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People | 07.04.2022

Nicht nur freitags

Damit der Klimawandel ihm nichts anhaben kann, wollen Ilse Krüger und ihr Mann im Südburgenland einen Nadel- in einen Mischwald umwandeln. Als er stirbt, steht das visionäre Projekt an der Kippe.

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"Der Wald gibt mir viel mehr, als ich ihm gebe.", Ilse Krüger, Waldbesitzerin und Autorin © Ramona Hackl

Es ist ein Freitag, an dem wir Ilse Krüger in Litzelsdorf besuchen. Da taucht eine Assoziation im Kopf auf und klammert sich fest: Fridays for Future. 82 Jahre alt ist sie und sie hält kein Transparent hoch. Ihre Mission gegen den Klimawandel findet im Wald statt. Je nach Jahreszeit schlüpft sie oft täglich in ihre Sicherheitsschuhe, um Forstarbeiten zu erledigen. Unaufgeregt. Mit Demut. „Der Wald gibt mir viel mehr, als ich ihm gebe“, sagt die zierliche Frau und geht festen Schrittes durch das raschelnde Laub voran. „Ist es schlimm mit der Trockenheit?“, frage ich. „Furchtbar“, sagt sie. „Ich fülle oft Flaschen mit Wasser und trage sie in meinem Rucksack zu den ganz jungen Bäumen.“Sie führt uns zu einem Waldstück, wo viele Baumstümpfe bereits von Moos überzogen sind. Fichten wurden hier zum Großteil umgeschnitten, neben jedem einzelnen wächst junges Leben in die Höhe: „Ahorn, Eiche, Rot- und Weißbuche“, zählt sie einige auf. Aus dem Nadelwald soll im Laufe der Jahre ein Mischwald entstehen, so nahmen sie und ihr Mann es sich vor. Ein solcher ist widerstandsfähiger. Erste Erfolge zeigen sich: „Da oben sind die Fichten alle gesund, weil sie im Laubwald stehen“, zeigt sie auf eine Baumgruppe. „Der Borkenkäfer geht nur auf kranke Pflanzen.“ Jahrzehnte hindurch führten Ilse Krüger und ihr Mann ein Textilunternehmen und lebten am Wiener Stadtrand. Als sie in Pension gingen, „wollten wir noch mehr Natur, wir wollten etwas ganz abseits“, erzählt sie. So fanden sie das alte, beinahe allein stehende Bauernhaus in Litzelsdorf, das sie selbst renovierten. „Ich wollte keine Schulden machen, da waren wir lieber selbst fleißig“, sagt sie. „Ich finde es immer lustig, etwas Neues zu lernen. Nicht nur auf der Uni, sondern auch im Praktischen.“ Das Beispiel nennt die vierfache Mutter nicht ohne Grund, verwirklichte sie sich doch ihren Traum vom Studium ebenfalls in ihrer Pension; sie inskribierte Philosophie, Psychologie und Politikwissenschaften in Wien.

 


Aufgepäppelt

Später wird dem Ehepaar ein Waldstück zum Kauf angeboten und die beiden vertiefen sich Stück für Stück in die Materie; als sich weitere Parzellen dazugesellen, macht ihr Mann den Forstarbeiterkurs, seine stets wissenshungrige Partnerin lernt mit. Dass sie als Studentin und im Schreiben – sie veröffentlichte bereits in den 1990er-­Jahren erste Bücher – ihr Glück fand, schien ihn zu irritieren, grübelt sie noch heute. Doch in ihrem Waldprojekt, in ihrer gemeinsamen Vision, dem Klimawandel mit einem aufgepäppelten Ökosystem entgegenzuwirken, herrschte zwischen ihnen stets Harmonie. Vor drei Jahren stirbt ihr Mann nach langer Krankheit; die damals selbst körperlich geschwächte knapp 80-Jährige überlegt, den Wald zu verkaufen. „Aber ich habe den Gedanken nicht ertragen, dass die Bäume, die wir gemeinsam gepflanzt haben, kaputt werden könnten“, beschreibt sie. Das erste Jahr nach seinem Tod wird zum Kraftakt: Neben Trauer und bürokratischen Hürdenläufen hält auch die Natur viele Prüfungen für sie bereit; sie beschreibt das in ihrer Erzählung „Mein Jahr im Wald“ (Der Kollektiv Verlag), in der es ihr auf rund 70 Seiten gelingt, ihre inneren und äußeren Erlebnisse so prägnant und präzise zu beschreiben, dass man sich beim Lesen in einem Film wähnt.

 

Eine Frau und ihre Motorsäge. Ilse Krüger bei der Arbeit in ihrem Wald


Selbst ist die Frau

Immer wieder bietet man ihr Unterstützung bei der Waldarbeit an. Doch was Ilse Krüger sich zutraut, macht sie am liebsten selbst; sie genießt die Zeit allein im Wald, sagt sie. „Dort habe ich zuletzt gearbeitet“, zeigt sie auf ein paar auf einem Steilhang liegenden Äste. „Ich habe die Buchen freigestellt, die von Haselnüssen bedrängt wurden.“ Bei größeren, schwereren Bäumen holt sie einen Sohn hinzu, mit kleineren wird sie selbst fertig, sagt sie. „Ich bin keine Mutige, ich bin unglaublich vorsichtig. Ich habe immer das Handy in der Hosentasche, die Motorsäge schalte ich erst ein, wenn ich einen ganz sicheren Stand habe. Ich schneide den Baum auch nie ganz durch, sondern tauche ihn lieber zum Schluss, bis er fällt“, erzählt Ilse Krüger. „Und das finden Sie nicht mutig?“, frage ich. „Ich glaube, dass ich eher tapfer bin, ich kann die Zähne zusammenbeißen. Aber wenn ich irgendwo das Gefühl habe, das geht nicht, dann lasse ich es bleiben. Es kommt aber auch vor, dass ich am nächsten Tag einen weiteren Versuch wage“, lacht sie. Ihre Energie scheint grenzenlos, baut sie doch auch ihr eigenes Gemüse an und einen Uhudler macht sie ebenso selbst. „Meine Mutti war auch so emsig“, winkt sie ab. Sie ist fest davon überzeugt, im Wald ihr Lebenselixier gefunden zu haben. „Er macht mich gesünder und stärker.“ Als ihr Mann starb, lag sie einen Monat lang mit Fieber im Bett. Seither aber war sie nicht mehr krank. „Sogar die Osteoporose ist besser geworden, seit ich mich mit Holz abschleppe. Ich habe außerdem zwei chronische Lungenerkrankungen, die sind stehen geblieben. Der Wald ist nett zu mir und es liegt auch an der Freude an der Arbeit.“ All das beflügelt jedenfalls auch ihren Geist. Parallel zur Erzählung „Mein Jahr im Wald“ erschien ihr Roman „bitter kalt“ (Éditions Parallèles); darin beleuchtet sie die Geschichte ihrer Eltern, eingebettet zwischen zwei Weltkriegen, geprägt von Antisemitismus und Nationalsozialismus. „Mein Antrieb war die Frage: Warum fallen Menschen auf dieses System rein und wieso waren andere immun gegen den Nationalsozialismus?“, beschreibt sie. Es ist eines ihrer Lebensthemen, wie lange und mit welcher Vehemenz über die Verbrechen des Nationalsozialismus geschwiegen wurde; davon handelt ein autobiografischer Roman, an dem sie gerade arbeitet. Die Welt ein Stück besser machen: Dieser Vision widmet sich Ilse Krüger im Wald und beim Schreiben. Und was sie sich für sich selbst wünscht: „Noch ein paar Jahre, damit ich die Bäume groß werden sehe, und dass meine Augen noch ein bisschen durchhalten, damit ich auch noch schreiben kann.“

 


Ihre Bücher
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„bitter kalt“ (Éditions Parallèles)

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„Mein Jahr im Wald“ (Der Kollektiv Verlag)


Fotos Ramona Hackl, Der Kollektiv Verlag, Éditions Parallèles