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People | 14.04.2022

Der Kulturcrash

Wetten, Sie deuten den Titel auf den ersten Blick anders, als es Laura Schoditsch meint? Sie spricht nämlich vom ersten Jahr als Mutter. Die künstlerische Selbstverwirklichung folgte danach.

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BEEINDRUCKEND! Weil die Bilder, die sich die Kunstgeschichte-Studentin wünscht, zu teuer sind, beginnt Laura Schoditsch zu malen. Mittlerweile avancierte ihre Leidenschaft zum Traumberuf. © Ramona Hackl

Mir, der Autorin dieser Zeilen, ist einmal ein selbstgemachtes Erbsenpüree sozusagen explodiert. Mir schossen die Tränen in die Augen, ich musste den Tatort sofort verlassen. So ärgerlich das auch war, ich weinte nicht, weil ich die Küche putzen musste. Ich weinte, weil ich überlastet und überfordert war – und mein Baby nach einer durchwachten Nacht auch während der gesamten Pürierprozedur gebrüllt hat. Ich hatte Flashbacks an diese erste Baby-Zeit, als ich Laura Schoditsch zuhörte, aber noch viel mehr erlebte ich die 25 Jahre junge Frau als inspirierend: Ihr gelang neben einem Kleinkind ein künstlerischer Befreiungsschlag. Die Zeit für die Selbstverwirklichung gab es nicht umsonst, hinter ihr liegt ein nachahmenswerter Weg, der freilich nicht ausschließlich mit dem Pinsel gegangen werden kann. Laura Schoditsch wuchs in Willersdorf bei Oberschützen auf. Sie weiß noch genau, wie es war, als sie das erste Mal die Hauptuniversität in Wien betrat. „Ich war als Kind bei der Sponsion meines Onkels und ich dachte mir: Das ist der beste Ort der Welt, da muss ich her.“ Sie war eine gute Schülerin. Die Verzweiflung brach bei ihr nach der Matura aus, weil sie hin- und hergerissen war, was sie studieren sollte. Sie schrieb seit ihrer Jugend eigene Songs, liebte Architekturfotografie, aber auch Naturwissenschaften. Sie entschied sich für ein Physik-Studium, „aber sehr bald fehlte mir die Kunst“. Also switchte sie ins Konservatorium und studierte Jazz-Komposition. Als sie dann die Bücherberge vermisste, inskribierte sie Kunstgeschichte – ein Studium, das sie liebt und bis heute begleitet. Dass Laura Schoditsch eine dreijährige Tochter hat, ist nicht „passiert“. Seit vier Jahren ist sie glücklich liiert mit dem erfolgreichen Musikproduzenten Daniele Zipin. Sie selbst hat eine junge Mama, das wünschte sie sich auch für ihr Kind. Die Freude war groß, als sich mit 22 Töchterchen Elsa ankündigte. Viele Mütter werden sich in ihren Schilderungen wiederfinden: Sich in das neue Leben einzugrooven, dauerte allerdings …


BURGENLÄNDERIN: Wie war das erste Jahr mit Baby für dich?

Laura Schoditsch: Ein Kulturcrash. Es war sehr anstrengend und ich hatte immer zu wenig Schlaf.


Danke für die Offenheit, mich hat es so gestresst, wenn ich ständig gehört habe, ich MUSS die Zeit genießen …

Was genießen?! (lacht) Ich hatte es mir ganz anders vorgestellt. Schon die Geburt war schlimm, man musste sie mit der Saugglocke holen, ihr Köpfchen war verbeult, die Schmerzen waren unbeschreiblich. Ich stand unter Schock, das hörte nicht auf. Ich arbeite gerne, interessiere mich für viele Dinge, bin gerne unterwegs, auf einmal hatte ich ein Baby, neben dem ich nichts tun konnte. Mein Freund ging jeden Tag arbeiten, während ich mir schon um 12 Uhr dachte: Wie überstehe ich das?

 

Babyalter ade. Laura Schoditsch und Daniele Zipin happy mit ihrer Elsa

 


Hast du die Stunden gezählt?

Oh ja! Ich habe sehr lange mit mir gekämpft, zuzugeben, dass es nicht cool war. Irgendwann habe ich verstanden, dass das nichts mit der Liebe zu meinem Kind zu tun hat, wenn ich sage: Dieses erste Jahr war richtig hart und ich war froh, als Elsa in den Kindergarten ging. Niemand macht den Männern einen Vorwurf, wenn sie sofort wieder arbeiten gehen. Kein einziges Mal habe ich den Satz von einem Mann gehört: „Ich liebe mein Kind, aber ich geh’ halt arbeiten.“ Die Sätze von uns Frauen beginnen aber sehr oft so: „Ich liebe mein Kind, aber …“


… und all das, obwohl du jung bist und modern denkst?

Ich habe da erst gemerkt, wie uneman­zipiert ich war. Wir sind ein junges, glückliches, offenes Paar, können über alles reden. Aber wenn du ein Kind kriegst, merkst du, wie festgefahren die Muster sind. Sodass du als Frau ein schlechtes Gewissen hast, sobald du ein paar Stunden von deinem Kind weg bist, oder glaubst, ein schlechtes Gewissen haben zu müssen. Das war ein richtiger Befreiungskampf, sich all das einzugestehen und sich davon zu lösen.


Man muss fairerweise festhalten, dass es auch Frauen gibt, die darin komplett aufgehen.

Natürlich. Meine Mama hatte vier Kinder und hat das alles anders erlebt. Aber ich find’s wichtig zu betonen, dass eine Frau, die charakterlich anders ist, genauso eine gute Mutter sein kann.

 

 

"Ich hätte nicht gedacht, dass ich je zur Malerei finde. Da war plötzlich etwas, womit ich nie gerechnet habe."

Laura Schoditsch, Künstlerin und Mama

 


Elsa war ein Jahr alt, als du wieder zu arbeiten begonnen hast …

Ich wollte unabhängig sein. Ich finde diese Situation für Frauen prinzipiell entwürdigend, dass man den ganzen Tag zu Hause tut, bis man halb umfällt, und dann den Mann um Geld fragen muss. Wir hatten da keine Probleme, trotzdem wollte ich aus dieser Situation raus.


Das Bemerkenswerte ist, dass du ausgerechnet in der Zeit das Malen für dich entdeckt hast. Wie kam es dazu?

Mein Papa ist Architekturfotograf, das brachte mich dazu, schon ganz jung Museen zu fotografieren; sie sind bis heute mein Lieblingsort, so kam ich auch zum Kunstgeschichte-Studium. Bald wollte ich auch gerne Kunst für mein Zuhause, aber alles, was mir gefiel, war unerreichbar. Also habe ich mir irgendwann gedacht: Ich probiere es selbst. Die Ursprungsmotivation war also aus der Not heraus (lacht).


Da hast du beschlossen, du kaufst Leinwand und Farben – und legst los?

Ich habe davor nicht einmal gezeichnet, ich hätte nie gedacht, dass ich einmal zur Malerei finde. Ich kam eben nicht übers Machen, sondern übers Sehen dazu. Das war zu Beginn wie ein Labyrinth: Ich habe etwas Abstraktes probiert, das gefiel mir nicht. Dann versuchte ich etwas Realistisches und stellte fest: Ja, darauf kann man aufbauen. Ich malte Porträts, wurde immer ehrgeiziger. Für mich war klar: Ich habe wenig Zeit, da muss ich das machen, was mir am allerbesten gefällt. Da war plötzlich etwas da, womit ich nie gerechnet hatte.


Du beginnst jeweils mit akribischen Studien und Zeichnungen, du arbeitest Monate an einem Werk …

Ich bin selbst überrascht, wie konsequent ich da jetzt bin (lacht). Ich habe einen ziemlich realistischen Blick auf mich selbst: Beim Klavierspielen weiß ich, dass mein Können für die Zeit, die ich investiert habe, lächerlich ist. Aber beim Malen sehe ich, dass ich Potenzial habe. Ich habe gemerkt, dass ich in kurzer Zeit viele Fortschritte gemacht habe – und ich spüre, dass das zum Traumberuf werden kann, weil sich darin so viele Dinge verbinden, auch mein Wunsch nach Selbstverwirklichung. Damit könnte ich mein Leben verbringen.

 

Ausgezeichnet. 2021 erhielt die 25-jährige Südburgenländerin für ihr Foto-Triptychon „Staging myself“ den Förderpreis für Bildende Kunst.

 


Wann malst du?

Wenn Elsa im Kindergarten ist, manchmal wenn sie da ist. Sie ist eben kein Baby mehr, sie singt und spielt den ganzen Tag, sie wurde ein so taffes Kind. Abends male ich nicht, ich bin froh, dass ich wieder genug Schlaf kriege (lacht).


Wie soll es weitergehen?

Machen, machen, machen. Ich habe mir vorgenommen, mich aufs Malen zu konzentrieren und ein ordentliches Portfolio zu haben, ehe ich mir darüber Gedanken mache, wie ich es vermarkte.


Was wünschst du dir für deine Kunst?

David Hockneys Ausstellung in der Londoner Tate Gallery war für mich der Lifechanger. Er malt große, teils realistische Bilder, sie wurden auf pinken Wänden präsentiert, man tauchte in eine eigene Welt ein. Ich sehe Kunst immer aus einem ästhetischen Blickwinkel: Es interessiert mich nicht, wenn am Boden was liegt, das eine Zehn-Meter-Erklärung braucht. Ich will in einen Raum gehen und geflasht sein. Ich mag es nicht, wenn Kunst etwas Ausgrenzendes ist, wenn es zu etwas Intellektuellem verkommt, das Menschen, die nicht in eine künstlerische Familie hineingeboren wurden, ausschließt. Ich wünsche mir, dass meine Kunst Leuten gefällt, die nichts mit Kunst zu tun haben, und jenen, die sich auskennen, die die Qualität sehen.

 

 

Kurzbiografie

Laura Schoditsch wurde 1996 als Älteste von vier Geschwistern geboren, sie wuchs in Willersdorf bei Ober­schützen auf. Sie studierte Physik und Jazz-Komposition; aktuell legt sie den Fokus auf die Malerei, das Kunstgeschichte-­Studium und ihren Job im Antiquitätenhandel. Parallel dazu singt und komponiert sie in der Formation Lauraklaus (lauraklaus.com), tanzt und macht Karate. Für „Staging myself“, eine fotokünstlerische Auseinandersetzung mit der Sehnsucht nach analogen öffentlichen Räumen während der Pandemie, wurde sie 2021 mit dem Förderpreis des Landes für Bildende Kunst ausgezeichnet. Sie lebt mit dem Musikproduzenten Daniele Zipin und Tochter Elsa in Wien und verbringt gerne Zeit bei den Groß­eltern in Großpetersdorf.

 

Fotos Laura Schoditsch, Ramona Hackl, privat