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People | 10.10.2022

Grenzen sind nur im Kopf

Daniela und Robert suchten und fanden die letzten Schlaglöcher Europas. Beim Pothole Rodeo (= Schlagloch-Rallye) von Österreich über den Balkan und zurück erlebten sie Aufregendes, Faszinierendes und ganz viel Zusammenhalt.

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REISEN VERBINDET. 5.000 Kilometer in 12 Tagen beim Pothole Rodeo. Auf ihrer Abenteuerreise entdeckten Dani Reiter und Robert Bogner ihre Liebe zum Balkan. © privat

Schon kurze Zeit nachdem sie sich letztes Jahr im April kennengelernt hatten, beschlossen sie, gemeinsam etwas Verrücktes zu wagen, und meldeten sich für eine Rallye der besonderen Art an. „Es gehören viel mehr Dummheiten gemacht“, lacht Robert. Aber so dumm ist es gar nicht, wenn ein frisches Paar ein derartiges Abenteuer wagt. Denn so erkennt selbiges schon bald, ob die Kompatibilität in Ausnahmesituationen gegeben ist. Das Pothole Rodeo ist die europäische Abenteuer-Rallye durch den Balkan und das Baltikum. Es ist ein Low-­Budget-Roadtrip, bei dem nur Autos erlaubt sind, die weniger als 500 Euro kosten und mindestens 20 Jahre alt sind oder max. 50 PS haben oder mehr als 500.000 km gefahren wurden. Dabei geht es nicht um Geschwindigkeit oder wer es zuerst schafft, sondern das Ziel ist, gemeinsam durchzukommen!

Einfach war es nicht, aber das war ja auch nicht der Anspruch. Gestartet wurde am 21. August in der Südsteiermark. 128 Autos waren bereit für das Abenteuer: zwölf Tage, 5.000 Kilometer. Von Österreich über Slowenien, Ungarn, Serbien, Rumänien, Bulgarien, Griechenland und wieder zurück über Nordmazedonien, Albanien, Montenegro, Bosnien-Herzegowina nach Kroatien ins Ziel. Geschlafen wurde vorrangig in selbst aufgebauten Zeltstädten oder auf Campingplätzen. Einige Male mussten die Burgenländerin und der Niederösterreicher im Auto übernachten, zwischen allem Gepäck, weil es so stark regnete, dass ein Zelt­aufbau unmöglich war.


Pannen sind quasi vorprogrammiert

Bereits nach rund 120 Kilometern begann die Pannenserie: Ein gerissener Motorsensor legte die Armaturen-Anzeige lahm, kurz darauf wurde eine Luftfeder undicht und das Auto musste in Schieflage weiterfahren. Später beschloss das Auto, eine Strominkontinenz zu entwickeln, und die Autobatterie leerte sich ständig auf unerklärliche Weise. Zu guter Letzt der immense Reifenverschleiß, aufgrund dessen die letzten 800 Kilometer auf vollkommen abgefahrenen Reifen zurückgelegt werden mussten. Bei den Checkpoints konnten die Gebrechen teilweise mit anderen Mitstreiter*innen gemeinsam repariert werden. Der Zusammenhalt unter allen Teilnehmer*innen des Pothole Rodeo faszinierte das Paar.


Impressionen I
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Das Buzludzha-Denkmal in Bulgarien

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Vorbereitungen abgeschlossen – vor dem Start in Österreich

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Reifenwechsel – zumindest 1 alter Ersatzreifen war mit an Bord, der Rest wurde abgefahren bis auf die Felgen

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Platz der Revolution in Bukarest

Zeitvertreib im Auto

Zwölf Tage, 24 Stunden am Tag gemeinsam unter erschwerten Bedingungen zu verbringen, das schweißt zusammen und lässt in die Untiefen des anderen blicken – das war Daniela und Robert bewusst. Neben kleinen Unstimmigkeiten gab es jedoch keine Probleme, wie uns die beiden erzählen und sich dabei verliebt anblicken. Einzig die Navigation führte manchmal zu Unverständnis, war doch Dani für Karte, Navi und Google zuständig, während Robert das Fahrzeug lenkte. Doch beim Anblick der vielen fremden Städte, Nationalparks und Sehenswürdigkeiten blieb keine Zeit für langen Unmut. Die Highlights auf jeder Tagesetappe ließen die beiden manchmal ehrfürchtig verstummen. „Du hast rund um die Uhr Eindrücke, die du nicht kennst. Tiere, Landschaften, Sehenswürdigkeiten. Du siehst die Armut, die in den Balkan-Ländern herrscht, wie auch die wunderschöne Natur, die direkt vor deiner Nase vorbeizieht. In Albanien standen plötzlich Ziegen und Esel auf der Straße, wir konnten nicht weiterfahren. Einige Bären am Straßenrand haben uns veranlasst, sehr langsam zu fahren, sodass wir dieses Naturschauspiel beobachten konnten. Und die streunenden Hunde hätten wir am liebsten alle eingepackt und mitgenommen“, erinnert sich Robert. Auch mit weiteren Kuriositäten war diese abenteuerliche Reise gespickt, wie Daniela erzählt: „In Albanien saß eine ältere Frau mitten in einem Kreisverkehr und grillte Mais, den sie an stehenbleibende Reisende verkaufte.“ In einem albanischen Kinderheim machten sie Halt, um die von zu Hause mitgebrachten Sachspenden abzugeben. Die deutsche Ordensschwester vor Ort führte sie durchs Heim und sie durften die Gepflogenheiten dort kennenlernen. „Es war erschütternd. Das Kinderheim war ursprünglich eine Kindertagesstätte, doch irgendwann wurden die Mädchen nicht mehr abgeholt. Mit den Worten der albanischen Väter: ‚Entweder Sie nehmen sie oder wir bringen sie um.‘ Der Wert der Frau in solchen Ländern ist leider nach Jahrzehnten immer noch nicht der, der er sein sollte. Die Frauen gehen immer einige Schritte hinter den Männern, in den Cafés findest du ausschließlich Männer.“


Grenzen nur im Kopf

Neben solch bedrückenden Erlebnissen gab es aber auch zahlreiche positive und schöne Eindrücke, an einen erinnert sich Dani besonders gerne: „Als wir mit dem Auto nach Griechenland reingefahren sind, nach Thessaloniki, kamen wir von den Bergen ins Tal. Das war ein geiles Gefühl – wir haben es tatsächlich geschafft, mit einem Schrotthaufen nach Griechenland zu fahren!“ Der Spruch „Grenzen sind im Kopf – und sind sie nicht im Kopf, dann sind sie nirgendwo“ prägte für Robert dieses Erlebnis. Abgesehen von Roadtrips versteckt der 48-Jährige seine Verrücktheit gerne hinter einer seriösen Fassade. Als Unternehmer und Triathlet reiste er bereits viel um die Welt und wird von seiner Freundin Dani so beschrieben: „Sehr aufmerksam, liebevoll, chaotisch, intelligent. Robert ist zielstrebig, verliert sich auf dem Weg zum Ziel jedoch manchmal, aber dafür hat er nun ja mich“, lacht die 49-jährige Bilanzbuchhalterin. Und umgekehrt beschreibt Robert seine Dani mit: „Unendlich liebevoll, voller Lebensfreude, humorvoll und mit sympathischer Wildheit. Ich liebe ihre Spontanität.“ Die Erkenntnis, die beide gewonnen haben, ist, dass sie auch mit weniger gut leben können und nicht viel zum Glücklichsein brauchen. Und nach dieser außergewöhnlichen Reise sind sich beide sicher: Das war nicht der letzte gemeinsame Abenteuer-Trip – Afrika und Nordeuropa warten schon!

Impressionen II
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Kurzer Aufenthalt am Schwarzen Meer

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Mit Sachspenden zu einem Kinderheim in Albanien

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Große Freude beim Ankommen in Thessaloniki

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Bären in freier Wildbahn neben Albaniens Straßen


Fotos: privat