Klima: Blick in die Zukunft

Geosphere Meterologe Gerhard Hohenwarter im Talk

5 Min.

Am Flughafen wacht Meteorologe Gerhard Hohenwarter über das Wetter und die Klimaentwicklung. Februar und März lagen gute fünf Grad über dem Durchschnitt – ein Jahrtausendwinter. Was sagt der Wetterprofi zur aktuellen Entwicklung, wie wird der Sommer und wie steht er zum Klimaaktivismus? Wir haben den Villacher zum Gespräch getroffen.

DER TALK RUND UM’S KLIMA

War der zu warme Winter  ein erwartbarer Prozess oder ein Klima-Aufschrei?

Hohenwarter: Monate wie der Februar sind Weckrufe, wie schon 2003 der Sommer, als der breiten Öffentlichkeit erstmals der Klimawandel bewusst wurde. Heuer trifft es die Ski-Industrie massiv, in Wien gab es im Februar keinen einzigen Tag unter neun Grad Tageshöchstwert, da vergeht die Lust, weit zum Skifahren anzureisen. Besonders im Osten Österreichs war der Februar herausragend warm. In Kärnten gab es teilweise schon wärmere Februare. Aber das waren einzelne Monate. Jetzt reiht sich dieser Februar aber in eine Reihe von zu warmen Monaten ein und ragt noch einmal heraus. Leute argumentieren oft, das hätte es früher schon gegeben. Ja, aber nur Einzelereignisse und nicht diese Häufung, wie wir sie jetzt erleben. Und da haben wir den Unterschied zwischen Wetter, natürlichen Klimaschwankungen und dem Klimawandel. 

Können Sie den Unterschied genauer erklären?
Wetter gibt es in einem kalten Klima und in einem warmen Klima. Wetter bedeutet kurzfristige Abläufe, Minuten, Stunden, Tage – Einzelereignisse. Das Klima ist ein mittlerer Zustand. Wenn ich einen langfristigen Zustand habe, zum Beispiel Temperaturanstieg, ist das das Klima. Wir sprechen von einer 30-Jahres-Periode, im Moment 1991 bis 2020, in der wir Vergleiche ziehen. Wetter sind kurzfristige Prozesse, Klima ist was Langfristiges. In jedem warmen Klima kann es ein kaltes Jahr geben, in jedem kalten Klima kann es ein warmes Jahr geben. Wir sind in einer warmen Phase und in dieser gibt es nochmal deutlich wärmere Jahre. Das ist ein Trend nach oben, den wir in seiner Intensität Jahrtausende nicht hatten. Begünstigt wird das durch eine verwundbare Umgebung und veränderte Abhängigkeiten. Es gibt riesige Monokulturen, wir sind wirtschaftlich abhängig von Soja aus Brasilien und Getreide aus der Ukraine. Wir sind abhängig von einem Klima von vor 30 Jahren, auf dem diese Wirtschaft basiert. 

Kann man da noch Langzeitprognosen erstellen?
Wenn wir die Klimaprognosen für die nächsten 20 bis 70 Jahre hernehmen, sind das keine klassischen Vorhersagen, sondern Szenarien, die aber im Mittel relativ treffend sind. Schon mit den ersten Modellen in den 70er Jahren hat man die jetzige Temperaturentwicklung weltweit gut erfasst. Lokale Ausreißer sind möglich und normal und kein Argument gegen den Klimawandel. Die Frage ist – wie lange geht es so gemütlich weiter? Im Klimasystem gibt es Kipppunkte, Ökosysteme, deren Zerstörung irreversible Prozesse im Klima und sprunghafte Temperaturanstiege bedeuten, wie das Eis der Antarktis, die Nadelwälder der Tundra oder der Golfstrom. Wenn der zum Erliegen kommt, dann würde das im Winter für Mittel- und Nordeuropa zwar einen Temperaturrückgang bedeuten, weltweit aber eine Erwärmung. Da wären Getreideernten, Nahrungsgrundlagen, massiv gefährdet. Die Klimaprognosen sind mit Vorsicht zu genießen und werden auch entsprechend kommuniziert. Es gibt eine große Bandbreite. Wo wir landen, hängt von unserem Tun ab. Aber der Erwärmungstrend geht weltweit weiter.

Führt das zu Völkerwanderungs- und Flüchtlingsbewegungen?

Pro Grad Anstieg soll ca. eine Milliarde Menschen direkt oder indirekt betroffen sein. Wenn ich wegen einer Überschwemmung nicht mehr in meinem Haus leben kann, dann suche ich regional Zuflucht. Aber auch Migration innerhalb eines Landes bringt Verteilungs- und Versorgungsprobleme, wenn z. B. ganze Landstriche nicht mehr bewohnbar werden. Dabei ist nicht nur Trockenheit, sondern der Meeres-
spiegelanstieg ein großes Thema, weil die Gebiete auch nicht mehr landwirtschaftlich nutzbar sind. Ein Zentimeter Meeresspiegelanstieg klingt unspektakulär, aber auf 50 Jahre ist das ein halber Meter, wo Landstriche in Südostasien, Nordeuropa oder auch New York bei Fluten unter Wasser stehen. Auch die Gefahr, dass um Rohstoffe gekämpft wird, um Ernährungsrohstoffe, nicht mehr um Öl oder Gas, wird steigen. Wasser brauchen wir alle. 

Wie steht es um die Zukunft des Skisports?

Klimastudien zeigen, dass die nächsten 25 Jahre ein Skibetrieb in mittleren und größeren Höhenlagen oberhalb von 1500 m möglich sein sollte, also z. B. Klippitztörl, Katschberg, Turrach, Nassfeld, Bad Kleinkirchheim und Gerlitzen zumindest oben. 

Wie denken Sie persönlich über Klimaaktivismus? 

Aktivismus ist der erste Schritt zu einer Veränderung. Klimaaktivisten regen sich auf, weil sie ihre Zukunft in Gefahr sehen. Wir akzeptieren negative Folgen des Klimawandels und regen uns über die auf, die es nicht akzeptieren. Natürlich kann man sich die Frage stellen, ob die Art von Protest die richtige ist. Aber wenn etwas so polarisiert und sich Menschen furchtbar aufregen, dann hat es etwas getriggert. Weil ich vielleicht merke – ich rege mich darüber auf, dass die Rettung nicht durchkommt, aber in Wahrheit kommt sie nicht durch, weil ich hier jeden Morgen im Stau stehe. Ich bin zwiegespalten, weil ich immer versuche, die Zukunft positiv zu malen – stell dir eine Stadt vor, in der es ruhig und sauber ist, in der es Bäume gibt, die entschleunigt ist. Wir brauchen Leute, die positiv nach außen gehen, um Dinge zu verändern und andere mitzunehmen. Denn es braucht nicht 100 Prozent der Gesellschaft für eine Veränderung, auch der Einzelne kann viel bewirken. Das zu leugnen, ist falsch. „Was bringt es denn schon, wenn ich mich bemühe“, sagten Millionen von Menschen.

Erwartet uns heuer wieder ein Sturmsommer wie 2023?

Das ist schwer zu sagen. Warme Luft kann mehr Feuchtigkeit und Energie aufnehmen und abgeben. Es gibt nicht mehr Gewitter als früher, sie sind heftiger. In warmer Luft ist das Gewitter stärker. Es braucht auch die Luftfeuchtigkeit und die Windverhältnisse. Im 23er Sommer hat das perfekt zusammengepasst, da war fast bei jeder Gewitterlage ein Schwergewitter dabei, mit entsprechenden Schäden. Der Sommer 22 war extrem trocken, mit Problemen in der Wasserversorgung, und 23 das genaue Gegenteil. Es ist zu erwarten, dass diese heftigen Ereignisse mehr werden. Aber es ist einmal mehr, einmal weniger – das ist normal und wir könnten heuer auch verschont bleiben.

Gerhard Hohenwarter im Interview
Gerhard Hohenwarter © Peter Just

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