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People | 14.11.2022

Humor ist vielschichtig

Von einem kollektiven Überforderungszustand und der globalen Verblödung bis hin zu Sagern, die er lieber nicht gesagt hätte. Kabarettist Alex Kristan im persönlichen Talk mit Chefredakteurin Nicole Schlaffer.

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Alex Kristan, Kabarettist © Vanessa Hartmann

Der Backstage-Bereich des Globe (Anm.: Kulturhalle in St. Marx/Wien) könnte sicher viele Geschichten erzählen. In einigen davon spielt wahrscheinlich auch Alex Kristan eine Rolle. Doch seine wilden Jahre scheinen vorbei zu sein – immerhin ist er seit Kurzem 50 und erholt sich jetzt von Partys, auf denen er nie gewesen ist. Mit seinem 4. Soloprogramm „50 Shades of Schmäh“ tourt er gerade durch ganz Österreich. Im Interview in besagtem Backstage-Bereich wirkt er alles andere als müde – ganz im Gegenteil.

Alex, überall sprießen derzeit die barrierefreien und altersgerechten Bungalows „50+“ aus dem Boden, direkt hinter den Altersheimen, damit der Weg dann nicht mehr so weit ist. Das klingt wie der Anfang vom Ende. Du bist jetzt 50+, sagst aber voller Optimismus, dass erst das erste Lebensdrittel vorbei ist. Woher kommt diese Einstellung?

Es ist egal, ob du 30, 40, 50 oder 60 bist, die beste Zeit ist immer JETZT. Weil das Leben eine permanente Unbekannte ist – das Stabilste ist die Veränderung. Du weißt mit 50 nicht, ob du 51 wirst. So platt das auch scheint, aber „Carpe diem“ (Anm.: lat. für „Nutze den Tag“) ist extrem wichtig. Heftig ist nur der Umstand, dass die Zeit ab 40 viel schneller vergeht, aber wenn man es mit Humor nimmt, dann geht’s gut.


Du bist mit 30 auf Umwegen Kabarettist geworden, warst davor im Marketing und als Sportjournalist unterwegs. Wenn du heute zurückblickst: Hätte dir überhaupt etwas Besseres passieren können?

Nein, in Wahrheit nicht. Weil ich durch eine glückliche Fügung des Schicksals zu meiner Berufung gefunden habe. Ich bin jetzt dort, wo ich sein soll, das war wohl so für mich vorgesehen. Ich hab mich auch immer auf mein Bauchgefühl verlassen. Ich mache das, was mir extrem Spaß macht, das ist ein großes Privileg. Ich sehe meinen Job nicht als Arbeit, ich folge meiner Berufung. Ich glaube nicht an Zufälle, sondern ich glaube, es fällt einem zu, was fällig ist.


Wie schaffst du es, auf dein Bauchgefühl zu hören, wenn die Welt so schnelllebig ist?

Jeder hat einen inneren Seismografen und ich folge meinem, das führt dann meist zu den richtigen Entscheidungen. Reflektieren ist aber wichtig. Gerade in einer Zeit, wo eine Vielzahl an Informationen auf uns einprasselt, müssen wir uns umso mehr freischaufeln. Erschöpfungszustände, Burnout, Depressionen etc. resultieren daraus, dass der Mensch in einem kollektiven Überforderungszustand ist. Wir müssen ständig Entscheidungen treffen, pausenlos etwas bewerten, Daumen hoch, Daumen runter, Mails und Nachrichten beantworten … Das Leben ist hastiger geworden. Ich steuere da bewusst entgegen, indem ich mir kleine Auszeiten nehme. Ich gehe mit dem Hund in den Wald, dort kann ich auslüften und meine Gedanken ordnen.


Du stehst in der Öffentlichkeit und bist ständig Beurteilungen ausgesetzt. Was macht das mit dir?

Ich bin in der angenehmen Situation, dass ich keine Steuererhöhungen oder Wurzelbehandlungen verkaufe, sondern Spaß. Dass ich nicht ausnahmslos jeden zum Lachen bringe, ist nur eine normale und logische Folge meines Berufs. Humor ist so vielschichtig. Er gefällt oder gefällt nicht, wie beim Wein. Es gibt keinen schlechten Wein, es gibt nur „schmeckt mir“ oder „schmeckt mir nicht“. Jeder gibt sein Bestes, keiner macht absichtlich schlechten Wein oder schlechtes Kabarett. Ich versuche das, was mir am Herzen liegt, humoristisch aufzubereiten. Recht hat immer das Publikum, das gibt die Antwort. Wenn die Menschen lachen, hast du sie erreicht.

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"Satire, die viel darf, muss auch viel können.", Alex Kristan, Kabarettist © Vanessa Hartmann

Du orientierst dich bei den Themen eher an Lebens- und Freizeitgestaltung, arbeitest dich nicht wie viele andere an der Politiklandschaft ab. Warum?

Politik ist für mich zu einem „­Dirty Business“ verkommen. Es herrscht große Politikverdrossenheit, die Leute fühlen sich nicht mehr abgeholt. Ich bin ein wacher Beobachter der Politik, aber um Polit-Satire zu machen, müsste ich viel tiefer in die Materie eintauchen, und das macht mir keinen Spaß. Ich mag den Leuten am Abend nicht noch mal den Kübel drüberleeren, den sie eh den ganzen Tag hören.


In deinem 4. Soloprogramm lässt du tiefer in dich hineinschauen und das Publikum deine Einstellung und Meinung wissen. Gib uns ein Beispiel: Was nervt dich, was bewegt dich?

Ich erlaube mir nun mit 50 mehr Kante. Im Wort „Unterhaltung“ steckt auch das Wort „Haltung“. Ich nehme mir jetzt heraus, meine Haltung und meine Meinung im Kabarett zu sagen. Ich kann mit dem Werkzeug der Satire den Leuten einen Spiegel vorhalten, sie können reinschauen und sagen, ob ihnen das gefällt oder nicht. Mich nervt zum Beispiel, dass wir in Zeiten von Klimaproblemen und Teuerung eine Fußball-WM in Katar machen. Oder dass die Winterspiele 2029 an Saudi-Arabien vergeben wurden.  Oder dass wir eine Winnetou-Kinderbuch-Debatte führen, anstatt der indigenen Bevölkerung nicht zugunsten von Gewinnmaximierung Lebensräume wegzunehmen. Fast äquivalent zur globalen Erwärmung ist die globale Verblödung. Ersteres ist immer Teil der Medienberichterstattung, auf Zweiteres muss ich auf der Bühne hinweisen.


Wie schmal ist der Grat zwischen „jemanden durch den Kakao ziehen“ und „jemanden durch den Dreck ziehen“? Was darf ein Parodist/Kabarettist und was nicht?

Sehr individuell. Auf der einen Seite ist Satire im Grenzbereich zu Hause, wenn Satire nicht polarisiert, ist sie keine Satire. Aber seit dem Satz vom Herrn Tucholsky von vor über 100 Jahren (Anm: „Satire darf alles“, Kurt Tucholsky, 1919) hat sich die Welt weitergedreht. Sich heute hinzustellen und zu sagen, das hat man auszuhalten, weil das ist Satire … kann man machen, würde ich aber nicht. Jemanden aufgrund eines billigen Lachers zu diskreditieren, nur um ein bisschen für Schlagzeilen zu sorgen, ist mir zu billig und zu eindimensional. Satire darf vieles, aber sie muss auch was können.


Ist dir so ein Fauxpas schon mal passiert, wo du im Nachhinein gemerkt hast, das war jetzt zu viel?

Sicher. Vor vielen Jahren hab ich gesagt: „Natascha Kampusch soll eine eigene Fernsehsendung bekommen, wahrscheinlich soll sie die Quoten aus dem Keller holen.“ Schon als ich es sagte, dachte ich mir: komplett unnötig, blöde Meldung, völlig wertlos. Das würde ich heute nicht mehr machen.


Bist du auch im privaten Freundeskreis der Wuchtelschieber?

Meinen Freunden ist mein Job komplett wurscht. Die kennen mich aus meiner Zeit vor dem Kabarett. Der Schmäh rennt, aber nicht wegen mir, sondern weil wir eine homogene Runde sind. Da gibt es Leute, wegen deren Wuchteln ich Tränen lache. Wenn ich privat wo eingeladen bin, genieße ich es, in der zweiten Reihe zu stehen, zuzuhören anstatt zu reden. Wenn ein Urologe am Tisch sitzt, geh ich ja auch nicht hin und sag: Es brennt a bissl beim Urinieren, können S’ amal schaun, was da is?


Privat lebst du mit deiner Frau und deiner 15-jährigen Tochter in Maria Enzersdorf. Wie ist das Leben mit einem Teenager-Mädchen?

Wie in jedem Haushalt mit Teenagern gibt es große Herausforderungen. Sie sucht den Grenzbereich, testet, wie weit sie gehen kann. Die Balance für Eltern zwischen Regeln machen und loslassen ist nicht immer einfach. Aber unsere Tochter ist gut in der Schule und auch verlässlich bei Abmachungen, es gibt eine starke Vertrauensbasis. Solange das so läuft, ist alles gut.


Was sollten wir neben Humor und Gesundheit in turbulenten Zeiten wie diesen nicht verlieren?

Wir sollten das Bewusstsein nicht verlieren, dass wir nur als Gesellschaft stark sind und nicht als Einzelkämpfer. Die Spaltung gilt es wieder zu schließen. Wir als Humoristen beweisen hier unsere Systemrelevanz. In einer Gesundheitskrise geht es um die System­erhalter, die Gesundheits- und Pflegeberufe beispielsweise, aber jetzt geht es darum, die mentale Gesundheit wieder­herzustellen. Die Leute sind ausgehungert nach Unterhaltung und Spaß, da sind wir Berufslustigen gefragt.


Wordrap mit Alex Kristan

Welche Eigenschaft würde dir wohl keiner deiner Freunde attestieren?

Humorlosigkeit.

Worüber kannst du dich maßlos ärgern und worüber irrsinnig freuen?

Ich ärgere mich wahnsinnig über unechte Leute, Falschheit. Und ich freue mich extrem über Aufrichtigkeit.

Wann hast du das letzte Mal bis zum Morgengrauen durchgefeiert?

(Denkt lange nach) Wahrscheinlich bei der Hochzeit eines Freundes, keine Ahnung, ist schon lange her.Ich bin froh, wenn ich beizeiten ins Bett komme.

Wie kann die Welt noch gerettet werden?

Lachen kann man in jeder Sprache der Welt, und wenn wir uns darauf besinnen, ist ein wichtiger Beitrag geleistet.

Welchen klugen Rat über Frauen würdest du deinem jüngeren Ich geben?

(Überlegt und zögert sehr lange, dann murmelt er zu sich selbst) Da musst jetzt sehr aufpassen, was du sagst … (und sagt dann laut) Hör ihnen zu, hör besser hin. (Wieder Pause) Oder eigentlich war der erste Impuls der richtige: Pass auf, was du sagst!


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Alex Kristan im Gespräch mit Chefredakteurin Nicole Schlaffer im Backstage-Bereich des Globe Wien © Vanessa Hartmann

Kurzbio Alex Kristan

  • Geboren am 24. April 1972 in Mödling.
  • Verheiratet, Vater einer 15-jährigen Tochter, wohnt in Maria Enzersdorf.
  • Ausbildung: Kolleg für Markt- und Unternehmenskommunikation an der Werbeakademie Wien, anschließend Brandmanager für einen Auto­hersteller, einjährige Sprecher­ausbildung, zweijährige Berufs­erfahrung als Formel-1-Reporter.
  • In seiner Zeit als Formel-1-Reporter begann er Persönlichkeiten zu beobachten und zu studieren.
  • 2001 schlitterte sein damaliger Arbeitgeber in die Insolvenz und Alex musste mit 29 überlegen, wie es weitergehen soll.
  • Er begann mit kabarettistischen Moderationen für diverse Auftrag­geber*innen.
  • 2004 gewann er bei der ATV-­Castingshow „Österreich sucht den Comedy Star“, von da an ging es mit der Karriere weiter bergauf.
  • 2010, Bühnendebüt „Ärztlich Willkommen“ zusammen mit einem Arzt.
  • 2012 startete seine Karriere als Solokünstler.

Spieltermine

„50 Shades of Schmäh“. In Latex­panier mit Peitsche in der Hand wird man Alex Kristan in seinem 4. Solo­programm auf der Bühne zwar nicht sehen, dafür aber mit Ecken, Kanten und Haltung. Für November und Dezember gibt es nur noch einige Restkarten. Das Programm spielt er aber zum Glück auch 2023 in ganz Österreich.

Alle Termine unter: www.alexkristan.at