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People | 25.01.2023

Lieber ohne Firlefanz

Tom Pronai steht seit jeher für Musik pur: als Künstler, Tontechniker, Produzent und Veranstalter. Darum pilgern Ernst Molden und Co. zu ihm in die Cselley Mühle.

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Bewusste Reduktion. Tom Pronai gilt längst als Koryphäe für analoge Aufnahmen. Garish setzt schon lange auf ihn, kürzlich nahm die Neuentdeckung „Das schottische Prinzip“ in seinem Studio in der Mühle auf. © Vanessa Hartmann

Bioschokolebkuchen liegt am Tisch bereit. Der Gedanke, dass auf demselben Sofa gar nicht so lange davor Willi Resetarits, Ernst Molden oder die fabelhafte Anna Mabo saßen, ist schön. Musikschaffende werden auch weiterhin dort sitzen; im neuen Kapitel der Cselley Mühle ist Tom Pronais Container-Recordings-Studio fixer Bestandteil.
Dann plaudern wir los und kommen gleich zum Kern. Zu jenem Part seiner Arbeit, der alles andere beseelt: seine eigene Musik. „The New Mourning“ heißt die aktuelle Formation; gemeinsam mit Michi Rieder, Georg und Gerald Allacher veröffentlichte er zuletzt das Album „When the Light Fades“. Die Platte ist heilsam. Nicht im meditativen Sinn, ganz im Gegenteil, die Herren hauen mitunter ganz schön auf die Pauke. Genussvoll ist sie, weil die Musiker sich Zeit und Raum für die Nummern nehmen, sie in vollen Zügen auskosten. Da darf ein Song schon mal über mehr als acht Minuten gehen; das erlaubt ein Eintauchen und ein Entfalten von Emotionen.
Tom Pronai, mittlerweile dreifacher Vater, ist Musiker, Tontechniker, Produzent und Veranstalter. Die ersten quasi öffentlichkeitswirksamen Schritte tat er in jungen Jahren mit der Band Brackisch Gargle. Wann das war? Mit den Jahreszahlen hat er’s nicht so, sagt er, hüpft auf und geht zielsicher zu einem Regal. „Aber ich kann alles mit Kassetten und Platten beziffern“, lacht er und kramt eine Kassette hervor: „Na bitte, die Aufnahme haben wir 1994 gemacht, da hat es uns aber schon zwei Jahre gegeben.“


BURGENLÄNDERIN: War dir schon jung klar, dass du die Musik ernsthaft verfolgen willst?

Tom Pronai: Lustigerweise habe ich sehr intensiv Fußball gespielt, war kurz vor dem Sprung zum Profifußball. Mit 18 war das vorbei; ich hab’ selbst die arge Entscheidung getroffen: Ich mache nicht Fußball, sondern Musik (lacht).


Hat dich was angezipft am Fußball?

Das hierarchische System und dass ich davon abhängig war, ob mich der Trainer spielen lässt oder nicht. Ich habe erst jetzt mit meinen Kindern wieder mit Fußball angefangen. Es macht schon Spaß und ich kann noch alles, obwohl ich so viele Jahre nicht gespielt hab’.


Du bist jetzt hauptverantwortlich für die Tontechnik in der Mühle. Der Kreis schließt sich, du hast hier begonnen …

Genau, wir haben Konzerte und Performances im Kellertheater veranstaltet. Ich habe damals die Ausbildung am SAE Wien (Creative Media Education, Anm.) gemacht und das gleich angewendet.


Das war dann also die fixe Berufsentscheidung in Richtung Musik.

Ich habe nie große Pläne gemacht, aber das getan, was mir Spaß gemacht hat, und bin immer wieder zu den richtigen Leuten gekommen, die mit mir gearbeitet haben.


Was gibt dir die Musik, kannst du das in Worte fassen?

Ich glaube nicht, es war immer Teil meines Lebens (lacht). Es gibt für mich nur Familie und Musik. Ich habe kein anderes Hobby, ich brauche nix Drittes.


Du stehst auf der Bühne und arbeitest auch hinter den Kulissen. Wie erlebst du die beiden Welten?

Das auf der Bühne ist wichtig für meinen Geist und mein Wohlbefinden. Für mich gehört aber zum großen Kosmos Musik eben dazu, auch Platten zu produzieren oder den Sound für ein Konzert zu machen. Tontechnik und Musik gehen immer Hand in Hand. Ich mag die vielen Aspekte und auch, dass bei mir die Phasen mit verschiedenen Schwerpunkten wechseln. Mit der Beautiful Kantine Band war ich kaum im Studio; zu unseren besten Zeiten haben wir im Jahr rund 100 Konzerte gespielt.


Wie lang gab es euch?

Neun Jahre, dann haben wir uns von einem Tag auf den anderen getrennt. Zu der Zeit hatte ich kein Studio und es war das erste Mal, dass ich mit nix dagestanden bin. Da habe ich die Zeitung aufgeschlagen und mir einen Job gesucht: Ein Jahr lang habe ich Brot ausgeführt. Danach habe ich Schritt für Schritt begonnen, wieder in neue Geräte für ein Studio zu investieren. Zunächst bin ich immer digitaler geworden, leider. Irgendwann musste ich feststellen, dass ich mit diesen unendlich vielen Möglichkeiten, die der Computer für Musik bietet, nicht zurechtkomme. Ich hab’ viele Produktionen von früher gehört und fand, dass sie mindestens so gut waren, wenn nicht besser. Da wurde mir klar, dass meine Stärken in der analogen Aufnahme liegen – und ich hab’ wieder begonnen, mit einer alten Bandmaschine zu arbeiten. Zu den ersten, die quasi wiederkamen, gehörten Garish und wir machten dieses super Album „Wenn dir das meine Liebe nicht beweist“.

 

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Unverfälscht

Bei Tom Pronais Container Recordings in der Cselley Mühle

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"Kleine Bands müssen sich heute eingestehen, dass sie die Musik nur noch als Hobby betreiben können, das ist hart.", Tom Pronai, Musiker, Tontechniker, Produzent und Veranstalter

Es tut sich aktuell sehr viel in der Musikszene …

Da bin ich nicht ganz der Meinung.

Inwiefern?

Die österreichische Musikszene war immer schon extrem gut und kreativ. Was ich für Bands in den 90ern gesehen hab’! Die haben halt nicht vor 5.000 Leuten in Schönbrunn gespielt, sondern vor 30, 40 bei uns im Kellertheater oder im F & M Pub in Mattersburg. Das Problem ist, dass heute auch in der Musik­szene die Schere aufgeht: Die Großen werden größer, die Kleinen haben immer weniger Möglichkeiten; alle wollen vom großen Kuchen mitnaschen, für die Kleinen gibt es dann weniger Veranstaltungslokale, weniger Platz in den Medien und weniger Geld. Spotify ist ein Teil dieser neuen Weltordnung. Als kleine Band muss man sich heute eingestehen, dass man die Musik nur noch als Hobby betreiben kann, überhaupt wenn du beispielsweise schon Familie hast. Das ist hart und garstig, was grad passiert.


Eine Gegenbewegung zu all dem ist sozusagen Ernst Molden …

Ja, ich habe das große Glück, dass sein Umfeld bei diesem Mainstream-­Ding nicht mitmacht. Ich habe mit seinem Management, also Charlie Baders Medienmanufaktur, einen schönen Hafen gefunden, wo das Menschliche zählt.


Was ist für dich eine gute Produktion?

Sie lebt nur von guten Songs. Meine Intention ist es, die Songs so zu bringen, wie sie sind. Ich will ihnen nicht meinen Stempel als Produzent aufdrücken. Sie sollen so klingen, wie die Band sie spielt.


Du bist im neuen Mühle-Team nun Cheftontechniker. Wie gehst du das an?

Meine Philosophie ist auch dabei: nicht zu viel technischer Firlefanz.


Du hattest nie einen Nine-to-five-Job, arbeitest oft auch abends. Wie verträgt sich das mit dem Vatersein?

Wenn ich auf Tour und mehrere Abende weg bin, ist das natürlich eine Belastung für die Familie. Wenn ich aber grad vorrangig in Oslip arbeite, versuchen meine Frau und ich uns alles gut aufzuteilen, weil ich mir dann auch einiges frei einteilen kann. Da bringe ich die Kids in die Schule, koche und wir essen gemeinsam zu Mittag. In die Mühle fahr’ ich ja mit dem Radl.


Nach der Beautiful Kantine Band folgte mit etwas Abstand Bo Candy & His Broken Hearts; wie kam es zur aktuellen Formation The New Mourning?

Ich hatte schon länger gespürt, dass ich eine Veränderung brauche. Der Schlüsselmoment kam mit Pete Astor auf Tour; er hatte mich für seine Deutschland-Termine als Schlagzeuger engagiert. Die Lieder hat er mir davor teilweise nur als Handyaufnahmen geschickt; in Münster haben wir uns zum Soundcheck getroffen und sind am selben Abend aufgetreten. Er und seine Musiker sind einfach mit ihren Instrumenten gekommen, haben in Anlagen angesteckt, die wir dort geliehen haben, und wir haben gespielt; jedes Lokal war komplett voll, eine echt schöne Tour. Dieses Unmittelbare hab’ ich in unserer Szene schon vermisst, da muss immer alles überprofessionell sein. Ich bin dann heim und wusste, wie ich meine neue Band haben möchte; die Idee war, Musik so reduziert wie möglich auf die Bühne zu bringen.


So entstand das Album „When the Light Fades“, mit dem ihr gerade unterwegs seid. Was ist gerade noch aktuell, du wirkst auch in anderen Bands mit?

Mit Thomas Andreas Beck haben wir zuletzt das sehr schöne Album „Ernst“ gemacht; ich spiele auch mit Anna Mabo, „Notre Dame“ haben wir bei mir aufgenommen. Und das darf ich jetzt auch verraten: Anfang 2023 kommt „Winzer“, das Album, das wir mit Le Charmant Rouge vor fast exakt 20 Jahren das erste Mal veröffentlicht haben, erstmals auf Vinyl heraus. 


CONTAINER RECORDINGS


Potpourri. Das schottische Prinzip: Jolly, Thomas Andreas Beck mit Thomas Pronai: Alles brennt, Bo Candy: Uzlop, Der Nino aus Wien: Eiszeit, Ernst Molden & das Frauenorchester: Neiche Zeid, The New Mourning: When the Light Fades, Anna Mabo: Notre Dame, Molden/Strauss/Pixner/Petrova: Oame Söö.

Info: containerrecordings.at