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People | 12.07.2022

Nach Burma kam das Burgenland

Michael Schottenberg reflektiert schonungslos. Vor allem über sich selbst. Umso mehr entfachen Menschen abseits von Inszenierungen seine Begeisterung. Vor der Haustür, in Shows und fernen Ländern.

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© Ramona Hackl

Wenn ein Wiener ein Reisebuch über das Burgenland mit Kindheitserinnerungen von Störchen und Dopplerflaschen beginnt, nicht bös’ sein, aber … Nun gut, einen Scherz beurteilt man auch nicht vor der Pointe. Also bleibe ich dran, an „Schotti to go. Burgenland für Entdecker“ und lasse Klischees und ungegenderten Titel im Raum stehen. Wenige Seiten später folgt die Überraschung. Die Störche sind davongeflattert, mit viel Herz, Schmäh und Akribie beschreibt Michael Schottenberg (nicht nur) Landsleute und besondere Orte und es packt einen wie ein Roman, weil es so schön menschelt. Zum 100-Jährigen des Landes erschienen seine pannonischen Abenteuer, kürzlich kam „Wien für Entdecker“ heraus und im Herbst veröffentlicht er „Niederösterreich für Entdecker“ (ebenso zum 100er). Dass er im Sommer selbst einen runden Geburtstag begeht, davon weiß er nichts, „mal schauen in Wikipedia“, sagt er, das Thema Alter interessiert ihn nicht. Auch sonst ist Michael Schottenberg ein unverblümter Interviewpartner …

BURGENLÄNDERIN: Vom Theatermann zum Reise­buchautor: Geplant war das nicht, wie fing das an?

Michael Schottenberg: Eine Verlegerin wollte mir lange eine Biografie abnötigen. Eine ganz schlechte Idee. Wenn man meine Inszenierungen gesehen hat, scheißegal welche, dann müsste man mich darin schon erkennen. Was soll ein Maler für eine Biografie schreiben? Er malt und erzählt sein Leben in Bildern. Ich hab’ für die Bühne permanent aus meinem Leben geschöpft. Von irgendwoher muss man es ja nehmen; entweder man klaut von anderen oder man beklaut sich selbst. Was mir im Leben gefehlt hat, war, allein zu reisen, mich unorganisiert in ein Land reinzuschmeißen. Gut, das ist ein Klischee: Ein alter Mann will’s noch mal wissen, das kennt man. Kaum dass ich aus Wien weg war und in Frankfurt auf den langen Flug wartete, und zwar am ersten Tag nach Beendigung meines Vertrags (Volkstheater, Anm.), ergab sich etwas, das ich sofort notieren musste. In Vietnam kam ich dann sechs Wochen aus dem Schreiben nicht heraus; ich wollte das handgeschriebene Tagebuch meiner Freundin schenken.

… und ein Freund meinte, das wäre eine gute Gelegenheit, den an der Biografie interessierten Verlag zu kontaktieren.

Ich habe das abgetippte Manuskript vorgelegt und gesagt: Wenn Sie das jetzt nehmen, bin ich Ihr neuer Reisebuchautor, dann nehmen Sie bitte auch gleichzeitig eine Burma- und eine Schiffsreise. Ich hab’ diese Form quasi für mich entdeckt, sie hat gut funktioniert, bald kam auch noch der ORF mit einer Reiserubrik dazu (Studio 2, Anm.).

 

"Ich mag das Unbekannte, Dinge zu machen, die ich mir nicht zugetraut hätte.", Michael Schottenberg


Bis Corona kam.

Dann hieß es: in Wien bleiben. Ich hab’ Geschichten für meine Sendung gebraucht, über Österreich hatte ich nichts, ich hab’ das Land praktisch nicht gekannt. Ich kannte Burma, aber das Burgenland nicht, ich kannte Indien, aber das Innviertel nicht. Österreich war Neuland, da musste ich reinbeißen.

… und sind mit der Vespa losgefahren. Wie hat Ihre Tour Ihr Bild vom Burgenland geprägt?

Ich hab’ ein Land entdeckt, das sich in seiner innovativen Vielfalt und mit seinen Kunst- und Kulturprojekten gewaschen hat. Von Peter Noever im Norden (Land-Art-Projekt Breitenbrunn, Anm.) über die KUGA in Großwarasdorf bis hin zum Künstlerdorf im Süden, wo Handke geschrieben hat – aber hallo! Bei der Recherche über die Synagoge in Kobersdorf traf ich am Friedhof zufällig einen Mann, der hebräische Grabinschriften erforscht. Es gibt weltweit ein paar, die das können. Ein anderes Mal erlebte ich einen, der bei einer Vogelbegattung ausgeflippt ist. Die Vögel sind mir wurscht, aber die Menschen und ihre Geschichten sind hochinteressant. Jedes Land ist die Summe seiner Seelen.

Wie reisen Sie denn prinzipiell: War es auch mal brenzlig?

Um mein Leben hab’ ich im Burgenland nicht gebangt, in Nordindien kann es enger werden. Ich reise gern allein mit einem kleinen Rucksack, bin extrem experimentierfreudig; die Österreich-Bücher plane ich, vereinbare Interviews, recherchiere, meine anderen Reisen sind vollkommen improvisiert. Ich mag dieses Gefühl, nicht zu wissen, wo man landet.

Sind Sie angstfrei unterwegs?

Völlig. Einem alten Mann passiert nix. Einmal hat mich einer an der Uhr gepackt, dann hat sich ein Ring um uns gebildet – es gab schon ein paar Situationen, wo ich schnell wegmusste. Aber wenn mal was passieren sollte, ist es eine gute Story. Wenn man es überlebt.

Puh, wie geht es Ihrer Frau damit?

Ganz gut, wir telefonieren jeden Tag, wenn ich unterwegs bin. Einmal hat sie wirklich Angst gehabt. Wir sind mit dem Schiff in der Nordsee in einen unglaublichen Sturm gekommen und vom Radar verschwunden – bis zum nächsten Tag.

Wie ging es Ihnen dabei?

Heftig, man wird ein bisserl gläubig.

Sind Sie es sonst nicht?

Nein, ich glaube an mich. Mir gefällt eher der Buddhismus, weil es mehr Philosophie ist und keine strafende Religion. An diese Auge-um-Auge-Vergeltung glaube ich nicht.

Sie haben sich vom Theater komplett verabschiedet. Vermissen Sie es nie?

Nein, ich bin glücklich, dass es vorbei ist. Nicht, dass ich mich ein Leben lang geirrt hätte. Das war schon okay, ich habe ja auch mittel Karriere gemacht …

So selbstkritisch? Das würden viele anders sehen.

Die erste Liga war ich nie.

 

Interview. Der Wiener und die BURGENLÄNDERIN im Café Tirolerhof


Was ist die erste Liga?

Von Kušej aufwärts (Burgtheater-Direktor, Anm.). Einmal hätte ich eine andere Abzweigung im Leben nehmen sollen, dann wäre ich in die Nähe gekommen. Aber es ist gut, wie ich es gemacht habe. Das Theater ist eine schöne Beschäftigung: Man darf eine Welt mit Licht, Ton und relativ begabten Schauspielern erschaffen. Das hat mir schon getaugt. Aber mir ist nach 40 Jahren das ewige Abhängigsein von anderen auf den Zeiger gegangen. Vom Geld, von den Befindlichkeiten, dann ist wer krank, pausenlos rutscht dir das Hemd raus, hinten und vorne, es ist nie wirklich drinnen, man kommt nicht zur Arbeit.

Wie hat es Sie verändert, als Sie Volkstheaterdirektor wurden?

Das war knallhart. Ich war davor mit Freunden unterwegs, plötzlich war ich auf der anderen Seite und ziemlich allein. Ich tue mir nicht leid, ich habe gut verdient. Ich durfte mir meine Leute aussuchen, aber ich musste sie mir auch aussuchen. Eine scheußliche Diskrepanz.


Dann zu Schönem: Dancing Stars. Ich frage Sie ganz gezielt …

Tut’s noch weh?

Auch eine gute Frage: Tut’s noch weh?

Nein, nicht mehr. (lacht)

Wieso haben Sie mitgemacht?

Es war das pure Abenteuer, etwas zu machen, das ich mir nie zugetraut hätte.

Sie kamen ins Finale, und das war’s dann mit dem Tanzen?

Genau. Aber es war lustig. Ich war schon davor Fan der Sendung, überhaupt von Castingshows. Die Menschen erzählen über sich, ohne dass sie den Mund aufmachen. Man liest in ihren Blicken, Gesten, Reaktionen. Oft vergisst man sich, dann ist man dieser Mensch pur, decouvriert sich, manche durchaus dämlich. Ich finde es faszinierend, die Menschen in für sie extremen Situationen kennenzulernen. Ich kannte die Sendung, dass es so hart wird, habe ich nicht erwartet. Du hast den ganzen Tag das Mikro, die Kameras sind ständig dabei; nach ein paar Wochen bist du allergisch da­rauf, dauernd überwacht zu sein. Ich bin ein gestandener Mann, hab’ schon einiges erlebt, aber das war nicht leicht.

 

 

Adieu, Theater. Eine Welt auf der Bühne zu erschaffen, „hat mir schon getaugt“, sagt er. Jetzt reist, gartelt und kocht Michael Schottenberg lieber.



Sie haben mit Maria Bill einen gemeinsamen Sohn. Wie waren Sie als Vater, was war Ihnen wichtig?

Dass er gesund und glücklich ist. Aber ich war zu kumpelhaft. Ich wollte auf einer Ebene sein, das ist ein Schwachsinn, das habe ich nicht gut gemacht.

Sie sind wieder verheiratet, wo und wie leben Sie?

Wir leben in Glück und Reichtum außerhalb von Wien, mit vier Zwerg­hühnern und einem schönen Garten (lacht).

Ich habe Ihnen versprochen: maximal eine Stunde. Jetzt sind wir schon drüber …

Dann muss ich sofort los und kochen!

 

 

Tiefgang und Schmäh. „Schotti to go“ gibt es bereits für das Burgenland und Wien, Fortsetzung folgt (Amalthea Verlag).


Kurzbio

Michael Schottenberg

… wurde am 10. Juli 1952 in Wien geboren und studierte am Mozarteum Salzburg. Bereits in den 1980ern erregt der Schauspieler und Regisseur mit „Theater im Kopf“ viel Aufmerksamkeit: Tausende pilgerten zu den Inszenierungen im Zelt vor der Votivkirche. Zuletzt war er 10 Jahre lang Direktor am Volkstheater Wien, ehe er sich 2015 aus der Branche zurückzog. Seither schreibt er Reise(tage)bücher bei Amalthea. Er war 30 Jahre mit Maria Bill verheiratet, der gemeinsame Sohn Tany Gabriel ist Schauspieler. Schottenberg und seine Frau Claire, sie ist Pädagogin, leben in NÖ.


Fotos Ramona Hackl