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People | 12.09.2022

Irgendwo dazwischen die Wahrheit

Er ist Schauspieler, Kabarettist, macht lässige Musik – und jetzt schreibt Manuel Rubey auch noch Bücher. Achtung: Seine Kinder werden groß, auch deswegen macht er demnächst eine Bühnenpause.

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"Social Media führt in die Hölle, wir müssen da alle raus. Aber ich schaffe es auch nicht.", Manuel Rubey, Schauspieler, Musiker, Autor © Vanessa Hartmann

Wahr ist, dass sein Soloprogramm „Goldfisch“ ein Geniestreich ist und dass Manuel Rubey trotzdem eine Bühnenpause ankündigt. Mein Bauchgefühl sagt mir, dass er beim Beantworten der Interviewfragen sehr aufrichtig war, über den Wahrheitsgehalt des neuen Buches – fesselnd ab dem unerwarteten Inhalt des Prologs – entscheiden Sie bitte selbst.


BURGENLÄNDERIN: Mit „Der will nur spielen“ gewährst du viele Einblicke in dein Leben. Wie geht es dir damit?

Manuel Rubey: Ein Buch birgt natürlich eine andere Form von Intimität als eine Rolle. Allerdings lasse ich mir die Freiheit, nicht aufzuklären, was erfunden ist, was nicht. Das ist mein Schutz. Ich versuche, „bigger than life“ zu sein, mein Leben ist nicht spannend genug.

Du stellst dich dem Thema Neid. Das tun die wenigsten, damit macht man sich besonders verletzbar …

In meinem ersten Buch waren Ängste und Melancholien die riskanteren Themen, diesmal ist es der Neid. Ich finde, man kann alles machen, das Wichtigste in der Kunst ist: Es darf nicht fad sein.

Ich hab’ mich beim Lesen ertappt gefühlt, Social Media nährt den Neid. An einem grauen Tag reicht es manchmal, bestimmte Fotos auf Instagram zu sehen, und ich fühle mich sofort schlecht und …

… klein und arm. Darum schreibe ich auch darüber, warum wir aus Instagram rausmüssen. Das ist etwas, das ich in erster Linie mir selbst erzähle. Ich hab’ viel dazu gelesen, in einem Buch wird wahnsinnig präzise durchdekliniert, dass Social Media in die Hölle führt. Ich werde es nicht schaffen, auszusteigen, ich werde trotzdem meiner Sucht frönen.

Ginge es uns besser, wenn wir mehr für uns selbst reflektieren würden?

Ein Fazit von dem Buch ist: Wenn man ein besseres Leben führen will, sollte man eine Seite pro Tag schreiben und am besten mit der Hand. Mich hat das gerettet. Ich lerne mich besser kennen, verstehe komplexere Zusammenhänge besser, kann Konflikte leichter lösen, wenn ich sie aufschreibe. Mittlerweile ist es wie Zähneputzen in der Früh: eine Seite nur für mich, da gibt es keinen stilistischen Anspruch und niemand darf es lesen. Ja, ich glaube, das täte vielen gut.

… machst du das handschriftlich?

Ich habe meine Midlife-Crisis dahingehend gelöst, dass ich mir einen Ohrring hab’ stechen lassen und mir eine richtig teure Füllfeder gekauft habe, eine Caran d’Ache mit Goldbeschlag.

 

"In den besten Momenten beim Spielen glauben wir die Fiktion und wissen gleichzeitig, dass wir spielen.", Manuel Rubey, aus „Der will nur spielen“  © Vanessa Hartmann


Was hast du im Buchschreiben für dich entdeckt?

Das versuche ich noch herauszufinden. Es ist ein bisschen komisch – ich meine das nicht kokett –, dass ich jetzt auch noch Bücher schreibe. Für mich ist das auch ein Mittel, um auf die Bühne zu gehen. Aber warum Bücher? Wir versuchen mit der Kunst oder was auch immer das ist – und wir werden scheitern, das schicke ich voraus –, die Welt zu verschönern und zu verstehen. Ich möchte, dass irgendjemand was davon hat und ich auch.

Wie stehen deine Töchter (11 und 16) dazu, dass du sie im Buch zitierst?

Das ehrt und nervt sie, wir streiten dann auch mal. Ich lasse mir aber ihre Geschichten freigeben. Deswegen konnte nicht alles im Buch bleiben, leider. Ein paar super Wuchteln fielen der Zensur zum Opfer. Ich tue meinen Töchtern mit dem Beruf in der Öffentlichkeit sowieso schon ein bisschen was an. Das begann im Kindergarten, wo sie nicht verstanden haben, warum andere Eltern wissen, wer ich bin, ohne mich zu kennen. Die Kleine hat mir zuletzt jedenfalls verboten, auf TikTok zu gehen.

Wie geht es dir mit dem Erwachsenwerden deiner Töchter?

Nicht immer gut. Das klingt abgedroschen, aber es ist ein gefühlter Wimpernschlag her, seit ich sie im Tragetuch hatte. Zuletzt ging die Große durch die Sicherheitsschranke und flog für ein halbes Jahr nach England. Zwischendurch schrieb sie dann Dinge wie: „Ich fahre nach London zu einem Punkrock-Konzert.“ Man schlägt dann mehrere Kreuze, wenn sie wieder heimkommt, obwohl man an keine höheren Mächte glaubt.  

Woran glaubst du denn?

Ich hatte eine katholische Kindheit, aber zuletzt war ich ein Nihilist. Seit zwei, drei Jahren suche ich oder bin zumindest offen für irgendeine Spiritualität. Alles zu verweigern ist auch deprimierend.

Du schreibst: „Es ist eine ständige Herausforderung, mit Ablehnung und Misserfolg leben zu lernen.“ Wie sieht deine Bewältigungsstrategie aus?

Das, was man nicht mehr in der Hand hat, loslassen. Das ist eine schöne Theorie, mal gelingt es besser, mal schlechter. Wenn ich wochenlang für ein Casting arbeite und die Rolle nicht kriege, ist das schmerzhaft. Auch ein Tischler freut sich nicht, wenn der Sessel nicht gefällt, aber bei uns ist die Ansage: Du bist nicht gut, wir haben jemand anderen, der das besser macht.

Wärst du manchmal gern Tischler?

Ich suche tatsächlich seit 20 Jahren nach einem Plan B. Mein Beruf steht oft in keiner Relation zu dem, wie sehr das Privatleben leidet, wie schlecht ich schlafe. Aber dann fällt mir kein anderer Beruf ein und ich freue mich wieder darüber, weil ich das alles auch sehr gerne mache.

 

Der schönste Moment. „Als wir nach Lockdown und vielen Monaten den ,Jeanny‘-Film drehen durften, war ich sehr dankbar, ich hab’ fast geheult, dass ich wieder am Set sein und arbeiten kann“, beschreibt Manuel Rubey (im Interview mit V. Kery-Erdélyi).  © Vanessa Hartmann

 

Was ist für dich Erfolg?

Dass ich noch nie einen Chef hatte. Ich arbeite natürlich mit Regisseur*innen, aber grundsätzlich kann ich meine Neurosen frei so verarbeiten, dass jemand auch noch Geld dafür zahlt. Das ist Erfolg und macht mich auch demütig.

Im Kapitel „Opa“ geht es nach Steinbrunn. Magst du was verraten?

Meine Großeltern haben dort gelebt, ich war jedes Wochenende meiner Kindheit bei ihnen. Ich bin nicht so nostalgisch veranlagt oder vielleicht schon und ich verdränge es nur, weil ich mich vor Emotionen fürchte. Als ich in Steinbrunn aufgetreten bin, wollte ich mich aber der Vergangenheit stellen und bin extra früher hin. Das war heftig. Den Fleischhauer gibt’s noch, wo wir die Extra­wurschtradln gekriegt haben, wenn wir brav waren, das Gasthaus, wo ich die erste Zigarette geraucht habe, und zum Schluss war ich am Friedhof – für ein längeres Gespräch mit Opa.

Du und die Architektin und Künstlerin Stefanie Nolz seid seit 18 Jahren ein Paar. Ihr habt erst vor drei Jahren geheiratet – wie war das?

Für mich ist Heiraten ein Bekenntnis zur Aufrichtigkeit und Liebe, aber ich bin nicht romantisch, wir haben uns das beim Zähneputzen ausgemacht. Wir wollten heimlich im Waldviertel heiraten, nur die Kinder und die Trauzeugen wussten Bescheid. Dazu gibt es eine urige Geschichte, die mit meiner Naivität zu tun hat (schmunzelt). Am Ende der Trauung steht da so eine nette Karla Kolumna, wie aus einem Comic entsprungen, und fragt, ob sie ein Foto machen darf. Ich hab’ mir gedacht: Das Blatt erscheint in einem Monat, bis dahin haben wir’s allen gesagt. Aber: Mittlerweile gibt es alles online, ein paar Stunden später stand es auf den Websites großer Zeitungen. Das war bizarr, wir waren nur noch in Erklärungsnotstand, weil die Familie enttäuscht war, dass sie es aus den Medien erfahren musste. Davon abgesehen war es ein voll schöner Tag.

Wie geht es für dich jetzt weiter?

Ich mache eine Lesereise mit dem Buch und bis Ende des Jahres spiele ich „Goldfisch“. Auf die Bühnenpause 2023 freue mich und es macht mir Angst. Ich hoffe auf schöne Filmprojekte und ich möchte auch „diese letzten Meter“ mit den Kindern auskosten. Für die Zeit danach gibt es schon eine Idee für eine Bühnengeschichte zu zweit, mit jemandem, den man durchaus kennt, aber nicht etwas, das es schon gab.

 


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© Molden

Aktuell

Überraschende Einblicke, bereichernde Zitate, fesselnder Stil: „Der will nur spielen“ erschien Ende August im Molden Verlag – ebendort kam sein erstes Buch heraus: „Einmal noch schlafen, dann ist morgen“, 2020; 2021 auch als Hörbuch von der Agentur Fabrique produziert.


Manuel Rubey

Es ist 14 Jahre her, trotzdem wissen es viele auf Anhieb: Manuel Rubey spielte die Hauptrolle im Kultstreifen „Falco. Verdammt, wir leben noch!“. Die Film-Liste des 1979 Geborenen ist lang, zuletzt schrieb er auch am Drehbuch von Johanna Moders „Waren einmal Revoluzzer“ mit, aktuell ist er in Marie Kreutzers „Corsage“ im Kino. Er ist mit dem erfolgreichen Solo-Kabarett „Goldfisch“ unterwegs, ebenso empfehlenswert: Musik mit der kongenialen Combo „Familie Lässig“, wo er Bandmitglied ist. Rubey ist verheiratet und Vater zweier Töchter (11 und 16).

www.manuelrubey.com