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People | 20.09.2022

Das Kino braucht die Kids

Katharina Albrecht-Stadler wuchs zwischen Wien und Berlin auf, wenn die Geschäftsführerin der Akademie des Österreichischen Films aber heimfährt, geht es ins Südburgenland. Dort trafen wir sie.

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Ich bin in einem liberalen Haus aufgewachsen, das hat mich gestärkt. Katharina Albrecht-Stadler © Ramona Hackl

Es ist das idyllische Pendant, wohin es Katharina Albrecht-­Stadler zieht, nachdem die große Filmpreis-Gala in Grafenegg, Niederösterreich, im Sommer über die Bühne ging: nach Hause nach St. Martin in der Wart. Ihr Vater Gerd Albrecht, ein berühmter deutscher Dirigent, träumte eines Tages davon, in einer Mühle an der Donau zu leben. „Meine Mutter, damals eine tolle Kostüm- und Bühnenbildnerin am Burgtheater, hatte immer einen Blick für schöne Räume und fand dieses Bauernhaus im Burgenland“, erzählt sie und führt uns durch den neu interpretierten einstigen Stall und die frühere Scheune. „Mein Vater hat bis an sein Lebensende Land und Leute sehr gemocht, nur die Mundart hat er schwer verstanden“, lacht sie. Die Albrechts verliebten sich Anfang der 1970er so in die Region, dass das Haus zum Treffpunkt für die oft in der halben Welt verstreute künstlerische Familie wurde. Katharina Albrecht-Stadler wollte keine Künstlerin werden.


BURGENLÄNDERIN: Warum nicht?

Katharina Albrecht-Stadler: Wenn deine Eltern zwei so Hardcore-Künstler sind, dann wirst du es entweder total oder besser nicht (lacht). Ich bin damit aufgewachsen, dass bei uns Menschen wie Anne-Sophie Mutter (Star-Violinistin, Anm.) ein- und ausgingen. Man muss schon sehr, sehr begabt sein, um was zu reißen. Mein Vater hat immer gesagt: Ihr könnt gerne Musikerinnen werden, aber nur über meine Leiche. Er wusste, wie hart das ist. Aber meine Schwester und mich hat es gar nicht dort hingezogen.


Die Familie traf sich oft in diesem Haus, aber aufgewachsen bist du in Berlin. Wieso hast du dann in Wien Arabistik studiert?

Ich hatte einen Freund aus Oberwart, der auch in Wien studiert hat (lacht). Mein Vater wurde Chef der Staatsoper Hamburg, meine Eltern zogen dorthin, aber wir hatten eine schöne Wohnung in Wien, da beschloss ich, in Österreich zu studieren. Und warum das Studium? Ich habe alte Sprachen geliebt. Nach der Schule war ich in Spanien bei der Alhambra in Granada – und dachte mir: Arabisch? Darüber weiß ich nichts, da studiere ich Arabistik.

 

Herzenszuhause in St. Martin in der Wart. Katharina Albrecht-Stadler mit Kids David und Lena  © Ramona Hackl

 


Du hast zunächst wissenschaftlich gearbeitet, bist aber bald ins Event- und Kulturmanagement eingestiegen und hast auch eine eigene Agentur gegründet. Über deine Bio zum Charakter: Was machte dich zu so einer offenen, kraftvollen Natur, als die ich dich jetzt erlebe?

Meine Schwester studierte Ethnologie und ist auch so. Mein Vater war immer neugierig darauf, was wir tun, hat uns immer bestärkt und uns gesagt: „Ihr seid toll und stark, ihr werdet es schaffen.“ Wir sind in einem wahnsinnig freien, liberalen Haus aufgewachsen. Die Tochter meiner Cousine ist Anna Mabo, die jetzt als Sängerin so erfolgreich ist …


Oh, ich bin so ein Fan!

Sie feiert hier mit uns Weihnachten – „Mit Leichtigkeit …“ (stimmt ein Lied von Anna Mabo an, Anm.) Dieses riesengroße Haus war schon immer voller Kultur. Meine Mutter war mit Klausjürgen Wussow befreundet, er weihte uns die umgebaute Scheune mit einer Lesung ein – und auf dem Flügel wurde immer gespielt.


Wie wurdest du Geschäftsführerin der Akademie des Österreichischen Films?

Ich habe mich beworben, bin durch die Hearings und habe diesen super Job bekommen: eine große Aufgabe, die in ihrer Vielfalt so viel bietet. Die Akademie ist Botschafterin für den österreichischen Film, nach innen und nach außen. Als solche gilt es – über den Filmpreis hinaus – Initiativen zu setzen. Es gibt heuer das erste Mal Filmpreis on Tour …

 

"Film ist heute so wichtig wie ein Buch, aber die Kids müssen lernen, wie man ihn liest.", Katharina Albrecht-Stadler, Geschäftsführerin Akademie des Österreichischen Films © Ramona Hackl

 


… nämlich gleich im September. Erzähl bitte.

Wir laden am 29. September mit den Österreichischen Lotterien ins Kino und zeigen bei freiem Eintritt alle Preisträgerfilme: den besten Spielfilm „Große Freiheit“, die beste Doku „Aufzeichnungen aus der Unterwelt“ und den besten Kurzfilm „Genosse Tito, ich erbe“. Wir haben in jedem Bundesland ein Kino ausgesucht; hier wird es das Diesel Kino in Oberwart sein. Die Tickets werden dafür auf lotterientag.at verlost. Wir arbeiten laufend an der Sichtbarkeit des österreichischen Filmschaffens; wir machen Info-Tage, Diskussionen, im September eine große #MeToo-Veranstaltung.


Wie gehst du mit dem Thema um?

Es gibt keine besseren Botschafter*innen als unsere neue Präsidentin Verena Altenberger, eine junge Schauspielerin mit klarer Haltung, und Arash T. Riahi, der sich ganz stark für Gerechtigkeit und ein angstfreies Arbeitsumfeld einsetzt. Wir müssen an den Strukturen arbeiten und schon in der Ausbildung bei dem Thema ansetzen. Die #we_do-Anlaufstelle gegen Machtmissbrauch und Diskriminierung gibt es schon länger, nun rief das Ministerium VERA, die Vertrauensstelle gegen Belästigung und Gewalt in Kunst, Kultur und Sport, ins Leben und am Set kommen verstärkt Intimacy-­Koordinatorinnen zum Einsatz, die Liebesszenen entsprechend vorbereiten und begleiten.
Ein anderes wichtiges Thema ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf; das ist im Film besonders heikel.

 

Der Vater. Dirigent Gerd Albrecht  © Ramona Hackl

 


… weil es kein Montag bis Freitag, Nine-to-five gibt?

Genau, aber es darf nicht so weit gehen, dass die Leute ausbrennen. Es gibt schon noch ein paar, die wenig Verständnis für Familie haben, da gibt es Handlungsbedarf.


Apropos: David ist 14, Lena 17. Wie hast du das gemanagt?

Ich musste selten irgendwo um Punkt neun sein, schwierig waren eher die frühen Abholzeiten vom Kindergarten. Aber meine Familie hat das mitgetragen. Ich bin froh darüber, denn bis heute stecken Frauen zurück und machen die meiste Care-Arbeit. Dann kommt es zur Trennung und du hast die letzten 20 Jahre 20 Stunden gearbeitet. Meine Kinder wissen, dass ich viel arbeite, auch mal an Wochenenden, aber sie sehen, dass ich das liebe, was ich tue, und sind stolz auf mich.


Welches ist dein Herzensthema?

Film- und Medienbildung. Demnächst machen wir einen tollen Workshop mit dem Titel „Kann Film die Welt verbessern?“. Ausgehend von der Doku „More than Honey“ gehen wir das Thema Bienen mit Schulkindern an; dabei lernen sie, wie ein Film entsteht, es gibt eine Exkursion zu einem Imker und sie dürfen selbst einen Film machen. Das macht extrem viel Spaß. Schon mein Vater hat ein klingendes Museum gegründet, um die Kids an Instrumente heranzuführen. Wir wollen in die Schule, Film ist heute so wichtig wie ein Buch. Aber: Kinder und Jugendliche müssen lernen, wie man einen Film liest, wie man von der Erzählung profitiert. Wir haben dazu schon eine Stellungnahme ans Bildungsministerium geschickt. Die Vermittlung von Kunst und Kultur ist leider ein Stiefkind, dabei wäre das so wichtig, damit wieder mehr junge Menschen im Publikum sind.

 

Katharina Albrecht-Stadler im Interview mit Redakteurin Viktória Kery-Erdélyi  © Ramona Hackl

 


Also möglichst früh ansetzen?

Genau. Die Franzosen sind darin ganz groß, sie sind sehr stolz auf ihr nationales Filmschaffen. Frag mal in Österreich, welche Filme die Leute kennen. Die ganze Welt ist schon stolzer auf unsere Filme als die Österreicher*innen selbst. Allein, was da alles zuletzt entstanden ist: „Fuchs im Bau“, „Märzengrund“, die Doku über Johanna Dohnal, „Rubikon“, „Breaking the Ice“ … (sie zählt noch weitere auf, Anm.)


Dein Start war während der Pandemie, wie hart war das?

Die Kurzarbeit hat uns gerettet. Für die Kinos waren die Lockdowns aber richtig traurig. Wir müssen einiges tun, damit Kinos und Verleiher wieder auf die Beine kommen.


Warum ins Kino?

Weil Kino ein großartiger Verzauberungsort ist. Auch meine Kinder schauen Netflix, aber sie lieben es, ins Kino zu gehen, dieses gemeinsame Mitfiebern hat eine ganz andere Emotionalität.

 

 

 


Die Akademie des Österreichischen Films

Gala 2022: Filmpreisträger*innen und Akademie-Mitglieder  © eSeL.at/Lorenz Seidler

 

Rund 600 Filmschaffende sind aktuell Mitglied der Akademie des Österreichischen Films; dem Vorstand gehören renommierte Vertreter*innen aller Departments an. Die Präsidentschaft übergaben 2021 Ursula Strauss und Stefan Ruzowitzky an Verena Altenberger und Arash T. Riahi. Die Akademie will die Bekanntheit des österreichischen Films forcieren und die Leistungen mit dem Österreichischen Filmpreis würdigen. Die Gala findet abwechselnd in Wien und – wie die 12. Auflage – in Grafenegg (NÖ) statt.

Info: www.oesterreichische-filmakademie.at