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People | 02.06.2022

Scheinwerferlicht blendet sie nicht

Wie aus einer Violinistin eine Musicaldarstellerin, Englisch-Lehrerin am Königshof und Mutter wurde und was davon real und was Kunst ist. Das Interview abseits der Seebühne mit Milica Jovanovic.

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Milica Jovanovic © Andrea Peller

Besonders an diesem einen Abend vor ein paar Jahren nimmt sie die Scheinwerfer ganz bewusst als ein liebevolles, beschützendes Licht von oben wahr, beschreibt Milica Jovanovic. Es wird am Wiener Ronacher Theater das erste Mal in deutscher Sprache „Love Never Dies“, also „Liebe stirbt nie“ gespielt. Als sie im zweiten Akt eine große Arie singt, steht danach das Publikum auf: Standing Ovations sozusagen mitten im Stück. „Das habe ich damals das erste Mal so erlebt und bis heute in meinem Herzen gespeichert“, erzählt sie. Fürs Musicalstudium ging sie nach München, für die Liebe nach Hamburg, heute lebt sie in Wien und Intendant Alfons Haider holt den leidenschaftlichen Musicalstar nun mit Familie nach Mörbisch. Zum Probenbeginn von „The King and I“ im Juni kommt sie mit Töchterchen namens Juni.


BURGENLÄNDERIN: Darf ich ein bisschen mit der Tür ins Haus fallen und dich gleich fragen: Wie gelang es dir, als Mama an deine Bühnenkarriere erfolgreich anzuknüpfen?

Milica Jovanovic: Ja, ich rede auch gerne darüber, um anderen Frauen Mut zu machen. Ich wollte lange keine Mutter werden. Erst mit meinem jetzigen Partner (ihr Mann Dominik Hees ist ebenfalls Musicaldarsteller,  Anm.) hatte ich den Wunsch, aber ich konnte es mir noch immer schwer vorstellen. Ich hatte Angst, dass es mit mir dann auf der Bühne vorbei wäre, es gab nicht genug Vorbilder im Musicalbusiness. Ich hab’ auch lang meine Schwangerschaft verschwiegen – aus Sorge, keine Folgejobs zu bekommen; Kolleginnen haben immer wieder erzählt, dass sie als Mütter weniger gefragt waren. Das finde ich schade: Ich bin heute belastbarer als vorher, da stimmt mir jede andere Mama sicher zu. Ich bin heute auch sicherer, geerdeter und wenn man ein kleines Kind zu Hause hat, fühlt sich das Arbeiten oft wie Urlaub an (lacht).

 

Wie war das Mutterwerden selbst?

Der Anfang war wie ein Rausch. Ich hab’ Juni in einem Geburtshaus geboren und wir waren ein paar Stunden später schon zu Hause. Wir sind ins Bett gefallen und haben sofort ein paar Stunden geschlafen. Als wir aufgewacht sind, lag auf einmal dieses Kind zwischen uns: Es fühlte sich wie ein Traum an. Wegen Corona gab es wenig Arbeit für uns Bühnenmenschen, das bedeutete aber auch, dass wir drei zusammensein, uns schön zu einer Einheit verbinden konnten.

 

Wie war es für dich, wieder auf der Bühne zu stehen?

Hätte es Corona nicht gegeben, hätte ich schon nach drei, vier Monaten das Musical „Jekyll & Hyde“ gespielt. Ich war fast erleichtert, dass es ausgefallen ist; es wäre körperlich sehr anstrengend gewesen, so schnell in Form – und wieder in die Kostüme – zu kommen (lacht). Ich habe dann sieben Monate nach der Geburt die ersten Konzerte gegeben: ein Musicalprogramm im Osten Deutschlands. Meine Mutter war dort mit Juni in einer Ferienwohnung, ich hatte für die Konzerte je drei Stunden Me-Time! (lacht) Ich hab’ das so genossen, wieder singen, mit großem Orchester auftreten zu dürfen. Auf der Bühne zu sein war früher mein Lebensinhalt.

 

Welcher Weg hat dich da hingeführt?

Ich habe, seit ich sechs Jahre alt war, sehr intensiv Geige geübt. Ich dachte lang, dass darin meine Zukunft liegen würde. Mit 17 kam ich mit meiner Geige zu einem Musicalworkshop und es hieß, dass wir aus der Band auch Stimme zeigen dürften. Also sang ich zum ersten Mal ein Solo und spürte schnell: Da bin ich richtig, das will ich machen.

 

Was machen deine Eltern beruflich?

Meine Mutter war Krankenschwester, mein Vater Anästhesist, heute sind sie in Rente. Aber: Meine Mutter hat immer gern gesungen und mein Vater hat die Aufnahmeprüfung an einer Schauspielschule geschafft. Mein Opa hat ihn aber exmatrikuliert und für Medizin eingetragen, weil er glaubte, dass er sonst keine Familie ernähren könnte. Vor diesem Hintergrund haben uns unsere Eltern immer sehr bestärkt, das zu machen, was wir wollten.

 

 

Milica
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© Andrea Peller

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© Andrea Peller

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© Andrea Peller

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© Andrea Peller

In einem Interview wurdest du gefragt, worauf du stolz bist, und du hast gesagt: „Auf meine Schwestern.“ Warum?

Ich bin auf meine drei Schwestern und auf meine ganze Familie stolz. Meine älteren Schwestern waren 11 und 14 Jahre alt, als meine Eltern 1982 aus dem ehemaligen Jugoslavien nach Deutschland ausgewandert sind; sie mussten so viel auf sich nehmen, um sich integrieren zu können. Meine Eltern waren gut ausgebildet, trotzdem waren die Arbeitsverträge lange an ihre Aufenthaltserlaubnis gekoppelt; es hat bestimmt ein Jahrzehnt gedauert, bis sie wussten, dass wir bleiben können. Wir empfinden das als großes Geschenk und gleichzeitig ist es manchmal schwierig, ein Mensch mit Migrationshintergrund zu sein: Wir haben immer noch das Gefühl, extra mehr arbeiten, uns mehr beweisen zu müssen, um angenommen zu werden.

 

Umso schöner ist es, dass eure Eltern euch eure Wege frei wählen ließen.

Ja, ich war so glücklich, als ich meinen Studienplatz bekommen habe, aber es war ein steiniger Weg: Es klappte erst bei der siebenten Aufnahmeprüfung. Trotzdem habe ich immer gespürt: Ich werde auf die Bühne kommen.

 

Heute bist du eine gefragte Musicaldarstellerin, wie erlebst du die Bühne?

Ich fühle eine Geborgenheit. Ich mag es, in eine Rolle zu schlüpfen, einer Partie meine Stimme zu leihen. Als Mili (Spitzname, Anm.) will ich nicht auf die Bühne, beispielsweise zum Moderieren. Wenn ich auch seit Beginn meines Lebens Deutsch und Serbokroatisch gesprochen habe und Deutsch auch meine erste Sprache ist, habe ich doch manchmal Angst, ich könnte im freien Reden einen Fehler machen (sie spricht fehler- und akzentfrei Deutsch, Anm.).


Du engagierst dich in der „50/50-Kommission“, was ist das?

Ich hab’ einmal geträumt, dass viele Frauen aus dem Musical bei mir zu Hause sind und wir darüber reden, was wir verändern können. Daraufhin hab’ ich tatsächlich mit einer Kollegin eine Gruppe gegründet. Daraus ging die Initiative „50/50“ der Deutschen Musical Akademie hervor, mit der wir uns für die Gleichstellung der Geschlechter einsetzen; wir stehen unter anderem dafür ein, dass es mehr Autorinnen und Komponistinnen geben muss. Wir organisieren ehrenamtlich Austausch­abende zu Finanzfragen, aber auch zu Vereinbarkeit von Familie und Beruf und vieles andere mehr.

 

In Mörbisch spielst du heuer in „Der König und ich“ eine der Hauptrollen. Wie kamst du zur Rolle oder fand sie dich?

Sie fand mich! (lacht) Alfons Haider hat mich angerufen, weil mich wohl mehrere Quellen als ideale Besetzung genannt hätten. Das war so schön und ich habe sofort Ja gesagt, weil ich auch ein großer Fan der „Golden Age Musicals“ bin. Ich passe da stimmlich auch sehr gut rein und ich liebe es, solche Partien neu zu interpretieren. Ich freue mich sehr auf diese Rolle: Der König und Anna sind voneinander kulturell sehr weit enfernt, im Herzen verstehen sie sich aber. Ich spiele eine emanzipierte Frau, die eine reizvolle Entwicklung durchmacht; es ist viel mehr als eine Liebesgeschichte. Außerdem werden wir gemeinsam – mit meinem Mann, der auch auf der Bühne steht, und meiner Mutter – den Sommer in Mörbisch am See verbringen, das wird sicher außergewöhnlich schön: Für Juni haben wir schon eine Schwimmhilfe und ich hab’ mir zum Geburtstag ein Stand-up-Paddling-Board gewünscht.


Kurzbiografie

Strahlende Musical-Familie. Milica Jovanovic mit Partner Dominik Hees und Tochter Juni © Romana Maalouf

Milica Jovanovic wuchs mit ihren drei Schwestern und ihren Eltern, die aus dem ehemaligen Jugoslawien ausgewandert sind, in Deutschland auf. Sie absolvierte den Studiengang Musical an der Bayerischen Theaterakademie August Everding in München und war Stipendiatin an der Royal Academy of Music in London. Sie ist mehrfach preisgekrönt, in Österreich spielte sie Hauptrollen u. a. in „Schikaneder“, „Mary Poppins“, „Liebe stirbt nie“ und „The Sound of Music“.


Der König und ich

© Seefestspiele Mörbisch

Richard Rodgers und Oscar Hammersteins „The King and I“ war mit Yul Brunner in der Hauptrolle oscargekrönter Hollywood-Streifen, Broadway-Musical und TV-Serie. Intendant Alfons Haider holt die pointierte und bewegende Liebesgeschichte um den König von Siam und die Sprachlehrerin seiner Kinder Anna zu den Seefestspielen Mörbisch, Regie führt Simon Eichenberger. Milica Jovanovic verkörpert Anna, den König gibt Kok-Hwa Lie.

Premiere ist am 14. Juli, Vorstellungen finden bis 15. August statt: wwww.seefestspiele.at