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People | 12.10.2022

„I kumm glei“

Wo Horst Horvath auch ist, er ist immer am Sprung, immer unterwegs, nicht gehetzt, aber doch sehr geschäftig. Ein Porträt zum 30er seines Verlags „edition lex liszt 12“.

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"Wenn man Ideen hat, muss man sie umsetzen.", Horst Horvath, Mann für eh alles © Viktor Fertsak

Ein bisschen habe ich mich vor diesem Porträt immer gedrückt. Wenn man jemanden seit 20 Jahren kennt und schätzt, müssen Behauptungen im Hinblick auf persönliche Sympathien noch intensiver reflektiert werden und der Druck, einem Freund in der Beschreibung gerecht zu werden, ist enorm. Dafür hat man einen Wissensvorsprung. Mir war beispielsweise klar, dass ich Horst Horvath nicht am prasselnden Kaminfeuer bei einer Tasse Tee interviewen werde, sondern irgendwo unterwegs. Also sehe ich ihm zum vereinbarten Zeitpunkt zu, wie er mit der Musikformation „Schilfgürtel“ einen Anhänger mit Bühnenequipment vor der Eisenstädter Dombastei händisch rangiert. „I kumm glei“, ruft er mir zu und bespricht noch mit Christine Heindl. Die beiden waren vor langer Zeit ein Paar, und damit das hier einmal erwähnt ist: Ihr gemeinsamer Sohn ist jenes „Skandalbaby“ (Achtung, Ironie!), das von seiner Mutter vor gut 30 Jahren als erstes Kind im Parlament gestillt wurde.

Ehe die Lesung mit „seinen“ „edition lex liszt 12“-Autor*innen beginnt, haben wir eine Stunde Zeit. Das genügt für einen Ausschnitt, später schickt er mir noch einen fast dreiseitigen Lebenslauf, in kleiner Schrift, prall gefüllt mit wichtigen Stationen. Horst Horvath wuchs in Neudörfl auf. An die Kindheit hat er keine Erinnerung, sagt er, da nahm er den Telefonjoker und rief die Mutter an; die Frage kam auch bei der ORF-Radiosendung „Mahlzeit Burgenland“, bei der er kürzlich zu Gast war. „Selbstständig waren wir, hat sie gesagt.“ Um fünf Uhr morgens verließen die Eltern, beide Arbeiter, das Haus, er und sein Bruder packten sich für die Schule zusammen, gingen und kamen eigenständig, die Eltern waren erst abends wieder daheim.


Erste Rebellion

Sehr viel Zeit hat er im Kinderfreunde-Heim verbracht. „Es war mein zweites Zuhause und ich hab’ sicher dort meine Hauptsozialisierung gekriegt.“ Den Beruf des Werkzeugmachers hat er sich nicht wirklich selbst ausgesucht, der Onkel war Dreher, die beiden Berufe galten als sicher und gut bezahlt. Als Lehrling machte er seine ersten rebellischen Gehversuche: etwa  bei der Aktion der Gewerkschaftsjugend „ÖGJ deckt auf“. „Wir wollten, dass Lehrlinge nicht putzen und einkaufen gehen müssen, sondern was lernen.“

Wenig später gehört ein Waffenproduzent zu den Auftraggebern, Horvath verweigert die Arbeit. Die Mutter wurde in den Betrieb zitiert, er selbst steckte sogar Tritte von den Gesellen ein, aber gegen seine Prinzipien verstieß er nicht, erzählt er. „Dann hab’ ich eine Besetzung der Firma angekündigt.“ Ein Zehnzeiler in der Zeitung der „Jungsozis“ habe gereicht und der Waffenproduzent zog sich zurück. „Allerdings haben mir danach die eigenen Leute vorgeworfen, dass ich Arbeitsplätze verhindert hätte.“ Da setzte er der parteipolitischen Karriere ein Ende, aber nicht dem Aufstehen gegen Ungerechtigkeit.

 

© Viktor Fertsak


Lichtermeer

Mit der Kandidatur Norbert Burgers von der NDP zur Bundespräsidentenwahl und den nachfolgenden Ereignissen schrillten seine Alarmglocken, Horst Horvath war einer der Hauptinitiatoren des antifaschistischen Aktionstages 1982. „Die größte parteipolitisch unabhängige Kundgebung der Zweiten Republik in Eisenstadt: 5.000 Leute kamen“, sagt er. Zehn Jahre später war er Teil des Organisationskomitees für das Lichtermeer gegen Fremdenfeindlichkeit und das Ausländervolksbegehren. „Ich wollte nie einer Partei angehören. Ich wollte mit Menschen arbeiten, Ziele unterstützen und nicht Karrieren. Antifaschismus ist kein Thema für eine Gruppe, das gehört auf große breite Füße gestellt, ich will immer alle an einem Tisch.“

Beruflich zog es Horvath parallel in den sozialen Bereich, Hand in Hand mit der Kultur. Bald nach dem Zivildienst im Kinderdorf Pöttsching kam er als Arbeitsmarktbetreuer nach Oberwart. Anfang der 1990er wurde er Geschäftsführer des Offenen Haus Oberwart, ebendort wurde – der Name ist inspiriert von der Adresse – edition lex liszt 12 aus der Taufe gehoben; das erste Werk war Peter Wagners Theaterstück „Lafnitz“.


Geschenk an Schulen

Projekte mit 212 Autor*innen wurden seither veröffentlicht, Bedingung ist stets ein Burgenland-Bezug; allein heuer gibt es 30 Produktionen zu managen. Für den Kraftakt, laufend Förder- und Sponsorengelder aufzutreiben, entschädigen schöne Projekte und Erfolge, sagt er. Er freut sich, wenn eine Größe wie Jutta Treiber ihre Erwachsenenromane bei lex liszt 12 herausbringt oder sich talentierte Newcomer an ihn wenden. Kürzlich erschien der sechste Band der Reihe „Junge Literatur“; er will sie den Bibliotheken aller Höheren Schulen im Land als Geschenk zur Verfügung stellen, „um die Jungen zum Schreiben zu motivieren“. Den Verlagsweg säumen ein Bruno-Kreisky- und ein Theodor-Kery-Preis, die Arbeit ist aber quasi eine ehrenamtliche Herzenssache, ein Hobby, erkärt er.

Angestellt ist Horst Horvath bei der Roma Volkshochschule Burgenland als Geschäftsführer. Eine Vielzahl an Events und Missionen sind unterm Dach seines Vereins K.B.K. (Kultur.Bildung.Kunst) organisiert: etwa REFUGIUS (Rechnitzer Flüchtlings- und Gedenkinitiative und Stiftung) oder bis vor Kurzem Burg Forchtenstein Fantastisch, aus dem er sich nach 25 Jahren zurückzog. „Wenn die Elfjährige sagt: ,Papa, arbeite weniger‘, dann denkt man nach“, beschreibt er. Sein (zweiter) Sohn ist 17; die starke Frau an seiner Seite ist die Fachhochschul-Professorin Heike Bauer-Horvath.
„Zeitweise bin ich schon ein Rabenvater, Zeit ist ja Mangelware“, bedauert er. Was er seinen Kindern mitgeben will? „Ehrlichkeit, Mut, dass sie keine Angst vor irgendwas haben.“ – „Hast du vor irgendwas Angst?“, frage ich ihn. „Nur vor mir selber, dass ich mir noch mehr aufhalse“, lacht er und späht über die Straße. „Oh, der Bürgermeister kommt schon“, sagt er und ruft sogleich hinüber: „I kumm glei.“


Infos und Lesungen: www.lexliszt12.at


Junge Literatur

Die Burgenländerin verlost 3 x die sechsbändige Reihe „Junge Literatur Burgenland“ von edition lex liszt 12.

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