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People | 23.05.2022

Der Festivalmacher

Jeder, der Konzerte liebt, kommt an ihm nicht vorbei: Ewald Tatar ist einer der wichtigsten Player, wenn es um Musik-Veranstaltungen geht. Wir sprechen mit ihm über seine Jugend, die Musik und wie er mit Rückschlägen und Kritik umgeht.

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Am Veranstaltungssektor gibt es keine unerreichten Ziele mehr. Deshalb besinnt sich Tatar jetzt wieder auf seine Wurzeln. © Marija M. Kanizaj

Keine Beschränkungen, kein Konsumverbot, keine 3G-Kontrollen. Das Novarock findet heuer erstmals seit der Pandemie wieder ohne Einschränkungen statt – und das Line-up kann sich sehen lassen. Verantwortlich dafür ist ein Mann, der in den letzten Jahren vieles einstecken musste, aber umso mehr erreicht hat: Ewald Tatar.

Du organisierst seit rund 30 Jahren Festivals und Konzerte und hast vielen jungen (und auch älteren) Menschen damit zahlreiche unvergessliche Erinnerungen beschert. Nun bist du 30 Jahre älter und dein Publikum ist immer noch überwiegend jung. Wie erlebst du das?

Wenn ich sagen würde, das Älterwerden macht mir nichts aus, wäre das gelogen. Klar beschäftigt es mich. Aber ich steigere mich da nicht rein, sondern versuche – so blöd das auch klingt – so jung wie möglich zu bleiben. Auch musikalisch, das ist in meinem Beruf sehr wichtig. Aber ich bin kein Zwangs­jugendlicher.

Deine Kinder sind junge Erwachsene und werden dir sicher auch Tipps geben, was gerade angesagt ist …

Richtig. Mein Sohn ist 18, meine Tochter 22 – die sind also voll im Geschehen. Ich profitiere viel von ihnen, sie spielen mir im Auto neue Musik vor, geben mir immer wieder Inputs für neue Bands, die ich dann auch bei den Festivals berücksichtige oder wenn ich im U4 auflege. Es ist schön für mich als Vater, wenn ich von meinen Kindern umgeben bin und sie mir neue Wege aufzeigen.

Ist die Jugend von heute anders als damals vor 30 Jahren?

Die Technologie und die Digitalisierung beeinflussen die Jugend natürlich. Aber auch wir hatten früher Dinge, die die ältere Generation nicht verstanden hat. Es ist im Prinzip immer das Gleiche, nur die Umstände sind anders. Den großen Unterschied hat jetzt aber die Pandemie gemacht. Das war etwas Einschneidendes für die Jugend. Ihnen sind wichtige Zeit, gesellschaftliche Ereignisse und soziale Kontakte verloren gegangen.

Mein Eindruck ist, dass Kinder und Jugendliche heute angepasster leben und weniger Revoluzzer sind als die Teenies vor einigen Jahrzehnten. Wie siehst du das?

Ich glaube, dass wir da teilweise selbst „schuld“ sind. Wir sind als Eltern meist offener für vieles, die Gesellschaft ist insgesamt toleranter. Wogegen sollen sich die Kinder also noch stellen? Das Revoluzzer-Wesen kann nicht aufkommen, wenn es kein Thema gibt, gegen das ich mich auflehnen kann. Vereinzelt passiert das natürlich trotzdem bzw. gibt es ein paar Themen, aber insgesamt – da kann ich aber auch nur von meinen Erfahrungen sprechen – sind wir Eltern heutzutage lockerer, die Kinder sind empathischer und toleranter. Beim Konzert „We stand with Ukraine“ nimmt mich mein Bub bei der Rede von Van der Bellen in den Arm und sagt: „Papa, ich bin stolz auf dich.“ Das wäre mir mit 18 nie in den Sinn gekommen, ich wollte immer nur gegen den Strom schwimmen. Dieser soziale Aspekt im Charakter der Kinder ist super. Sie sind in einer friedlichen Welt aufgewachsen. Dass da jetzt 800 km weiter weg Massaker passieren, beschäftigt sie natürlich. Und der Zusammenhalt – wie z. B. bei Benefizkonzerten – ist ihr Statement gegen diese Vorgänge. Brav zu sein ist nichts Schlechtes. Aber in puncto Partymachen stehen mir meine Kinder in nichts nach (lacht).

 

Das Benefiz-Konzert „We stand with Ukraine“ im März 2022 begeisterte Massen und half vielen – die Kritiker lässt Tatar gewähren, fühlt sich aber nicht schuldig.  © Matthias Heschl

 

Du hast dich schon oft musikalisch und organisatorisch für den guten Zweck engagiert – „Die Nacht gegen Armut“, „Voices for Refugees“ oder kürzlich „We stand with Ukraine“. Zu Letzterem gab es viel Lob, aber auch viel Kritik in Bezug auf die Coronamaßnahmen. Wie geht es dir damit?

Mit der Kritik gehe ich easy um, da bin ich sehr klar. Wir werden endlich irgendwann lernen müssen, mit dem Virus zu leben. Wir sehen, dass Konzerte und Veranstaltungen zu unserem Leben gehören und wir sie nicht missen möchten, das merken wir auch beim Vorverkauf für das Novarock. Die Leute wollen raus. Ich verstehe jeden Virologen, zum Teil verstehe ich auch die Maßnahmen, aber das Virus wird nicht verschwinden, es wird immer wieder auftauchen. Es gibt viele Dinge, die die Politik verabsäumt hat. Aber jeder Mensch hat immer noch seine Eigenverantwortung. Bei „We stand with Ukraine“ haben wir jedem Einzelnen einen Mund-Nasen-Schutz beim Eingang gegeben und davor empfohlen, dass die Leute mit 3G kommen. Dass fast niemand die Maske getragen hat, ist Fakt. Ich werfe das niemandem vor, jeder hatte die Möglichkeit, selbst zu entscheiden. Das soll auch in Zukunft unsere Umgangsweise damit sein, jeder soll selbst entscheiden, welchem Risiko er sich aussetzen will. Kritik lasse ich gelten, muss aber sagen, dass sie mich in keinster Weise dorthin treibt, mich schuldig zu fühlen.

Die letzten Jahre waren für dich und Barracuda Music keine einfachen. Zuerst Corona, dann der 34-Millionen-­Euro-Verlust durch den Commerzialbank-Skandal. Was haben diese Rückschläge mit dir gemacht?

Es geht nicht spurlos an mir vorüber. Wenn man von einem Tag auf den anderen vor dem Ende seines Lebenswerks steht, dann ist das schwer. Aber wir hatten Glück im Unglück. Wir hatten bereits ein halbes Jahr davor den Großteil der Firma (71 %) an ein deutsches Unternehmen verkauft. Die waren sofort da und haben innerhalb von ein paar sehr harten Wochen, in denen ich nicht wusste, wie es weitergeht, signalisiert, dass sie uns trotzdem wirtschaftlich weitertragen werden. Das war etwas, was mich wieder aufgerichtet hat, es ist nicht alles schlecht. Ich bin ein Mensch, der Probleme hat wie jeder andere auch. Aber ich versuche, so schnell wie möglich immer nach vorne zu schauen und nicht nach hinten. Natürlich falle ich auch manchmal in den Hättiwari-Modus, aber trotzdem versuche ich, immer positiv zu bleiben. In den letzten zwei Jahren haben mich Leute immer wieder gefragt, woher ich diese positive Energie nehme. Ich hüte mich durch Selbstkontrolle davor, zu viel negative Energie zuzulassen, denn sie ist wie eine Spirale, die dich immer weiter runterzieht. Alles, was zurückliegt, war wichtig, aber noch wichtiger ist das, was kommt.

Wenn du auf dein bisheriges Leben zurückblickst: Würdest du etwas anders machen?

Ich bereue keine Sekunde – man nimmt von allem was mit. Und nach vorne zu schauen, war immer mein Motto. In Phasen, wo es mir schlecht geht, gehe ich im Wald spazieren und groove mich wieder ein.

Was liegt noch vor dir, worauf arbeitest du hin?

Die letzten Jahre haben mir gezeigt, dass Pläne schnell von einem Tag auf den anderen durchkreuzt werden können. Am Veranstaltungssektor habe ich nicht mehr die großen Ziele, weil es nicht mehr viel gibt, was ich da noch toppen könnte für mich. Ich muss mich nicht mehr beweisen. Aber ich habe Ideen, die ich noch umsetzen möchte. Ich kümmere mich um ein paar ganz junge Bands aus unterschiedlichen Richtungen und schaue, was bei denen rauskommt. Back to the roots also (lacht).

Wie geht es dir mit den neuen ­Musikströmungen wie beispielsweise „Yung Hurn“, der bei „We stand with Ukraine“ die Massen begeistert hat?

Meine musikalische Entwicklung war immer sehr breit. Als ich in den 1980ern im Jazzpub in Wiesen aufgelegt habe, dann im Kamakura in Bad Tatzmannsdorf, im U4 oder auch in Kommerzdiskos, wurde ich immer mit verschiedensten Genres konfrontiert. Ich bin daher nirgends Spezialist, sondern eher ein musikalischer Allrounder. Für mich ist wichtig, die Musik zu spüren und das, was die Menschen an der Musik begeistert. Natürlich gibt es auch Musik, mit der ich persönlich nichts anfangen kann, wie mit „Yung Hurn“ – aber ich schaue den Kids zu und sehe diese Faszination, und das catcht mich. Ich bin nicht verbohrt oder versteinert, sondern ich sage, jeder Act hat seine Berechtigung und seinen Reiz, sonst würden die Fans nicht so reagieren. Man muss nicht alles verstehen oder mögen, aber akzeptieren und zulassen.

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© Matthias Heschl

Ewald Tatar

  • Geb. 1966, lebt Tatar bis heute in Forchtenstein; hat zwei Kinder aus erster Ehe.
  • Begann seine Karriere in den 1980er-Jahren als DJ (Jazzpub, Kamakura, U4 etc.)
  • Von ihm veranstaltete Festivals: 1990–2004 Wiesen Festivals (Forestglade, Two Days A Week u. v. m.), Aerodrome Festvals in Wr. Neustadt, ab 2005 Novarock in Nickelsdorf, Frequency in St. Pölten, Festivals im Eisenstädter Schloss­park und auf Burg Clam sowie zahlreiche weitere Konzerte (kleinere Locations bis zur Wiener Stadthalle und dem Ernst-Happel-Stadion), viele Benefiz­veranstaltungen (zuletzt „We stand with Ukraine“ im März 2022); als „Ritterschlag“ empfand er die Rolling Stones 2017 in Spielberg
  • 2019 übernahm die deutsche CTS Eventim 71 % von Tatars Barracuda Music

www.barracudamusic.at


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© Heimo Spindler, pix.at

„Lieblings“-Wordrap

mit Ewald Tatar

Lieblings-Song heute: „So in to you“ von Atlanta Rhythm Section (Live-Version)

Lieblings-Platz im Burgenland: Ich liebe dieses Bundesland von Nord bis Süd, es gibt so viele schöne Plätze, aber ich sage jetzt Forchtenstein, weil es meine Heimat ist und der Ort, an dem ich lebe.

Lieblings-Eigenschaften an Menschen: natürlich, sozial und empathisch

Lieblings-Tier: mein Hund

Lieblings-Farbe: Blau