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People | 09.11.2022

Es betrifft Uns alle

Wenn die Migrationsforscherin Judith Kohlenberger Widersprüche aufdeckt, ist man oft fassungslos, wie man sie zuvor nicht gesehen haben konnte.

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"Grundrechte kann man nicht einfach für die einen abstellen, während sie für die anderen weiter gelten.", Judith Kohlenberger, Migrationsforscherin © Elodie Grethen

Wenn Licht darauf fällt, glänzen die schwarzen Linien schön. Sie sind erhaben, man kann das Labyrinth um den neonorangen Titel mit dem Finger entlangfahren. „Manche fragen mich, ob es einen Ausweg gibt“, erzählt Judith Kohlenberger. „Nein, den gibt es nicht.“ „Als weißer Mittel- und Westeuropäer kann man das Thema Flucht schon mal wegschieben, es geht uns vermeintlich nichts an. Aber diese Annahme möchte ich erschüttern“, sagt die burgenländische Migrationsforscherin. Nehmen Sie das Buch zur Hand; wenn die Einblicke mehr und mehr ­Mythen entlarven, werden Sie es nicht mehr zuklappen. „Equal rights, fair play, justice, are all like the air; we all have it or none of us has it“, zitiert die Autorin die US-Bürgerrechtlerin Maya Angelou. Judith Kohlenberger wuchs in Wallern auf, also unweit der Brücke von Andau, wo 1956 viele Menschen aus Ungarn flüchteten. Die ersten Lebensjahre war da noch der Eiserne Vorhang, bei der Osterweiterung war sie ein Teenager. Sie studierte an der Uni Wien, in ihrer Doktorarbeit widmete sie sich noch einem eher „theoretischen“ Thema. Das Jahr 2015 ändert vieles; sie arbeitet an einer Erhebung unter den Geflüchteten mit. „Es ging darum, von der Frage wegzugehen, wie viele kommen, hin zu der Frage, wer kommt: Welche Bildungsabschlüsse, Qualifikationen und Absichten haben sie, alles grundlegende Sachen, die von Behörden nicht erhoben wurden, die aber für Integrationsbemühungen wichtig sind“, erklärt sie. Sie merkt, wie groß die Wissenslücken sind, wie viel Halbwahrheiten kursieren und wie sehr der Bereich gleichzeitig politisch und medial aufgeladen ist.

 

"So schwierig die Zuschreibung von Flüchtlingen als Bedrohung ist, so schwierig ist es, sie rein als Opfer zu sehen.", Judith Kohlenberger, Migrationsforscherin © Christian Lendl


BURGENLÄNDERIN: Du hast also gesehen, wie viel hier zu tun ist …

Judith Kohlenberger: Es ging um Fragen von Grund- und Menschenrechten, von Menschlichkeit und Humanitärem. Ich blieb dem Thema verhaftet. Die Studie war eine der ersten Erhebungen in Europa und die Basis dafür, dass sich ein Netzwerk zur deutschsprachigen Fluchtforschung etablierte. Kürzlich meldete sich bei einer Podiumsdiskussion eine Frau aus dem Publikum: „Allein schon, dass Sie Fluchtforscherin sind, stimmt mich optimistisch. Als ich in den 90ern nach Österreich kam, hat sich niemand dafür interessiert, wer und was wir sind.“


Wieso „Das Fluchtparadox“?

In welchem Bereich ich zuletzt auch gearbeitet habe, die Widersprüche zogen sich wie ein roter Faden hindurch: im System zum Thema Flucht und Vertreibung, das wir geschaffen haben, und  innerhalb der Narrative, wie wir über Geflüchtete reden und denken, welche Erwartungen wir an Ankommende, aber auch an die Aufnahmegesellschaft haben. Das Buch ist eine Zusammenschau von vielen Studien, die auf Paradoxe hinweisen; die Macht des Paradoxen liegt darin, sie als solche zu erkennen, um zur tieferen Wahrheit zu kommen.


Du fokussierst drei Phänomene …

Es sind drei zentrale paradoxe Momente, die sehr gut erforscht und mit Daten belegt sind, viele andere Widersprüchlichkeiten fließen mit hinein. Erstens: das Asylparadox. Es beschreibt die Unmöglichkeit des geltenden Systems, legal Asyl zu beantragen. Geflüchtete müssen Recht brechen, die Grenzen ohne Aufenthaltspapiere passieren, um in Österreich einen Asyl­antrag stellen zu können. Sie können ihn nicht von außerhalb stellen. Wir sprechen von „illegaler Migration“, obwohl es keine legale Möglichkeit gibt. Zweitens: das Flüchtlingsparadox. Wir erwarten uns, dass Geflüchtete schutzbedürftige, vulnerable Menschen sind, am besten Frauen und Kinder. Sobald sie einen positiven Asylbescheid haben, kommt eine andere Erwartung: Integration durch Leistung. Jene, die zuvor als Schwache definiert wurden, sollen sich leistungsbereit zeigen, sich am Arbeitsmarkt integrieren, selbstständig werden. Eine Person kann nicht beides. Die Leistungsstarken wären junge Männer gewesen, die 2015 kamen, aber die waren auch „nicht erwünscht“. Drittens: das Integrationsparadox. Erfüllt der Geflüchtete alle Erwartungen, weil er viel leistet, sozial aktiv ist und aufsteigt, trifft er auf mehr Ressentiments, weil er erfolgreicher und damit bedrohlich wird.

 

Judith Kohlenberger: „Das Fluchtparadox. Über unseren widersprüchlichen Umgang mit Vertreibung und Vertriebenen“, Kremayr & Scheriau, € 24,– © Verlag

 


Wen möchtest du erreichen?

Gerne auch die, die mit mir in den Widerspruch treten wollen. Das Buch soll eine Diskussion eröffnen, das Thema ist nie zu Ende gedacht. Allein seit der Drucklegung hat sich viel getan. Aktuell: Wie wird Europa mit den russischen Deserteuren umgehen? Warum müssen wir wieder Zelte aufstellen? Auch für die „eigene Blase“ hat es  einen hohen Wert. Wenn Menschen etwa pro Flüchtlingsaufnahme sind, kann es sie bestärken und es bietet die empirische Evidenz für die argumentative Basis.


Du schreibst, du wirst oft gefragt, ob du schon „in so einem Flüchtlingslager“ warst.  Warum ärgert dich diese Frage?

Weil ich sie häufig nach einem Vortrag gestellt bekomme, nachdem ich ausgeführt habe, was an den Strukturen falsch läuft. Das reicht nicht, man will noch genauer wissen, wie schlimm es ist. Da schwingt fast eine Sensationslust mit: Bitte beschreiben Sie in möglichst eindringlichen Bildern, wie arm diese Kinder in Moria wirklich sind. Auch ein Widerspruch: Wir haben das Bild von einem Flüchtling als Opfer, der mit dem letzten Hemd kommt. Aber ein Flüchtling kann auch eine ukrainische Person der gehobenen Schicht im SUV sein. So schwierig die Zuschreibung von Flüchtlingen als Bedrohung ist, so schwierig ist es, sie rein als Opfer ohne Handlungsmacht zu zeigen. Es geht nicht um Almosen; die Menschen haben einen Rechtsanspruch auf Schutz und Aufnahme. Was wenige wissen: Die Genfer Flüchtlingskonvention hatte einen engen Fokus auf europäische Vertriebene; es wurde aus der Erfahrung nach dem Zweiten Weltkrieg verabschiedet. Damals waren wir die Flüchtlinge.


Plakativ gefragt: Warum flüchten aus Syrien eher Männer, aus der Ukraine kommen Frauen mit Kindern?

Da gibt es zwei Ebenen. Die eine ist der jeweilige Krieg im Hintergrund. In der Ukraine ist es ein Angriffskrieg mit einem Aggressor von außen; die Ukrainer wollen sich zur Wehr setzen und das Land verteidigen, die Frauen verlassen zur Sicherheit das Land. In Syrien ist das Regime im Land ein repressives, dort herrscht Bürgerkrieg. Sehr viele syrische Männer wollen nicht gegen die eigenen Landsleute kämpfen; wenn sie sich verweigern, werden sie verfolgt, interniert, gefoltert. Die zweite Ebene: Die Syrer*innen hatten keine legalen Fluchtmöglichkeiten. Der Weg nach Wien ist sehr teuer und gefährlich. Das kann sich oft nur eine Person pro Familie leisten; das ist häufig der Mann, in der Hoffnung, dass er später über das legale Instrument der Familienzusammenführung Frau und Kinder zu sich nachholen kann. All das fällt bei der Ukraine weg; die Menschen durften legal einreisen. Wer 2015 gerne mehr Familien unter den Ankommenden gesehen hätte, hätte sich für legale Fluchtmöglichkeiten einsetzen müssen.


… das tut ihr mit „COURAGE“.

Wir gründeten die Organisation nach dem Brand im Flüchtlingslager auf Lesbos 2020 und setzen uns für legale Fluchtwege ein. Der Fokus ist auf den griechischen Inseln, weil da deutlich wird, dass es sich um europäischen Grund und Boden handelt, trotzdem werden Grund- und Menschenrechte nicht eingehalten. Trotzdem kommt es zu Zuständen, die Europa unwürdig sind. Man kann diese Rechte nicht für die einen abstellen, während sie für die anderen weiter gelten. Man sieht in der Geschichte immer wieder, dass die Beschneidung von Grundrechten bei Minderheiten beginnt. Doch das kann auch das Einfallstor für den Abbau von Grundrechten für andere Gruppen sein.


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Dr.in Judith Kohlenberger © Elodie Grethen

KURZBIOGRAFIE

Judith Kohlenberger wuchs in Wallern auf und ist Kulturwissenschaftlerin und Migrationsforscherin am Institut für Sozialpolitik der WU Wien. Dort forscht und lehrt sie zu Fluchtmigration, Integration und Zugehörigkeit. 2015 war sie an einer der europaweit ersten Studien zur großen Fluchtbewegung beteiligt. Ihre Arbeit wurde in internationalen Journals veröffentlicht und mit dem Kurt-Rothschild-Preis 2019 sowie dem Förderpreis der Stadt Wien ausgezeichnet. Judith Kohlenberger gastierte kürzlich auf der Friedensburg Schlaining beim Friedens­pädagogik-Symposion „Von Flucht und Freiheit – Frieden beginnt in mir“.