Ich habe es nie als große Errungenschaft empfunden, ein Jahr älter zu werden. Als ich sehr jung war, habe ich oft mit sehr alten Menschen gearbeitet, die mir überhaupt nicht alt vorkamen. Jetzt ist es so, dass ich oft mit sehr jungen Leuten arbeite, die mir aber auch wieder so vorkommen, als wären wir gleich alt. Ich habe viele junge Leute kennengelernt, die irre gescheit und geschickt sind, und viele alte depperte – und auch umgekehrt. Alter hat keine Bedeutung. Es ist aber schon so, dass man in jedem Alter etwas lernt, das eine Energie freisetzt und zu flirren beginnt.


Christopher Seiler sagte in einem Interview, es sei sehr schön, mit dir zu arbeiten, weil du dabei der gleiche 13-Jährige auf musikalischer Entdeckungsreise seist wie sie alle. Ihr kreiert symphonische Neuinterpretationen von „Seiler und Speer“-Titeln, wie ist die Zusammenarbeit?

Es ist so friedvoll, frei, positiv und so voller lachender Energie. Wenn man Musik macht, muss man sehr verspielt sein, kindisch und kindlich sein dürfen. Und sinnlich. Auch Sinnlichkeit ist keine Frage des Alters, sondern vielleicht des Mutes, sich außerhalb von gesellschaftlichen Normen zu bewegen.


Wie passiert Musik in dir?

Musik passiert am besten, wenn man nichts will – wie die Buddhisten bei der Meditation. Der Wille ist was Tolles, wenn man weiß, dass ein Projekt fertig werden muss. Aber innerhalb der Arbeit muss man sich die Freiheit nehmen, es gehen zu lassen und angstfrei zu sein.


Braucht es Mut, um die Werke von Kolleg*innen neu zu denken?

Sobald es Respekt füreinander und die Arbeit des anderen gibt, braucht es keinen Mut, dann weicht jegliche Angst, dass man etwas falsch machen könnte.

 

 

 

 

Im Wiener Konzerthaus. Christian Kolonovits arbeitet gerade mit Seiler und Speer  © Matthias Heschl/Red Bull



Von José Carreras über Scorpions bis hin zu Elina Garança: Du hast schon mit so vielen Menschen kollaboriert. Wie wichtig ist da Sympathie?

Sehr. Wenn ich merke, dass die Chemie nicht stimmt, kann ich nicht arbeiten. Ich muss das Gefühl haben, dass die Person mir vertraut; nur wenn man mich arbeiten lässt, kann ich etwas Positives in die Musik einbringen.


Du giltst als einer der Mitbegründer des Austropops; wieso hat ein Stil, der zuvor unvorstellbar war, so eingeschlagen?

Nach den dunklen Zeiten des Krieges und den Jahren des Aufbaus waren die 60er-Jahre eine Zeit des Aufbruchs. Wir wuchsen ohne irgendeine Richtung auf, dadurch entstand viel Kreatives. Austropop war eine Zeit des Ausprobierens und Schaffens; wir hatten unsere Vorbilder aus England und Amerika, aber wir waren wirklich Erfinder, jeden Tag ist etwas Neues passiert. Dann folgte die Zeit des Reflektierens und in den 80ern dachte man schon über bessere Techniken nach.


Apropos: Du schreibst deine Noten weiterhin handschriftlich?

Ja, das stimmt! Ich bin ein verspielter, haptischer Mensch; mir tut das gut, mit der Hand zu schreiben. Ich pflege das auch: Ich spitze meine 15 Bleistifte mit einem kleinen Stahlspitzer und dann lege ich los. Meine Kopisten übertragen das in die Software; das sind großartige Musiker, somit bietet sich dann auch ein bereicherndes Diskussionsforum, ausgehend von meinem handschriftlichen Geschreibsel (lacht).


Du hast zig Gold- und Platinschallplatten und viele andere Auszeichnungen, aber anfangs hast du dir damit schwergetan. Warum?

Ich habe nicht verstanden, dass ich Spaß an Musik und Musizieren habe und dann auch noch ausgezeichnet werde. Ich hab’ meine Goldenen Schallplatten anfangs an Lokale verschenkt; die für „Es lebe der Zentralfriedhof“ hängt in einem Beisl im neunten Wiener Gemeinde­bezirk, weil der Wirt so nett war (lacht).Irgendwann habe ich aber verstanden, dass die Menschen mit den Ehrungen Danke sagen möchten für meine Arbeit.

 



Deine Offenheit gegenüber alle Genres zeigt etwa die geniale Kooperation mit der Drum-’n’-Bass-Formation „Camo & Crooked“ gemeinsam mit dem Max Steiner Orchester  (YouTube!). Wie war das?

Ich bin sehr dankbar, dass ich auf diese Musik gestoßen bin, ich muss gestehen, dass ich die Jungs zuvor nicht kannte. Meine jüngere Tochter, die selbst elektronische Musik macht, hat sofort gesagt: Mit denen musst du unbedingt arbeiten, da kannst du nur gewinnen und was lernen. Ich mag es sehr, aus Neuem zu schöpfen, die Arbeit hat großen Spaß gemacht und wir gaben große Konzerte im Wiener Konzerthaus (2020, Anm.).


„Vivaldi – Die fünfte Jahreszeit“, eine „BaRockoper“, wie du und Angelika Messner es genannt habt, bzw. ein Musical, feiert im Frühjahr in der Volksoper abermals eine Wiederaufnahme. Warum lieben die Menschen das so?

Vivaldi ist uns sehr nahe; im Grunde war er wie ein umtriebiger Rockmusiker auf Tournee: Er reiste durch Europa, spielte wie ein Teufel seine Geige und machte Furore. Ich konnte mich sofort mit ihm identifizieren, weil er in seiner musikalischen Umtriebigkeit meiner Lebensart so entgegenkommt (lacht). Hinzu kommt noch die Barockmusik, die harmonisch nicht viel anders ist als Pop oder Rock; die Verbindungen zwischen zwei vermeintlich unterschiedlichen Zeitaltern herzustellen, ist unglaublich lustvoll – und das Publikum spürt unsere Begeisterung, Vivaldi zu zelebrieren.


Deine Eltern haben dich gefördert, aber dass die Musik zum Beruf werden soll, freute deinen Vater weniger. Warum?

Er hatte irrsinnige Angst, dass ich als Musiker nicht überlebe.


Gab es auch sehr karge Zeiten?

Natürlich, und das ist heute für junge Musiker noch viel ärger. Aber ich konnte schon in der Studienzeit von der Musik leben: Ich war vielseitig und habe unter anderem als Barpianist gearbeitet. Mitte der 70er bin ich dann nach Frankfurt gegangen – dort hab’ ich Frank Farian kennengelernt – und später nach England, wo ich die erste Discowelle von Boney M mitgemacht hab’. Je mehr ich von der Heimat wegkam, umso mehr sehnte ich mich danach und umso schöner war es, als ich nach Oberwart eingeladen wurde, das pannonische Musical („Coming Home“, 2004, Anm.) zu machen; da begann ich wieder, das Burgenland und meine Roots zu begreifen.


Das war bei der symphonischen Dichtung zur Landeshymne, deinem Beitrag zu 100 Jahre Burgenland, spürbar; du hast darin auch die Musik der Kroaten, der Ungarn und der Roma verwoben. – Im Februar kommen also die Konzerte mit „Seiler und Speer“ – und weiter?

Das ist das Geheimnis: Ich nehme mir nix vor. Es stehen viele schöne Angebote im Raum, über die ich mich freue. Wir arbeiten an einem Orchesterkonzert mit Rainhard Fendrich, gedanklich ist auch wieder ein Musical in Arbeit. Frank Farian, der bald 80 wird, hat mich auch gefragt, ob wir sein „Boney M“-Repertoire mit der Londoner Philharmonie machen wollen. Es gibt so viele gute Dinge, die auf mich zukommen, ohne dass ich mich darum kümmern muss, das ist schön, das ist eigentlich ein Luxus.

 

 


Kurzbio

Christian Kolonovits

Der Komponist, Musiker, Dirigent, Produzent und Arrangeur wurde 1952 in Rechnitz geboren und wuchs dort auf; seine Mutter war Ungarin, sein Vater Kroate. Er studierte an der Musikhochschule Wien, ging dann ins Ausland, um etwa mit Frank Farian an der Erfolgsformation Boney M mitzuwirken. Nach seiner Heimkehr entwickelt er die Austropop-Szene mit Gleichgesinnten wie Wolfang Ambros, Rainhard Fendrich, Georg Danzer oder Maria Bill weiter. Später arbeitet er mit Stars wie José Carreras, Michael Bolton, Patricia Kaas. Große Erfolge feiert er mit dem Vienna Symphonic Orchestra Project, der Oper „El Juez“ sowie den Musicals „Antonia und der Reißteufel“ und „Vivaldi – Die fünfte Jahreszeit“ (aktuell bzw. demnächst: volksoper.at). Er ist mit der Künstlerin und Designerin Brigitte Just verheiratet und Vater zweier Töchter. 

www.kolonovits.com