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People | 18.05.2022

Durch gute und schlechte Zeiten

Die Eiskunstläuferin Miriam Ziegler und ihre Mama Siegrun gehen durch dick und dünn. Dieses Netz von Geborgenheit und Wertschätzung war es, das Miriam zu dem Menschen gemacht hat, der sie heute ist.

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Egal was kommt: zu Hause fühlt sich Miriam immer aufgefangen. © Vanessa Hartmann


Begonnen hat alles mit einer quirligen, nie still sitzenden 4-Jährigen und ihrer ambitionierten Oma. Miriam Ziegler war noch ein kleines Mädchen, als sie zum ersten Mal auf dem Eis stand und die Kufen unter ihr blitzten. Zunächst waren es nur die Kinderkurse ein Mal in der Woche, schon bald war es ein tägliches Eislauftraining im Winter in Eisenstadt. Im Volksschulalter fuhr sie jeden Tag nach der Schule mit ihrer Großmutter nach Wien, da es nur dort auch im Sommer möglich war, „aufs Eis zu gehen“, Hausübungen wurden meist im Auto gemacht. Doch die Fahrten nach Wien mit ihrer Oma genoss Miriam auch. „Sie war eine großartige Geschichtenerzählerin“, erinnert sich die heute 28-Jährige zurück. An den Wochenenden fuhr sie mit ihren Eltern zu Bewerben, die gesamte Urlaubs- und Freizeitplanung drehte sich nur um sie. Miriam war ehrgeizig, das Eislaufen machte ihr Spaß. Nach der 1. Klasse Gymnasium in Oberpullendorf wechselte sie mit elf Jahren an eine Schule in Wien, die einen eigenen Zweig für Tänzerinnen und Eisläuferinnen hatte, von dort waren es nur 30 Minuten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zur Eislaufhalle. „Jahrelang jeden Tag im Auto, mit Stau teilweise 1,75 Stunden pro Strecke, das war einfach schon zu viel.“ Ab der 2. Klasse Unterstufe ging sie also ins Internat und in die Schule in Wien. Mama Siegrun erinnert sich: „Wir haben sie jeden Sonntagabend nach Wien gebracht und jeden Samstagnachmittag geholt. Die Wochenenden waren meist vollgepackt mit Eislaufterminen und Wäsche-Waschen.“ Die beiden jüngeren Schwestern fühlten sich als Kinder oft benachteiligt. „Miriams Schwestern waren schon manchmal eifersüchtig. Ich habe ihnen jedoch immer wieder erklärt, dass wir jeder von ihnen helfen, ihren Traum zu verwirklichen.“ Und auch Miriam erinnert sich mit Wehmut an diese Zeit ihrer Kindheit zurück: „Meine zwei Schwestern haben sich beim kleinsten Konflikt gegen mich verbündet. Es ging mir oft schlecht damit. Aber als Erwachsene haben wir darüber geredet und sie sagten mir, dass es ihnen so vorkam, als hätte ich sie im Stich gelassen, weil ich so wenig da war. Heute verstehen wir drei uns wieder super, aber es war damals eine Zeit lang eine Zerreißprobe.“ Die war es nicht nur emotional, sondern vor allem für die Eltern auch finanziell, wie Mama Siegrun zugibt: „Ein ganzes Einkommen haben wir alleine für ihren Sport gebraucht. Internat, Physiotherapeut, Trainings­gewand etc. Meine Mutter hat uns sehr viel unterstützt und später kamen dann ein paar Förderungen dazu, aber bis dahin war es eine finanzielle Herausforderung für meinen Mann und mich.“

Herausforderungen und schwere Zeiten musste Miriam Ziegler in ihrer gesamten Karriere viele bewältigen. Als ihre Oma 2007 mit 62 Jahren starb, traf sie das hart. Einige Jahre darauf – Miriam war in der Pubertät – keimten in ihr Zweifel an ihrer Eiskunstlaufkarriere, sie wollte aufhören und die Schule abbrechen. Ausschlaggebend dafür war gleichzeitig auch ein Ereignis, das in die Sportgeschichte einging. Miriam war 2010 die erste Burgenländerin, die bei Olympischen Winterspielen an den Start ging. Ein schwerer Sturz, der psychische Druck, die negative Stimmung und Missgunst im Verband machten ihr zu schaffen. „Das war auch für mich als Mutter eine schwierige Zeit. Miriam war fertig, sie fuhr in dieser Zeit jeden Tag von Wien mit dem Zug nach Hause. Für mich war jedoch klar, wir stehen hinter ihr, egal wie sie sich entscheidet. Auch wenn viele in unserem Umfeld sagten, ich solle sie antreiben, sie könne doch jetzt nicht aufhören. Aber das wollte ich nicht, mir war am wichtigsten, dass sie sich wohlfühlt.“ Nachdem Miriam einige Monate lang überlegte, entschied sie sich, die letzten beiden Schuljahre fertig zu machen und danach mit dem Eiskunstlaufen aufzuhören.

 

Sowohl beim Karrierebeginn als auch beim Karriereende – Mama und Tochter halten zusammen. © Vanessa Hartmann

 

2012 war es dann so weit –nach der Matura gab Miriam ihr Karriere­ende bekannt. Doch bereits im Jahr darauf öffnete sich erneut eine Tür. Severin Kiefer fragte Miriam, ob sie mit ihm im Paarlauf beginnen wollte. „Mir fehlte das Eislaufen zwar, aber der Anfang und Wiedereinstieg war sehr schwer. Ich hatte zugenommen, die Motivation war nicht mehr so da wie früher. Das Gute war: Der psychische Stress im Einzellauf war unerträglich, aber mit Severin gemeinsam war das etwas anderes. Wir konnten alles miteinander teilen. So kam es, dass wir schon kurz darauf auch abseits vom Eis ein Paar wurden.“ Und diese Liebe hielt über acht Jahre, letzten Sommer trennte sich das Paar. Ihr Beschluss, auch ihre Eiskunstlaufkarriere zu beenden, hatte damit jedoch nichts zu tun. Schon 2018 beschlossen die beiden, ihr gemeinsames Potenzial noch ein Mal für vier Jahre auszuschöpfen und 2022 ihre letzte Saison (wieder bei den Olympischen Winterspielen) zu laufen. So kam es, dass Miriam im März 2022 von Salzburg wieder nach Ostösterreich zog und ihr offizielles Karriereende bekannt gab. Ab Herbst möchte sie beginnen für den Österreichischen Eiskunstlaufverband in Wien zu arbeiten und schon bald startet sie ihre Trainerausbildung. „Einen Job ohne Eiskunstlauf kann ich mir nicht vorstellen. Ich mag die Szene, fühle mich wohl, kenne die Abläufe. Ich habe ins Eislaufen viel mehr Zeit investiert als in jegliche schulische Ausbildung. Es wäre schade, wenn ich das nicht nutzen würde.“

 

Über acht Jahre waren sie sowohl auf dem Eis als auch abseits davon ein Paar: Miriam Ziegler und Severin Kiefer.  © Vanessa Hartmann

 

Die Entscheidung für das Karriere­­­ende wird auch von Mama Siegrun mitgetragen. „Ich bewundere Miriams Konsequenz. Sie ist so stark und hat so viel Durchhaltevermögen. Und das Besondere an ihr ist auch: Sie ist immer in Bewegung, will immer etwas tun. Langeweile gibt es bei ihr nicht. Und das zeichnete sich schon in ihrer frühen Kindheit ab. Kinder haben so viele versteckte Talente, deshalb müssen sie so viel wie möglich ausprobieren dürfen. Das haben wir unseren drei Töchtern immer ermöglicht. Als Familie wächst man mit den Aufgaben.“ Und auch Miriam weiß die Unterstützung ihrer Mama zu schätzen: „Ich habe viele Ansichten von ihr gelernt. Zum Beispiel immer nur einen Schritt nach dem anderen zu machen, wenn es grad viel ist. Das hilft mir im Leben sehr, weil bei mir ist es immer viel. Ohne diesen Rat würde ich nirgends hinkommen. Ich hatte immer die Möglichkeit, mich weiterzuentwickeln, viel zu sehen, viel zu lernen. Wenn es schwierig war, wusste ich, ich kann mich auf sie verlassen. Ich fühlte mich zu Hause immer aufgefangen. Auch wenn Mama mir nicht immer die Lösung präsentiert hat – sie hat mir Denkanstöße gegeben und mir meine Entscheidungsfreiheit gelassen, mich nie zu etwas gezwungen. Ich wusste, egal was ich mache, ich kann nichts falsch machen. Ob ich gewinne oder verliere. Ich genüge als Mensch – auch ohne das alles. Das ist sehr viel Wert.“ Darauf kontert die Mama voller Liebe: „Mir ist wichtig, meinen Kindern zu vermitteln, nicht immer nur etwas zu tun, um etwas zu bezwecken oder das tollste Ergebnis zu haben. Man muss auch Fehler machen und versagen dürfen. Daraus lernt man. Das Wichtigste ist, Kindern zu helfen, ihre Ziele zu verwirklichen, und hinter ihnen zu stehen, egal was kommt.“