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People | 25.02.2022

Revoluzzerin im Rollstuhl

Ein Unfall in jungen Jahren änderte das Leben von Ingrid Ruf grundlegend.

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© Viktor Fertsak

Sie liebte das Tanzen

Als junges Mädchen mit 15 Jahren war sie Ende der 1970er-Jahre eine Rebellin, draufgängerisch. Mit Burschen ins Tanzlokal zu fahren, galt als Highlight der Woche. Den Fahrer an diesem einen Sonntag im Sommer 1979 kannte sie nicht einmal und hat ihn seither auch nie wieder gesehen. Ingrid Ruf saß mit ihrer Freundin auf dem Rücksitz. Ziel war die damals wohl bekannteste Disco im Burgenland: das Kamakura in Bad Tatzmannsdorf. Von ihrem Heimatort Lockenhaus eine halbe Stunde entfernt. Doch dieser Ausflug sollte für die damals 15-Jährige alles verändern. Bei der Heimfahrt geriet das Auto ins Schleudern, der Fahrer verlor die Kontrolle, der Wagen überschlug sich und kam auf Ingrid zum Erliegen – keiner der Insassen war angeschnallt. Ihre Wirbelsäule war zertrümmert, sämtliche Knochen gebrochen, unter anderem auch der Unterkiefer. Sie wusste bereits am Unfallort, dass sie gelähmt sein würde. „Ich habe meine Füße nicht mehr gespürt.“

„Pfeif drauf!"

Worüber oft nicht gerne gesprochen wird, darauf weist Ingrid gezielt hin: „Der Rollstuhl ist ein mechanisches Problem, für das es Lösungen gibt. Kraft kannst du trainieren. Schlimmer als die Behinderung und der Rollstuhl an sich ist jedoch die Lähmung von Darm und Blase. Du kannst also nicht nur die Beine nicht bewegen, sondern du hast auch keine Kontrolle über deine Darm- und Blasenfunktion. Das bestimmt deinen gesamten Alltag.“ Im Laufe der Jahre habe sie gelernt, ihre Blase zu kontrollieren bzw. wann sie am besten die Toilette aufsucht. Davor habe sie ihren Körper regelrecht gequält, ihm zu wenig Flüssigkeit gegeben, um sich nicht wieder einzunässen. Hinzu kam eine gewisse „Pfeif-drauf“-Einstellung. Jahrzehntelang hat sie geraucht, wenig Flüssigkeit getrunken. 2009 kam die Diagnose: Blasenkrebs, woraufhin wieder Operationen folgten. Die Krankenhausaufenthalte begleiteten Ingrid Ruf nicht nur aufgrund ihrer Behinderung und ihres Krebses, sondern auch dazwischen gab es viele Ereignisse, die im Spital endeten. Als sie schon im Rollstuhl saß, folgten weitere Autounfälle, teilweise mit Bekannten, teilweise mit Verwandten. In Summe erlitt Ingrid bis heute durch Stürze und Unfälle 22 Knochenbrüche.

„Viel zu angepasst“

Nach der Reha, rund ein halbes Jahr nach dem ersten Unfall – die 9. Schulstufe hatte sie vor dem Unfall abgeschlossen – wechselte Ingrid nach Wien in eine Handelsschule mit Internat, das für körperlich behinderte Menschen geeignet war. Ingrid hasste es dort, fühlte sich eingesperrt. Ihre Freiheit war stark eingeschränkt und die anderen Schülerinnen waren ihr „viel zu angepasst“. Während dieser Zeit wurde Ingrid vom Chefredakteur eines Magazins für Menschen mit Behinderung angesprochen, ob sie für ein Interview bereitstünde. Sie lernte die Familie des Mannes kennen und übersiedelte nach 1,5 Jahren vom Internat in deren Zuhause, wo sie dann unter der Woche in Wien wohnte, bis sie 18 war und ihre eigene Wohnung bekam.

Fels in der Brandung

Mit 18 machte das junge Mädchen seinen eigenen Führerschein – sie wollte einfach mit niemandem mehr mitfahren. Damals gab es nicht viele Fahrschulen, bei denen das mit Rollstuhl möglich war, doch Ingrid war hartnäckig und ihre Eltern sowie die vier Schwestern halfen bei allen Vorhaben tatkräftig mit. „Meine Jugendjahre waren eine wilde Zeit, ich war ärger als alle anderen. Durch meine Behinderung dachte ich mir immer: Was soll mir schon noch passieren?“ Doch unter dieser rauen Schale steckte ein weicher Kern. „Die ersten Jahre habe ich mich jeden zweiten Tag in den Schlaf geweint, weil ich nicht mehr tanzen konnte. Meine Eltern haben mich immer aufgefangen. Mein Vater war mein Fels in der Brandung, meine Mama hat alles mit viel Liebe und Ruhe ertragen und war immer für mich da. Obwohl sie fünf Töchter und einen Betrieb zu führen hatte, verlor sie nie die Geduld. Das war nicht selbstverständlich.“

Ingrid Ruf
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Als Reporterin arbeitet Ingrid heute für eine Wochenzeitung.

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Am Strand in Italien. Mehrere Urlaubsreisen jährlich gaben Ingrid das Gefühl von Freiheit.

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Das Tennisspielen war einige Jahre Ingrids Hobby.

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Gitarre spielen lernte Ingrid in einer Popmusikschule – ein kleines Konzert gehörte jährlich dazu.

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Ingrid mit Sohn Lukas (damals 8 Jahre, heute 25 Jahre).

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Mit ihrem Mann Thomas liebt sie es, Outdoor-Aktivitäten zu unternehmen.

Kind & Karriere

Als Ingrid die Handelsschule abschloss, begann sie bei einer Zeitung für Menschen mit Behinderung zu arbeiten und machte berufsbegleitend die Handelsakademie. Stevie Wonder zu interviewen war nur eines der Highlights der damals jungen Rollstuhlfahrerin. Nach sechs Jahren wechselte sie zum Niederösterreichischen Hilfswerk und baute Sozialstationen im ganzen Bundesland auf. Bei einem Symposium traf sie ihre ehemalige Erzieherin aus dem Internat wieder (mit der sie schon damals ordnungswidrig bis 3 Uhr morgens Karten spielte) und diese erzählte ihr von ihrem Verein, der Urlaube, Unterkünfte und Werkstätten für körperbehinderte Menschen organisierte. Dort wurde Ingrid fortan Geschäftsleiter-­Stellvertreterin und baute gemeinsam mit ihrer Chefin fünf Jahre lang die Organisation von 30 auf 200 Mitarbeiter*innen aus. Auf einem der Ausflüge lernte sie 1992 ihren zukünftigen Mann kennen. Dieser war als Student im Verein tätig, um ein Praktikum für seine Sozialausbildung zu absolvieren. Zwei Jahre später wurde geheiratet. Kinder waren für Ingrid kein Thema. Sie wollte Karriere machen und auch aufgrund ihrer Behinderung konnte sie sich nicht vorstellen, ein Kind zu bekommen. Als sie jedoch schwanger wurde und nicht wusste, wie es weitergehen sollte, wies ihr die Begegnung mit einer älteren Frau den Weg: Diese lebte in einer Villa mit allen Annehmlichkeiten, jedoch alleine. Da wusste Ingrid, was zu tun war.

Im September 1996 kam Lukas zur Welt, acht Wochen zu früh. Während Ingrids Schwangerschaft hatte ihre Chefin bereits Krebs und Ingrid versprach ihr am Sterbebett, dass sie die Organisation weiterführen werde. So begann sie kurz nach der Geburt wieder zu arbeiten, ihr Mann Thomas kümmerte sich zu Hause um Lukas. Die junge Mutter wurde mit vielen Vorurteilen konfrontiert, sie sei eine Rabenmutter, weil sie nur an ihre Karriere denke. „Das hat mir wirklich wehgetan. Meine Familie hat mir sehr gefehlt. Ich machte mir immer die größten Vorwürfe, weil ich mein Kind nicht so intensiv aufwachsen sah wie andere Mütter.“ 1998 war es ihr zu viel, sie übergab die Leitung an zwei Angestellte und war fortan mehr zu Hause.

Nichts bereuen

Das Familienleben und ihre Freizeit genoss Ingrid dann umso mehr. Fallschirmspringen, Motorradfahren, Flugreisen ans Meer oder zu den größten Sehenswürdigkeiten der Welt gaben ihr das Gefühl von Freiheit. Mehrere Reisen jährlich standen am Programm. Doch auch die blieben nicht ganz ohne Zwischenfälle. „Bei einem Tauchkurs in Ägypten habe ich es so übertrieben, dass ich mir das Trommelfell eingerissen habe.“ Bereuen tut sie jedoch nichts. Mit ihrem Schicksal habe sie sich arrangiert, sei sogar dankbar. „Ich hätte bei einem meiner vielen Unfälle auch tot oder ab dem Halswirbel gelähmt sein können. Irgendwann hat die Dankbarkeit überwogen, weil es mich auch ärger hätte erwischen können.“ Vor dem Sterben hatte sie nie Angst, nur davor, zu sehen, wie sich alle rund um sie Sorgen machen.

Härter, nicht angepasst

Auch heute mit 57 liebt Ingrid es noch, neue Leute kennenzulernen. „Jede Meinung hat ihr Recht. Niemand liegt völlig falsch. Ich habe meine Meinung, lerne aber sehr gerne neue Facetten kennen.“ Sie schöpft Freude aus ihrer Tätigkeit als Redakteurin für eine Wochenzeitung, hilft Kindern von Freunden beim Lernen und ist ehrenamtlich im Vorstand der Selbsthilfe Burgenland, zu der rund 40 Selbsthilfegruppen zählen. „Ich habe immer gesagt, nur weil ich eine Behinderung habe, bin ich kein anderer Mensch. Am Anfang dachte ich, ich muss angepasst sein, weil ich hilfsbedürftig bin. Jedoch hat mich mein Schicksal härter gemacht. Jammern halte ich nur bedingt aus. Es hat mir gezeigt, wie fragil das Leben ist, wie wertvoll die Zeit. Nichts ist selbstverständlich. Meine Familie und Freunde sind der Grund, warum ich heute noch gerne lebe!“

 

© Viktor Fertsak, privat