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People | 06.04.2022

„Der Traum treibt mich an“

Benjamin Knöbl lebt seit knapp sieben Jahren in Los Angeles und verfolgt zielstrebig seine Karriere als Filmemacher. Mit uns spricht er über die Eigenheiten Hollywoods.

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"Die Leute in L.A. sind sehr dramatisch, glamourös – alle wollen Kontakte knüpfen und tragen gerne dick auf.", Benjamin Knöbl, Filmemacher © Viktoria Heßl

Ein junger, 32-jähriger Mann, der trotz stressigen Arbeitsalltags gut gelaunt und charmant beim Online-Interview vom Bildschirm lacht. Während des Gesprächs mit Benjamin Knöbl ist seine Leidenschaft für das Filmemachen deutlich zu spüren. Aber auch sein kritischer Blick auf die Stadt, in der er lebt, kommt immer wieder durch. In Los Angeles arbeitet er hart daran, sich seinen Traum zu verwirklichen. Doch beginnen wir von vorne …


Du warst 18, als du mit deiner Familie von Marz nach Dubai gezogen bist, wie verlief deine Kindheit davor?

Kunst und Musik interessierte mich schon immer. Sport hingegen war nie so meins (lacht). Mit meiner besten Freundin drehte ich schon in der Volksschule spielerisch eine Sitcom mit mehreren Mini-Folgen. Die Familie musste als Schauspieler-Ensemble herhalten. Mit 16 wurde mein Interesse intensiver, ich liebte das Kino, das tue ich bis heute. Als ich mich bei der Film­akademie in Wien bewerben wollte, bekam mein Vater ein Jobangebot in Dubai und ich musste mich entscheiden, ob ich mitkommen will. Da ich in Dubai eine Uni für Filmproduktion fand, entschied ich mich dafür und absolvierte dort den Bachelor inkl. vieler wertvoller Erfahrungen.

Als du 2012 nach Österreich zurückkamst, hielt es dich hier aber nicht lange …

Reisen war eine Leidenschaft von mir und ich wollte die Welt sehen. Ich bewarb mich sofort für Unis in Amerika. Da diese Aufnahmeprozeduren an amerikanischen Unis so lange dauern, ging ich in der Zwischenzeit nach Deutschland und durfte dort unter anderem für Endemol (Anm: international operierendes Fernsehproduktions- und Entwicklungsunternehmen) für RTL-Shows Spiele entwickeln und mitproduzieren. Im März 2013 konnte ich dann endlich an der Boston University starten. Ich wollte jedoch schauen, was es außer Film sonst noch gibt, und habe meinen Master in Kommunikation mit Schwerpunkt Werbung gemacht. Als ich fertig war, wusste ich jedoch: Film ist das, was ich wirklich machen will.

Und deshalb einfach mal so nach Hollywood?

Wenn du in den USA ein Studium abschließt, bekommst du für ein Jahr die Arbeitserlaubnis. Ich dachte mir: Wenn schon, dann gleich dorthin, wo die Filmbranche zu Hause ist – Los Angeles. Als ich angekommen bin, realisierte ich erst am zweiten Tag, dass ich dort überhaupt niemanden kannte, außer die nette Dame, die mir das Airbnb-­Zimmer vermietet hat. Doch ich hatte gute Erfahrungen im Gepäck, einige wirklich erfolgreiche Produktionen hinter mir, das gab mir Rückenwind – ich hatte bereits etwas geleistet. Nur interessierte das in L.A. überhaupt keinen (lacht). Dort fängst du bei null an, egal was du vorher gemacht hast.

Wie war deine erste Zeit in Los Angeles?

Hart. Ich bewarb mich für sämtliche Jobs im Filmbereich. Nach rund 300 Bewerbungen hörte ich auf, weil sich ohnehin kaum jemand zurückmeldete. Mittlerweile weiß ich, dass ohne Kontakte gar nichts geht. Dann sah ich über Facebook, dass jemand einen Produktionsassistenten sucht. Drei Wochen am Stück, zwölf Stunden am Tag. Ohne Bezahlung. Das hab ich gemacht und dort ein paar Leute kennengelernt und einen weiteren Job mit ein wenig Verdienst bekommen. So baute ich mir stückweise ein Netzwerk auf. Das dauerte ewig und ich bin eigentlich kein geduldiger Mensch (lacht), aber Geduld ist in L.A. das Gebot der Stunde.

Du sagst, für Hollywood braucht man Vertrauen und viel Geduld. Die Welt hingegen nimmt Hollywood bzw. Los Angeles als sehr schnelllebig, oberflächlich und impulsiv wahr, also ziemlich genau das Gegenteil. Wie passt das zusammen und was sind deine Erfahrungen?

Das Motto der Leute dort ist: Vertraue niemandem, der nicht lange genug in L.A. lebt. 1 bis 2 Jahre sind nichts. Jeder glaubt bzw. weiß, dass man sich dort erst jahrelang beweisen muss. Es herrscht große Konkurrenz und es gibt viele Leute, die alles tun, um in das große Riesenrad einzusteigen. In L.A. beißt sich die Katze in den eigenen Schwanz. Du brauchst einen Job, mit dem du deine Miete zahlst, willst aber gleichzeitig eigene Projekte machen und deinen Traum verwirklichen. Ich habe sehr viele Weggefährten mit gescheiterten Träumen und Karrieren liegen bleiben gesehen, aber auch einige, die sie sich erfüllen konnten. Ich arbeite in jeder freien Minute an meinen eigenen Projekten und mache nebenher Brotjobs.

Impressionen
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GEMEINSAME SACHE.

Benjamin mit Peter und Lea Wolf

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BURGENLAND-DREH.

Für seinen Kurzfilm „Impetus“ drehte Benjamin zwischen den Lockdowns 2020 im Burgenland.

Wie sieht dein Alltag in Los Angeles aus und woran arbeitest du gerade?

Alltag gibt es nicht so richtig. Das hängt immer vom Projekt ab, das ich gerade mache. Ich wohne in Downtown, fahre mit dem Auto ca. 15 Minuten nach Hollywood. Der Tag im Produktionsbüro dauert zwölf Stunden. Arbeite ich direkt am Set, kommen noch 1 bis 2 Stunden dazu – je nachdem wo sich das Set befindet, komme ich ungefähr nach einem 17-Stunden-Arbeitstag wieder nach Hause. Mein Freund wohnt in Orange County, unsere Beziehung ist an die Wochenenden geknüpft. Wenn ich über die Stadtgrenze zu ihm fahre, bin ich wie in einer anderen Welt, dort sind die Leute plötzlich normal, haben normale Jobs. Derzeit gehe ich unter der Woche einem bezahlten Job als Production Coordinator nach, bei einem Low-Budget-Film mit fünf Millionen Dollar Budget, da müssen wir schon an allen Ecken und Enden sparen.


Fünf Millionen klingt für unsereins nicht nach Low Budget …

Es ist alles irrsinnig teuer. Für eine andere Serie – „Westworld“ (Anm.: Science-Fiction-Western-Fernsehserie aus 2016, die auf dem gleichnamigen Film von Michael Crichton aus dem Jahr 1973 basiert) – waren wir 300 Leute am Set, aber nur die Crew. Eine Folge kostete zehn Millionen Dollar in der Produktion. Es wurden dafür nördlich von L.A. in der Wüste eigene Sets für die Westernstadt der Zukunft aufgebaut, dazwischen kleine Produktionshäuser. Schon allein die Miete für dieses Areal ist irre hoch – und nach einem Jahr wird es wieder abgerissen. Für „Ruf der Wildnis“ (Anm: Abenteuerfilm mit Harrison Ford aus dem Jahr 2020) fielen damals Kosten in der Höhe von 200 Millionen Dollar an, nur für den Film, inkl. Marketing-Kosten kommst du dann auf das Doppelte.


Du bist aufgewachsen in Marz mit rund 2.000 Einwohner*innen – jetzt lebst du in L.A. mit mehreren Millionen. Wie fühlst du dich dort?

L.A. ist riesengroß und hört schier nie auf. In L.A. gibt es so viele eigene Städte: Beverly Hills, Santa Monica usw., wenn man die alle mitzählt, sind es über zehn Millionen Leute. Und doch hat die Stadt wenig Tiefgang. Die Leute sind sehr dramatisch und glamourös. Jeder sucht ständig nach neuen Kontakten und passt sein Verhalten an seine Gesprächspartner an, erzählt von seinen großen Erfolgen und Visionen, auch wenn diese nicht immer der Wahrheit entsprechen. Alle tragen gerne sehr dick auf, das gehört sozusagen zum guten Ton. Auf der anderen Seite gibt es viel Armut. Eine komische Welt. An Marz schätze ich, dass die Leute dort herzlich und ehrlich sind. Marz hat für mich immer einen speziellen Platz in meinem Herzen und in meinem Leben. Ich liebe Österreich und komme sehr gerne nach Hause. Und es ist immer so, als ob ich nie weg gewesen wäre.


Was ist für dich das Prägendste an Los Angeles?

Ein Sprichwort dort trifft es auf den Punkt: „An overnight success takes ten years“ – und ich füge hinzu: wonnst Glick host (lacht). Es dauert also zehn Jahre, bis du „über Nacht“ berühmt wirst, und das auch nur mit viel Glück und den richtigen Kontakten. Die Leute glauben, wenn du in L.A. wohnst, flanierst du mit den Stars über den Hollywood Boulevard. Als Tourist wirst du dort überhaupt keine Stars sehen, die sitzen nicht in den Kaffeehäusern. Natürlich bin ich auf den Sets schon vielen begegnet und habe unlängst erst mit Jane Fonda geredet. Das klingt cool, aber meine Aufgabe war nur, sie zu fragen, ob sie den Coronatest schon gemacht hat (lacht). Es ist die Diskrepanz, mit der du jonglierst. Du bist so nah und doch so fern.


So fern bist du gar nicht mehr. Du hast neben deinen Brotjobs auch bereits eigene, preisgekrönte Projekte gemacht (u.  a. „The Reason for Living“, „Impetus“). Und eine Serie, die du mit Peter Wolf entwickelt hast und  derzeit gemeinsam produzierst, ist in der Pipeline …

Mit Peter Wolf und seiner Frau Lea arbeite ich bereits seit über drei Jahren an einer Serie. Corona hat das Ganze ziemlich verzögert, aber das Konzept und der Trailer sind bereits fertig. Nun sind wir in der nächsten Phase und suchen Showrunner, die wiederum einen Writers-Room zusammenstellen, wo dann die einzelnen Drehbücher für die Serie geschrieben werden. Danach kann die Produktion beginnen. Peter lebt seit über 40 Jahren in L.A., daher ist die Chance, dass unsere Serie nicht wie so viele andere in der „Development Hell“ versauert, etwas größer. Hollywood ist hartes Business. Es gibt so viele Leute und keiner wartet auf dich. Wenn du nicht die ganze Zeit auf dich aufmerksam machst, gehst du unter. Du bist von vielen geschlossenen Türen umzingelt und musst immer wieder probieren, welche aufgeht. Manchmal muss ich mir gut zureden, um weiterzumachen. Aber der Traum treibt mich an, irgendwann wird das Ganze aufgehen.


Filmemacher Benjamin Knöbl glänzte bisher mit einigen Eigenproduktionen und arbeitet derzeit neben seinen regulären Aufträgen gemeinsam mit Musikproduzent Peter Wolf an einer Krimi-Serie.

Kurzbio

Seit 2015 lebt und arbeitet der 1990 geborene Burgenländer Benjamin Knöbl in Los Angeles. Film ist seine Leidenschaft, schon als Jugendlicher drehte er seine ersten zwei Kurzfilme. Bevor er nach Los Angeles ging, studierte er in Dubai Filmproduktion und ergatterte für sein Masterstudium einen Platz an einer Universität in Boston. In den letzten zehn Jahren kreierte er einige preisgekrönte Kurzfilme sowie Musik-Videos, Dokumentationen und TV-Beiträge. Für den Kurzfilm „The Reason for Living“ erhielt er Auszeichnungen für beste Kamera, beste Ausstattung und besten Schnitt auf verschiedenen Festivals. Sein jüngstes Werk heißt „Impetus“. Er drehte den Kurzfilm zwischen den Lockdowns 2020 in Österreich und verweilte dafür einige Monate in seiner Heimat. „Impetus“ schaffte es ins Semifinale des „Flickers“-Filmfestivals in Rhode Island, das zu den wichtigsten Filmfestivals für Kurzfilme in den USA zählt. Beim „Studio City International Film Festival“ wurde er für den besten ausländischen Film ausgezeichnet, beim „Los Angeles CineFest“ mit dem Preis „Year’s Best of Festival Film“.
Derzeit arbeitet er – neben einigen ­anderen Aufträgen – gemeinsam mit Peter Wolf (Anm.: erfolgreichster Musikproduzent Österreichs, der seit über 40 Jahren in den USA lebt) und dessen Frau Lea an einer Krimi-Serie.

www.bknoebl.com

 


Fotos Viktoria Heßl, Adrian Ross, Alexander Fenyves