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People | 26.09.2022

Eine scharfe Angelegenheit

Wenn zwei Powerfrauen aus der Werbebranche gemeinsame Sache machen, wird das ziemlich würzig. Weibliche Intuition gepaart mit scharfem Verstand: Selma Alic (Agentur Brandchilli) und Kristin Ehrenhofer (LES videowall GmbH) im Interview.

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Freundinnen und Kooperationspartnerinnen: Selma Alic und Kristin Ehrenhofer wissen Bescheid, wenn es um einen gelungenen Unternehmensauftritt geht. © Viktor Fertsak

Wenn ich mein Business starte, wie gehe ich das Marketing am besten an?

Selma Alic: Der Businessplan ist ein guter Fahrplan für den marketingtechnischen Start eines Unternehmens. Das Wichtigste dabei ist, sich die Unternehmensziele, Produkte und Dienstleistungen, aber vor allem auch die Zielgruppe anzuschauen – z. B. über welche Kanäle kann ich meine Zielgruppe erreichen – und ehrlicherweise auch das Budget, das Kleinunternehmer*innen beim Start zur Verfügung steht. Das Marketing ist flexibel und richtet sich jeweils nach den aktuellen Zielen und Vorhaben des Unternehmens. Dann erst legt man die entsprechenden Kanäle und Werbemittel fest und arbeitet Ideen und die konkreten Inhalte aus. Jedes Unternehmen ist einzigartig und daher gibt es keinen einheitlichen Weg, hier ist Individualität gefragt!


Gibt es werbetechnisch einen klassischen Fehler, den Jungunternehmer*innen sehr häufig machen?

Alic: Oh ja! Ganz oft wird Unternehmensmarketing und -kommunikation von Jungunternehmer*innen wenig bis gar nicht ernst genommen. Das heißt, es fehlt an Bewusstsein für die Wichtigkeit des Marketings im Unternehmen von Anfang an, und auch welchen Unterschied vor allem langfristig ein professionelles Marketing macht. Ein großes Thema ist auch das Budget, hier wird vor allem am Anfang am falschen Ende gespart. So gewinnt z. B. bei den ersten Werbemitteln und Plattformen meist das günstigste Angebot, welches gar nicht auf das Unternehmen und die langfristigen Ziele eingehen kann. Hier fehlt leider oft das Marketing-Know-how der Anbieter sowie auch die Zeit, sich bei derart günstiger Preiskalkulation überhaupt mit dem Unternehmen auseinanderzusetzen. Genau hier zeigt sich dann der nachhaltige Erfolg oder eben die Fehler, die für das Unternehmen im Nachhinein hohe Kosten verursachen. Wir werden z. B. oft mit umfang­reichen Korrekturen von Websites beauftragt, die von Anfang an hätten vermieden werden können. Verständlicherweise sind die Unternehmer*innen dann auch frustriert, weil sie da­rauf vertrauen, dass auch die günstigsten Angebote die notwendigen Voraussetzungen an eine Website erfüllen. Für einen Profi ist aber auf den ersten Blick ersichtlich, welche Websites in „Massenproduktion“ ohne individuelle Ziele und Merkmale erstellt wurden und wo wirklich von einem professionellen und vor allem auf das Unternehmen zugeschnittenen Unternehmensauftritt gesprochen werden kann.

 

 

"Die klassischen Werbemaßnahmen alleine funktionieren schon lange nicht mehr.", Kristin Ehrenhofer (LES videowall GmbH)  © Viktor Fertsak


Welche Werbeformen funktionieren für welche Branchen am besten?

Kristin Ehrenhofer: Die klassischen Werbemaßnahmen alleine funktionieren schon lange nicht mehr. Zielführend ist es vielmehr, medienübergreifend auf 360°-Werbung zu setzen, d. h., crossmedial online wie auch in klassischen Printmedien zielgruppenspezifisch zu werben.Wesentliche Aspekte sind die vorher angesprochene Zielgruppe, Werbeziele und auch der Standort – oft gibt’s regional große Unterschiede in der Effektivität der einzelnen Werbeformen und daher auch bei der Herangehensweise. Natürlich gibt es auch einzelne Branchen, die z. B. zum großen Teil mittels Mundpropaganda hervorragend funktionieren, aber auch da kommt es zum Teil auch auf den einzelnen Kunden des Unternehmens an. Mundpropa­ganda generiert beispielsweise für einen Handwerksbetrieb einen Großteil der Einnahmen durch private Haushalte, während ein richtig guter Online-Auftritt demselben Betrieb auch Großaufträge von Unternehmen bringen kann.


Social Media ist in aller Munde – das Feld ist so breit, wie beackere ich es am geschicktesten?

Alic: Da wäre wieder das Stichwort „Zielgruppe“. Auf LinkedIn finde ich eine ganz andere Zielgruppe und Art der Verbindung als auf Facebook, Insta­gram etc. Die geeigneten Kanäle variieren nicht nur von Unternehmen zu Unternehmen, sondern auch von Produkt zu Produkt. So kann für ein einzelnes Projekt eine bestimmte Plattform infrage kommen, die vom Unternehmen sonst nicht bespielt wird. Aber für alle Kanäle gilt vor allem eine individuelle Strategie und ein individuell geplanter Redaktionsplan. Schnelltipps und Tipps, wie sie in den letzten Jahren massenhaft im Internet zu finden waren, sind nur eine erste Hilfe, dienen höchstens zusätzlich als Anregung zu einer bereits erarbeiteten Strategie und/oder zu einem bestehenden Redaktionsplan und können diese vor allem langfristig keinesfalls ersetzen. Jedes Unternehmen, das professionelles Social-Media-Management betreibt, arbeitet mit einem Redaktionsplan sowie mit eigenen, zum Teil sogar kostenlosen Tools, die die Arbeit wesentlich erleichtern. Oft wird vor dem Wort „Strategie“ gescheut und vor allem Kleinstunternehmer*innen sind der festen Überzeugung, sie nicht zu brauchen. Dabei ist Strategie nichts anderes als ein Fahrplan für die Ziele, Vorhaben und die entsprechenden Maßnahmen. Dazu kann man sich die Frage stellen: Würden Sie Ihr Geld in ein Unternehmen und seine Produkte investieren, das keinen Plan hat? Sehr wahrscheinlich nicht. Wir als Agentur bieten einerseits die komplette Betreuung der Social-­Media-Kanäle, aber auch vor allem eine Unterstützung für diese wichtigen ersten Maßnahmen, nach denen die/der Unternehmer*in dann nach Wunsch auch ganz gut selbstständig arbeiten kann.


Wie wichtig ist Mundpropaganda im Gegensatz zu klassischen Werbe­formen?

Ehrenhofer: Wichtiger denn je. Die seit Jahren relevanten Bewertungen im Internet sind nichts anderes als Mundpropaganda, um ein Vielfaches multipliziert. Die Zeit der klassischen Werbeformen alleine ist lange vorbei. Die großen Stichwörter in der Werbung und Kommunikation sind heute „Authentizität“ und „Emotion“. So spricht man schon längst nicht mehr nur von Customer Journey, sondern vor allem von Customer Experience, also der (auch emotionalen) Gesamterfahrung mit einem Unternehmen bzw. einer Marke. Das alles hängt unmittelbar zusammen. Der goldene Weg der Mundpropaganda ist es, einen Kunden zu einem begeisterten Kunden zu machen und daraus letztendlich einen Markenbotschafter. Unternehmen, die diesen Weg verstanden haben und die Kurve von reiner Produktpräsentation hin zum Produkterlebnis gekriegt haben, sind auf einem guten Weg zum langfristigen Erfolg.

 

"Es fehlt oft an Bewusstsein für die Wichtigkeit des Marketings.", Selma Alic (Agentur Brandchilli)  © Viktor Fertsak


Stichwort Sichtbarkeit: Kann man zu viel gesehen werden, sodass die Leute einen satthaben?

Ehrenhofer & Alic: Grundsätzlich nein. Vor allem wenn man die Zeitressourcen und Mittel berücksichtigt, die den meisten Unternehmer*innen zur Verfügung stehen. Das geschieht oft durch etwas anderes, und zwar durch die Inhalte selbst und die Art der Gestaltung: Wir sind einer Informationsflut ausgesetzt – wenn nun die Inhalte, die wir sehen, immer gleich sind, z. B. im gleichen Format, ganz ähnlich oder gleich aufbereitet, unübersichtlich, wenig neue, vor allem wenig (zielgruppen-)relevante und nützliche Information beinhalten und stattdessen immer wieder die vorher angesprochene reine Präsentation stattfindet, da reagieren die Kund*innen bzw. User*innen zunehmend desinteressiert bis hin zu genervt und wenden sich von der Marke ab. Stichwort „Mehrwert“: Es gilt, immer wieder zu hinterfragen, ob der Inhalt wirklich relevant und nützlich für die Leser*innen ist. Wir raten unseren Kund*innen oft, dies bei jedem Werbemittel, jedem Posting mehrmals zu hinterfragen, bevor man die Inhalte gestaltet, denn oft sehen die Unternehmer*innen das Produkt selbst ganz anders als die potenziellen Kund*innen. Sie gehen nämlich davon aus, dass andere vom Produkt bereits genauso begeistert sind wie sie selbst, anstatt individuelle Wege zu finden, die Zielgruppe zu begeistern.


Auch wenn mein Business schon auf soliden Beinen steht – wie viel und welche Werbung ist für mich sinnvoll?

Alic: Es gibt kein solides Business ohne irgendeine Art von Werbung, sprich, es wird laufend auf die eine oder andere Weise Werbung gemacht: über Kund*innen (Mundpropaganda), Mitarbeiter*innen, klassische Werbung, Online-Werbung, Social-Media-Marketing usw. Vielmehr gilt es, dem Projekt entsprechend zu werben, zum Beispiel dann, wenn bzw. bevor eine Saison ruht, oder eben solchen Zeiträumen entgegenzuwirken. Wie viel und welche Werbung hängt ganz vom Projekt und auch vom Budget ab. Oft können auch kleine Maßnahmen über kurze Zeitspannen sehr viel bewirken – wenn sie zielgruppen- und zielgerecht formuliert, geplant und umgesetzt werden. Hier bedarf es eines aufmerksamen Auges und eines fundierten Know-hows der Agentur. Ich sage immer dazu: Jede nicht optimal genutzte, vollständig ausgeschöpfte Werbefläche ist Zeit- und Geldverschwendung. Zum Beispiel kann eine Sponsorentafel den reinen Firmenschriftzug beinhalten oder eine viel interessantere, attraktive Message tragen und sofort alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Deshalb nehmen wir uns immer die notwendige Zeit, um aus jeder Werbefläche das maximale Potenzial zu schöpfen.


www.brandchilli.at

www.les-videowall.at